aus den akademischen Iugendmannschaften heroorgegangen ist, daß die Universitäten neben den Konservatorien einen ehrenvollen Platz besetzen konnten.
Nirgends deutlicher als im S tu de n ten g e s a n g e hat sich der erhöhte musikalische und dichterische Kunstsinn, den die Sänger als Heiligstes pflegten, ausgeprägt. Diese Arbeit wäre unvollständig, wenn ich nicht den Einfluß der sängerschaftlichen Bewegung auf das spezifisch studentische Lied erwähnen würde. Zudem fehlt uns noch ganz etwas Zusammenfassendes über die letzten 30 Jahre akademischer Dichtung und Tongebung. Als ihre Vereinigungen ins Leben traten, da herrschte noch ganz und gar die S ch e ff e l s ch e und B a u in b a ch ' sch e K n e i p l i e d dichtung; sie war gewiß besser und hochwertiger als die vergangener Tage; auch gesitteter im Inhalt und edler Tongebung, stellten doch Leute von dem Kunstrange eines Abt oder Lachner ihre Tonkunst in deren Dienst. Aber nur als Mittelglied zum heutigen Stand des Studentenliedes, das zumeist studentische Sänger geschaffen haben, ist die Kneip- lieddichtung zu werten. Die siebziger Jahre waren ja an sich infolge ihres „materiellen Aufschwunges" weniger poesieooll, denn wo Pluto regiert, da verhüllen die Musen ihr Haupt. Dieses Vorwalten der Jagd nach irdischen Gütern war eben Rauhreif für köstliche Etudentenart. Es schien/als ob die wohlgespickte Bricstasche den richtigen „flotten" Musensohn machte. Blasiertheit, Begeiste.ungs- losigkeit, Karriere und äußerliche Korrektheit war das Ideal allzu vieler. Die gleichwohl gesangreichen ärmeren Studenten, deren elterliches Vermögen oder Kredit es nicht erlaubten hervorzutreten, drückten sich scheu um die Ecke. In dieser Zeit bürgerten sich eigentlich nur Epigonenlieder eines Baumbach mit den allerdings herrlichen Vertonungen eines Abt ein; überhaupt schien das studentische Kunst, bedürfnis ganz von Scheffel, Baumbach und Roquett- beherrscht zu sein. Schließlich war das ja gar kein so großes Nebel, aber dennoch stimmt die Tatsache traurig, daß die bodenständige Ltuoenten- dichtung fast völlig schwieg und erst Mitte der achtziger Jahre wieder erwachte.
„Altheidelberg", „Lindenwirtin, du junge", „Wenn im Purpurschein", „Merkt auf, ich weiß ein neu Gedicht!", „Ihr Burschen schenkt die Decher voll!", „Schwört bei, dieser blanken Wehre!", „Wütend wälzt sich einst im Bette", „Die Weinlein, die da fließen" (Kücken), „Was die Welt morgen bringt", „Zwei Kammern zählt des Herzens Schrein", „Wie glüht er im Glase", „Sitz ich in froher Zecher Kreis", „Reicht mir das alte Burschenband", „Im Arm ein frisches rosiges Kino", „Gestern saß ich still beim Wein", „O wonnevolle Jugendzeit" — durckaus ansprechende Lieder — bezeichnen den Aufschwung akademischer Sänger- und Tonkunst. So war das ausgehende achte Jahrzehnt, da sich die akademischen Sängergilden bereits durchgerungen hatten, reicher an schönen Liedern, die wenigstens einen dezenten Ton trugen. Der größere Ernst der Zeit spiegelte sich im Liede wieder, und der lang vermißte vaterländische Zug kam mehr und mehr zu Ehren: Hohenzollernart und Bismarcks Genius fanden in oen Studenten treue Verehrer und — was mehr gilt! — auch Sänger. -Die platteren Lieder wurden zwar auch noch gesungen, aber erst nach Mitternacht — und waren harmloser als stüher.
Der Uebergang zu den 90er Jahren war so viel weniger merkbar, als der etwa zu 1885/86. Diese selbst brachten eine außerordentliche Reihe neuer schöner Burschen-Lieder, die zumeist Otto Lob in großartiger und doch burschikoser Weise vertont hat. Auch Oesterreich b9eb wenigstens im Liede nicht ausgeschlossen: so hat Otto Lob die schönen Gedichte Ioh. Nep. Vogls, eines der bravsten Freunde des im Vormärz aufstrebenden Männergesangs, „Was uns liebt" und „Die! volle Becher" vertont. Außer diesen wurden noch das flotte Lied egec- lärdischer Muscnsöhne, „Wir lugen hinaus" (Ohlhanns - Prag), „Beim Rosenwirt am Grabentor" (Verfaßt von dem Träger Or. Jul. Gspan dl und vertont von Lob) „Sie hat ihr Herz" als Lsterrcich- bärtige Lieder in das altberühmte Lahrer Kommersbuch auigen mimen. Am meisten von 1890—95 wurden gesungen das Lob'sche „Freunde trinkt in vollen Zügen!", „Ich wandere in die weite Welt", das herzige Roquett'sche „Es war ein Knab' gezogen", der solange suchte, bis er sein treues Lieb wiederfand. Der Inhalt der Studentenlieber von 1890 ab trägt einen starken sentimentalen Einschlag: höchstens „Zieht der Bursch" und „Bin ein fahrender Gesell" machen eine Ausnahme, sie klingen kecker und forscher. Auch die örtliche Färbung tritt deutlich in den Vordergrund: Heidelberg und der Rhein, das sind die gepriesenen Orte, /die das Studentenlied bevorzugt. Selbst die rumänische Königin Elisabeth, Carmen Sylva, iteuerte der deutschen Lyrik eine unvergängliche Perle „Wenn nur der Rhein nicht wär'", bei, die in der Bungert'schen Vertonung auch außerhalb Bonnas gern gesungen wird. Zu den vielgesungensten Liedern oes ausklingenden 19. Jahrhunderts gehörten unzweifelhaft: „Ade Gesellen", das ungemein gemütvolle „Bin durch die Alpen gezogen", das echt Münchener Lied: „Da halt ich wackerer Zechkumpan", die beiden Solis:
„Gebt mir ein Glas" und das wehmütige „Ich bin hinauf-, hinabgezogen", das Prager Lied: „Mit der Fiedel auf dem Nacken", das heitere „Mit meiner Mappe unterm Arm", das lenzesfrohe „Nur einmal bringt des Jahres Lauf", das Heidelberger Lied: „Als noch Arkadiens goldne Tage" und die vielen Lobkompositionen, deren beste „Auf leichetn Füßen", „Halloh, Herr Wirt", „Nun laß Dein braunes Röckelein", „In jedem vollen Glase Wein" sind. Natürlich will damit nicht gesagt sein, daß Lob uns nicht noch andere treffliche Melodien geschenkt hat wie z. B. auch das neckische Rosenwirtlied. In Leipzig, der größeren Tochter Prags, wurde das etwas lederne „Alles in der Welt ist eitel" und „Es hauste einst Klausner" gern und oft gesungen. Der köstliche Bi er bäum gab in seinem „Irrgarten der Liebe" ein Münchner Studentenlied zum Besten, das also hieß:
„Ein Gspusi muß ich haben,
Alles wankt, doch dies steht fest:
So ein liebes, kleines Mädchen,
Das sich gerne heben läßt."
Das war doch schon ein anderer Ton, als noch vor einem halnen Jahrhundert, da die zotenreißcrischen Studentenlieder noch ungeniert meinten:
„Es lebe auch mein Mädchen hoch!
Sie blüh dreioiertel Jahr,
Und nach der Zeit, da bring sie mir Mein Bild im Kleinen dar!"
Man triebs damals toll und sang noch toller:
„Mit schönen Kindern artig spielen,
Den Vorrat ihrer Brust durchwühlen . . .
oder brachte gar dem,
„Der Wein wie Wasser säuft,
Keck nach des Mädels Busen greift"
ein Schmollis, wenn er dann „bezecht in Doris Arme" sank.
Anstatt solch lockerer Lieder zog man jetzt doch schon die reine keusche Poesie des „Volksliedes vor, und auch in Hochschulkreisen sang man gern die Gesellschaftslieder der Jäger oder Bergleute, und mancher Chemiker ließ sichs schließlich nicht nehmen, auch seinem lechnischen Berufe entsprungene Lieder zum Besten zu geben. Besonders in der Ostmark drang das Volkslied wieder in die Studentenkreise. Tiroler, Kärntner, Steirer, Oberösterreicher, sudetenländische und auch deutsch- ungarisch« oder bayrisch-schwäbisch« Volkslieder belebten den Meip- gesang. Eine eigene Gattung bildete das sog. „A n st i ch l i e d", das in mehreren Ausgaben gesammelt wurde und an ungereimtem Stumpfsinn das Unglaublichste bot. Es ist heute Gott sei Dank auf dem Aussterbeetat.
Das zwanzigste Jahrhundert war nicht nur politisch viel zu tief erregt, sondern auch die Hochschulverhältnisse haben sich allzusehr gewandelt. Die Hochschulstädte verloren zumeist ihren eigenartigen Kleinstadtreiz und andererseits griffen die wirtschaftlichen Verhältnisse zu tief in die studentischen Freuden ein; immer kürzer wurde der schöne akademische Traum und die harmlose Feuchtfröhlichkeit (die uns noch immer lieber ist als das blasierte Lebemannstum französischer Studenten mit seinem unerquicklichen Grisettenwesen oder das protzige Sportstudentcntum englischer Sprachstämme, die politische Kaffeehaus. Existenz des italienischen oder der verneinende Zug des nihilistischen slawischen Akademikers) wurde von verschiedensten Seiten angegriffen. (Wir nehmen an, daß der Verfasser hier nur einen kleinen Ausschnitt des nichtdeutschen Studententums treffen will; denn eine derartige verzerrte Charakterisierung wird dem Auslandsstudententum, von dem wir manches lernen können, nicht gerecht. Red.) Man pries, ohne die großen Nachteile zu kennen, den gemütsleeren „Amerikanismus", legte die ätzende Sonde auf das alkoholgetauchte Kneipwesen. Und doch trotz aller dieser hämischen Feindschaft, die nicht müde wurde, den Untergang freier Studentenherrlichkeit in prophetischen Warten zu verkünden, setzte sich das Lied weiter durch und die vielen akademischen Gesangvereine und Sängerschaften gediehen weiter.
Leider darf nicht verschwiegen werden, daß der hohe Kunst- g e s a n g vielfach den einfachen einerseits verdrängt hat, andererseits dieser zu formlos eintönig wurde. Ich weiß mich genau zu erinnern, daß bis in die achtziger Jahre z. B. in Wien auf gepflegten mehrstimmigen Gesang bei den besseren Körperschaften mehr Gewicht gelegt wurde als jetzt. Nun hat im Reiche auch schon das mehr „schneidige" als „harmonische" Zusammensingen Schule gemacht und es wäre nur zu. wünschen, daß da ein Wandel in der Schulung und "Auffassung wieder eintritt.
Die akademische Sängerschaft hätte die schöne Aufgabe, alte und neue Studentenlieder in einer formvollendeten Weise vorzuführen, die Nachfolger würden von selbst kommen. Ansätze zur Dosierung sind ja vorhanden, musikalisch geschulte und dichterisch Befähigte reißen hoffentlich das Studentenlied zur Höhe. Da glänzen Namen wie die K e r n st o ck's, B u ch h o r n's oder L a n g h e i n r i ch's unter den Dichtern Namen wie die O t t o L o b's, Pfeife r’s, Gretsche r's,