ANSPRACHE ZUM 70. GEBURTSTAGE DES HERRN GEHEIMRATES DR. ARTHUR VON WEINBERG GEHALTEN BEI DER ÜBERREICHUNG DER GLÜCKWUNSCHGABE DER MUSTERSCHULE VON OBERSTUDIENDIREKTOR DR. PETER MÜLLER

Frankfurt a. M., 11. August 1930.

Hochverehrter Herr Geheimrat!

Es haben schon 18 Vorredner von dem 70jährigen Geheimrat von Weinberg gesprochen; daher darf ich mir vielleicht erlauben, für einige Minuten auf den 17jährigen Arthur Weinberg zurück­zugehen.

Ich komme von Ihrer alten Schule, der Musterschule, und überbringe Ihnen eine Gabe ganz eigener Art: die photographisch- getreue Wiedergabe einer Abhandlung, deren Schriftzüge Ihnen, wenn Sie die Hülle nachher aufschlagen, nicht unbekannt sein werden. Handelt es sich doch um nichts anderes als die aus­führliche Darstellung Ihres Charakters und Ihrer Zukunftspläne, wie Sie sie selber an einem entscheidenden Abschnitte Ihres Lebens, bei der Meldung zum Abitur im Januar 1878, auf acht eng­beschriebenen Aktenbogen entworfen haben eine Urkunde, die sicher nur einmal vorhanden ist und deren Inhalt inzwischen wohl längst Ihrem Gedächtnis entschwunden ist.

Es gibt merkwürdige Zufälle. Vor einem halben Jahre etwa wollte ich, unbefriedigt von den damaligen Ergebnissen, einmal nachsehen, wie sich in früheren Jahren die sogenannte allgemeine Reife der Abiturienten in den bestimmungsgemäß vor der Prüfung anzufertigenden Lebensläufen dokumentiere. Dabei ging es mir wie einem Manne, der durch ein Haus mit mancherlei Erbgut wandert, hier und dort sinnend vor einem gediegenen alten Stück Arbeit stehen bleibt und sich mit einer seltsamen Mischung von Bewunderung und Bedauern dann öfters sagen muß: Nein, das