W\ / ILHELM KOBELT wurde am 20. Februar V, Vs 1840 in dem hessischen Städtchen Alsfeld geboren. Abgelegen von der grossen Verkehrsstrasse hat seine Geburtsstadt die Eigenart und die Würde ihrer Geschichte in den stattlichen und schönen Bau­werken des Rathauses und vieler Bürgerhäuser be­wahrt, die rechte Land- und Hauptstadt eines selbst­bewussten Bauerntumes, das treu und trotzig an seinem alten Brauche und Recht hält. So führte sie den Knaben in den Geist der Geschichte und des Volkstums ein. Die landschaftlich wie landwirtschaft­lich gesegneten Fluren weckten in ihm die Liebe und das Verständnis für die Natur. Bei seinem Vater, der des Städtchens zweiter Pfarrer war und eine kleine Privatschule eingerichtet hatte, empfing er seinen Unterricht. Als Primaner zog er nach Giessen, dort verlebte er auch seine Studentenjahre. Der Natur­wissenschaft waren seine Studien gewidmet.

Nach dem Examen Hess er sich in Biedenkopf im hessischen Hinterland als Arzt nieder, nahe bei, in Breidenbach, amtierte nunmehr sein Vater als Pfarrer. Auch als Arzt blieb er seinen naturwissen­schaftlichen Studien treu, aber nicht in stiller Ge­lehrtenstube wollte er allein die Stunden der Müsse verbringen. Anderen wollte er sein Wissen und seine Wissenschaft mitteilen, in ihnen den Sinn und das Verstehen für die Heimat, für geistiges Leben auch im engen örtlichen Rahmen wecken, öffentlich wollte er wirken. Er gründete einen Volksbildungsverein. Bei den Arbeiten zu dessen Gründung wandte er sich an den als Naturforscher wie als Volksmann gleich berühmten und bedeutenden Rossmässler, einen der hervorragendsten, vielleicht den hervor­ragendsten Führer der damaligen Volksbildungsbe­wegung. Obgleich er Rossmässler niemals persönlich kennen lernte Rossmässler starb bereits 1868 so entschied doch die Verbindung mit ihm über Kobelts wissenschaftliche Laufbahn. Seitdem waren seine naturwissenschaftlichen Studien und Forschungen der unscheinbaren Schnecke gewidmet, die, so unschein­bar sie auch ist, für die grössten und wichtigsten Fragen der Entwickelung der Erde, der Zusammen­hänge und Trennungen von Erdteilen und Ländern, die entscheidenden Beweisstücke liefert. Nach Ross- mässlers Tod übernahm Kobelt die Vollendung der Rossmässlerschen Arbeiten über die Schnecken, er wurde aber auch noch in einem höheren und weiteren

Sinne Rossmässlers Nachfolger als Volksmann wie als Volksbildner.

1869 siedelte er, nachdem er nicht lange vorher die rechte Lebensgefährtin, Weggenossin und Kame­radin zugleich, gefunden hatte, nach Schwanheim über, wohin ihn der Aerztliche Verein berufen hatte. Dort fand er seine zweite Heimat, sein Ar­beitsfeld, auf dem er nunmehr über 40 Jahre mit nimmerermüdender und nimmergebeugter Kraft und nie enttäuschtem Mut gearbeitet hat. Ein Arzt der körperlich Kranken und Schwachen, aber auch ein Arzt und Helfer für die wirtschaftlich und sozial Leidenden, ein Führer und Förderer jeden Strebens. Was Schwanheim ihm an Schöpfungen und An­regungen verdankt, sei hier nicht weiter ausgeführt. Sein Interesse war jedem Fortschritte zugewandt, im Ackerbau und in der Obstzucht, im Gewerbe­leben wie in dem Vereinswesen, in wirtschaftlichen wie in sozialen Angelegenheiten hat er unter starken Widerständen und mancher Gegnerschaft seine ganze Kraft eingesetzt zum Wohle seiner Gemeinde und seiner Mitbürger. So eifrig er auch im kleinen wirkte, so lebendig blieb sein Interesse, so fruchtbar wurde seine Mitarbeit an den grossen Fragen der Wissen­schaft und des öffentlichen Lebens. Wie er, obwohl ihn kein Ruf und kein Locken veranlassen konnte, Schwanheim dauernd zu verlassen, doch immer wieder auf grossen Reisen nach Italien, Afrika und Spanien neue Anregungen sammelte, so stand er mitten in den grossen wissenschaftlichen, den poli­tischen und sozialen Bewegungen. Auf seinem naturwissenschaftlichen Arbeitsfeld wurde er mit den wissenschaftlichen Ehren geschmückt einer der grossen Autoritäten, an dem geistigen Leben Frank­furts, insbesondere an der Entwicklung der Sencken- bergischen Naturforschenden Gesellschaft nahm er eifrigsten Anteil. Die politischen Kämpfe der 70er Jahre in unserer Gegend sahen ihn in der vor­dersten Reihe, der Volksbildungsbewegung, wie allen gesunden wirtschaftlichen und sozialen Be­strebungen war er ein immer bereiter Förderer und Organisator.

70 Jahre wird Wilhelm Kobelt am 20. Februar 1910, fast 50 Jahre davon hat er anderen gelebt, 40 Jahre lang hat er in Schwanheim gewirkt, hat dieser, seiner zweiten Heimat, sein Bestes: seine ganze Persönlichkeit gegeben.