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Leopoldina hatten im Verband die unbestrittene Führung, beide arbeiteten auf allgemeine unbedingte Einführung des Farbetragens, unbedingter Genugtuung und des Reifegrundsatzes hin. Nun übten die farbenbündifchen Vereine auf die Verbandsgenossen einen starken Druck bezüglich der körperschaftlichen Schließung, Annahme von Bost- farben und eigener Waffen aus, fodaß 1900 Zwistigkeiten mit den nur bedächtig auf diesem Wege folgenden Vereinen den Austritt einer Anzahl zur Folge hatte. Aus den letzten Resten des D. A. S. B. ent­stand am 15. Dezember 1900 der „Meißner Chargierten- Convent" mit den Grundsätzen unbedingter Genugtuung und Farben- pflicht. Der Rudelsburger Verband vertrat hingegen eine freiere Rich­tung, er ließ den Einzelkörperschaften mehr freie Hand als der M.Ch.C. Indessen hatte sich eine grundsätzliche Annäherung der beiden gleiche Ziele verfolgenden Verbände ergeben, sodaß oie Vemühungen der A. H.-schaft beider Lager schon am 5. Dezember 1901 die Frucht der Einigung trugen, indem alle Farbenbündifchen, 16 an der Zahl, den „C h.- E." farbentragender akademischer Gesangvereine begründeten, die sich seit 20. Mai 1902 als „Sängerschaften" bezeichnen.

Nun galt es die Waffenvormundschaft der alten Verbände zu brechen durch Annahme eigener Waffen, die insbesondere die Erato betrieb. Das gesellschaftliche Leben hob sich in den Vereinen und brachte die Mitglieder näher, als gewöhnlich ein GesangvOein ge­stattet, ebendahin wirkte auch die regelmäßige Pflege des Mensur- Handwerks. Ungeschrieben ward es dennoch in pruxi üblich, Mut- proben des zu Burschenden zu verlangen: um dem Vorwurf der alten Verbände zu steuern, daß sich klingenscheue Elemente ja den Gesang­vereinen befänden, tauchte bereits hier und dort die Bestimmungs- mcnsur auf, begegnete aber noch auf der Pfingsttagung von 1911 so lebhaftem Widerspruch der Rudelsburger, daß diese den Austritt vollzogen. Jetzt bemühen sich wieder die A. H. A. H. eine Einigung zu Stande zu bringen, die nur wünschenwert wäre und den Oeiter- reichern öfteren Besuch reichischer, den Reichsdeutschen den Besuch österreichischer Hochschulen bringen und damit einen innigeren Bund herbeiführen würde, als die rechtlichen Beziehungen beider Staaten gestatten.

Die österreichischen Gesangvereine sind in ähnlicher Ent­wicklung begriffen, wie die reichischen schon zurückgelegt haben. Der älteste ist der Wiener (1855), dann folgen Graz (1862), Innsbruck (1863), Prag (1869) und die Technikergesangvereine von Brünn und Wien (1892). Fast alle waren anfänglich großdeutsch und liberal beeinflußt: seit 1866 nahmen sie eine mehr neutrale Stellung zwischen den allvölkischen Corps und alldeutschen Burschenschaften ein: erst in den achtziger Jahren gingen sie von der Neutralität mehr ab und nahmen Stellung zu den Staats- und Volksfragen. Die Wiener, die schon in den siebziger Jahren eine zu den Nationalen nicht un­freundliche Haltung einnahmcn, zögerten lange, bevor sie sich für den nationalen Radikalismus entschlossen und galten seit 1887 nicht als vollwertig deutschvölkisch, weil sie den Deutschen Schuloerein gegen den antisemitischen Schuloerein für Deutsche unterstützten. Erst am 9. Mai 1890 erklärten sie sich eindeutig zum Antisemitismus, noch immer mit vorwaltender Neigung zur Mäßigung und Bevorzugung der Burschenschaft gegen die V. V. D. St. Das Beispiel des Kartell- vereins Arion wirkte auf die sängerschaftliche Entwicklung des A. G. B. feit Ende der neuziger Jahre stark ein, die zur Waffenannahme, körper­schaftlichen Schließung und Einführung von Farben (12. Dez. 1904) führte. Energischer trat die völkische Frage bei dem technischen A. G. B in Wien in Vordergrund, der ebenfalls 1911/12 farbentragende, körper­schaftlich geschlossene Sängerschaft wurde. Ebenso hatte der Grazer A.G. B. stets eine starke völkische Färbung. Künstlerische (Iah. N ee p, Fuchs und Schlecht«) sowie völkische Beweggründe führten im November 1862 zur Einreichung von Satzungen für einen A G. V., der der damaligen großdcutschen Strömung im Liede Rechnung tragen wollte. Diese vaterländische Stimmung der ersten Gesangvereine ver­einigte sich mit einer gewissen Allerweltstümelei zu einem seltsamen Bunde, der Verein bestand nicht bloß aus Deutschen, sondern auch aus Andersvölkischcn, sodaß deutsches Nationalbewußtsein, obwohl in Ein­zelnen vorhanden, nicht von Vereinswegen gepflegt werden konnte. Der Verein verzichtete auf die Einflußnahme auf das politische Be­kenntnis und damit fehlte naturgemäß die Gesinnungseinheit. Mochten die österreichischen Gesangvereine der ersten Zeit auch bei nationalen Festen singen, so glichen sie dies gleich durch Teilnahme an einer ailvölkifchen, bezw. Regicrungskundgebung wieder aus. So ohne aus­gesprochene politische Parteistellung bemühten sie sich, so gut es ging, politisch und studentisch neutral zu sein, nahmen Nichtdeutsche und sowohl Burschenschafter als Corpsstudenten auf.

Für die österreichischen A. G. B. waren die nationalen Gegen- - sätze bis Ende der siebziger Jahre noch lange nicht so maßgebend, daß sie die Ausschließung der Nichtdeutschen aus Vereinen und Uni- vcrsitätsfestlichkeiten bedingt hätten. Erst seit dem T a a f c'schen „Völ­kerversöhnungsregime", das die Deutschen ihrer Staatsführerschaft ent­

kleidete und mit der „Gleich"berechtigung minderwertiger Völker Ernst machte, brachte 1880 den entscheidenden Umschwung. S ch ö n e r e r's Auftreten gewann auch in der Sängerschaft Freunde und alles, was deutsch dachte und fühlte, ward von dieser Strömung hingerissen. In Graz und Wien gingen die politischen Wogen besonders hoch. Seit 1882 wurde das Drängen auf reinliche Scheidung, ob „deutschnationaler Antisemit" oder nicht, immer heftiger: die „Jungen" waren zum Großteil auf der Seite der Deutschradikalen, die alten Herren aus politischer Ueberlieferung dagegen. So schwankten Wien und Graz in der Sturmflut politischen Getriebes. Eine angeregte Besprechung von Graz und Wien zur Stellungnahme zu den politischen Tagesfrngen kam nicht zu Stande und in Graz kam es zu schweren inneren Kämpfen, da die „Jungen ein unzweideutiges Bekenntnis zur deutschen Sache forderten und zum Anschluß an die streng völkische Partei drängten, während die „Alten" von einer solchen Schwenkung nichts wissen wollten. Die Prager und Innsbrucker stellten sich auf den gegen­nationalen Standpunkt der Alten, die besonders in der Frage der Teilnahme an Loyalitätskundgebungen. der Iudenausschließung schwere Bedenken hatten. Dezember 1882 hatte die Prager Liedertafel gegen die deutschnationalen Bestrebungen, besonders das Singen der „Wacht am Rhein", scharf Stellung genommen, worauf die Burschenschafter und die Deutschvölkischen aus dem U. G. B. in Prag austratea. Die Liedertafel schloß sich nun (1883) körperschaftlich und setzte als erste österreichische Sängerschaft am 19. März 1884 nach dem Vorbiloe des Leipziger Paulus Kappen auf, mit dem sie am >2. März 1885 ein Kartell cinging. Die Innsbrucker waren 1871 aus ihrer Neu- ^

tralitftt zwischen Klerikalen und Liberalen herausgetreten und hatten sich auf Seite der letzteren gestellt. Allmählich bildete sich beim Inns­brucker A. G. V., der seit 1875 mit dem Paulus in Kartell wie auch bei den übrigen Sängervereinen eine gewisse deutschöstWe^ t reichijche Richtung heraus, die den völkischen Grundsatz bis auf seine /

letzten Folgerungen vermied. Nur die Grazer stellten sich am 10. März 1886 auf den Standpunkt der die Juden ausschließcnden Völkischen und nannten sich seither ausdrücklich Deutscher A. G. V., vermieden aber antidynastische Allüren und prononzierte Parteipolitik. Den ase- mitischen Grundsatz übernahm nun auch die Liedertafel, aus der am 22. Oktober 1892 die letzten jüdischen Aktiven ausschieden, und am 30. Juni 1895 folgte der Abbruch der Beziehungen mit der Lesehalle, der Uebertritt ins völkische Lager. Der Innsbrucker Verein trat eben­falls erst 1893 zu den Völkischen über, nachdem die allvölkischen Corps ausgetreten waren.

Nichtsdestoweniger betätigten sich die österreichischen Sängerschaften national nur sehr maßvoll: noch am 5. Juni 1895 brachte der Grazer D. A. G. B. ein Kaiserständchen, während die Wiener bereits rrdi.

Kater dachten. Zuletzt vollzogen die Brünner den Uebertritt ms völ­kische Lager (1899/1900). Die völkisch entschiedenste Richtung tätigten der Bodenkultur-Sängerbund (Zeit 1886/87) und drr T.A.

G. V. Noch 1901 stellte sich die Prager Liedertafel in Gegensatz zu den den Waidhofener Standpunkt verfechtenden Deutschvölkischen. In­zwischen halten eben jene Sänger, die das unklare Wollen früherer Jahre in ein nationaldeutsches Programm verwandelt und die politische Verjüngung erkämpft hatten, im Anschlüsse an die Leipziger Vocoil^. die sängerschaftliche Entwicklung durchgesetzt: besonders Graz betW^ die Wehrhaftmachung, einen gediegenen Fecht- und FuchsenunterriMf führte geregelte Kneipen ein, stellte den Verein auf eine gesunde wirt­schaftliche Grundlage und schloß diesen körperschaftlich. Am 29. Maien 1903 war der Grazer Verein bereits farbentragende Ber- bindung im Sinne des Vorbildes von Arion geworden. Wien folgte s

am 12. Dezember 1904, am 13. Juni 1906 Innsbruck, am 13. Januar t 1911 der T. A. G. B. in Wien und zuletzt der Brünner D. A. G. V.

(14. Dezember 1912). Die österreichischen Sängervereine nehmen nicht ,1

die schroffe Stellung der übrigen völkischen Bereinigungen ein, sie £

geben sich versöhnlicher und duldsamer, so dem Prinzip: „Funviter in modo, fortiter in re!" getreu.

Welche Bedeutung hat die akademische Sängerschaft für di« Deut­sche Kunst? Es ist leider eine nur zu wahre Tatsache, daß die der Wissenschaft geweihten Stätten nicht das wünschenswerte Ver­hältnis zur Kunst fanden. Die deutschen Sängerbünde haben sich nun ehrlich bemüht, der Studentenschaft Kunstverständnis einzuflößen, sie haben mit gerungen, daß sich die Tondichter Carl Wilhelm,

Richard Wag euer, Brückner, Wolf, Heuberger, Bru- netti-Pisano, Reiter gegen die feindlichen Einflüsse verbohrter Togeskrittk durchsetzten und haben zu einer Zeit deren Banner erhoben, da es noch höchst inopportun und kunstunverständig galt. Den Triumph zug Richard Wagners ist nicht zuletzt der akademischen Jugend zu danken, die auch die Meister der guten alten Zeit Beethoven. Mozart, Schubert wieder erweckte, als die „Moderne" sich anschickte, sich auf deren Thron zu setzen. Betrachten wir das heutige musikalische Alldeutschland, dann darf es mit Stolz gesagt werben, daß eine Reihe der besten Tondichter, Tonkünstler und Schauspieler