Absch ri f t.

Richter an Drevermann, 20. 3. 30,

Blatt 2

Wesen, sein Wissen und Können, seine schöpferische Kraft so hätte ent­wickeln und zugleich in solcher W^ise für die Allgemeinheit wirken kön­nen wie bei der Aufgabe, die wir ihm dank dem Lincoln-Stipendium stellen durften: an der werdenden Forschungsstelle für Meeresgeologie in Wil­helmshaven in der entscheidenden Zeit mitzuarbeiten.

Die neue Anstalt, ohne Vorbild auf der Erde, sollte die Bildung der zukünftigen Gesteine in der Gegenwart erforschen. Aus dem Status nascendi, dem frischen Schlamm des Meeres, sollten die Gesetze erkannt werden, die das Gewordene, die Gesteine der Erdkruste verständlich ma­chen. Die Anstalt, die ohne staatliche Hilfe durch den freien Idealis­mus der Senckenbergisehen Naturforschenden Gesellschaft und verständnis­voll opfernder Männer, Frauen und Firmen erwachsen war, die den For­schern _al]^er_I 1 änder dienen sollte, musste einen Idealisten wie S. mäch­tig locken. Hier zum ersten Mal galt es Ja, gerade die Kenntnisse und Fähigkeiten in die Tat umzusetzen , die S. förmlich ahnungsvoll in sich vereinigt hatte- Die Anstalt gab L. kein Geld, aber die Aufgabe, frei zu gestalten. Dafür gab S. (gestützt auf das Stipendium) sein ganzes Selbst ^

Das Gebäude der Anstalt, das von staatlichen Zentralinstituten als durchaus neuartig und vorbildlich anerkannt worden ist, ist zu einemM wesentlichen Teile das Werk von S. geworden. Von der Raumgliederung des Ganzen bis zur Automatisierung der Heizung und bis zum letzten VerschlusD an Tischen und Schubladen ist alles neu durchdacht. Es stecken Erfindun - gen darin, die allgemeinere Anwendung finden werden.

In diesem freien Schaffen, immer auf das grosse Ziel gerichtet und doch im Handwerklichen und Materialsparenden wurzelnd, in diesem Zusammenarbeiten mit Forschern und Arbeitern aller Grade, als Architekt, Schiffsbauer, Schreiner, Schlosser und Elektrotechniker selber zugrei­fend, konnte S. seine besonderen G&ben in einer Weise entfalten, die für sein ganzes späteres Leb en bestimmend werden wird.

Dabei zeigte sich als schönster Zug an S., dass er bei dieser ruhelosen Tätigkeit (die uns manchmal besorgt machte, obwohl wir wuss­ten, dass S. durch ein völlig enthaltsames Leben über einen zähen Kör­per verfügt), dass er nie an s ich oder eigene Forschung dachte, sondern daran, für andere die beste Arbeitsgelegenheit zu schaffen. Ohne eigener Forschung einen gewiss erlaubten Vorsprung zu gönnen, gab er eigene Er-