Wlesbavener Zeitung
(Privattelegramm der Wiesbadener Zeitung.)
1 4- Rüdcsheim, 23. Juli.
Eine imposante Kundgebung fand heute Vormittag am Nationaldeukmal statt und bildete zugleich den Abschluss des 11. Deutschen Turnsestes, das gestern in , Frankfurt sein offizielles Ende fand. Per Extraschiff und mit vier Extraziigen trafen heute früh (nach oberflächlicher Schätzung) etwa 6000 bis 7000 Turner hier ein, die zum großen Teil zu Fuß und mit der Zahnradbahn dem Nationaldenkmal zustrebten. Die Feier zerfiel in vier Spezialfciern, da eine Vereinigung der gesamten Turner zu einer Feier am Denkmal nicht möglich war. Um 7% Uhr vereinigte sich die erste Gruppe am Denkmal, wo Dr. L i e s a u (Frankfur:) eine zündende Ansprache hielt. In der zweiten Feier um 8% Uhr sprach Dr. Lohr (Frankfurt), der seine Zuhörer zu stürmischer Begeisterung hinriß.
Die dritte, sogenannte Hauptseier um 9% Uhr versammelte außer einer nach vielen Hunderten zählenden Tnrnerschar etwa 25 Turner-Kriegsverteranen am Deiikmal. Der Festredner, Dr. Götz (Leipzig), Vor- sitzender der Deutschen Turnerschaft, welcher mit Musik . eingeholt und von der Menge begeistert begrüßt wurde, feierte in seiner Ansprache das Nationcldonk- mal als ein Heiligtum, als eine Erinnerung an die große Zeit, wo die deutschen Turner ihr Gut und Blut eingesetzt hätten für ihr Vaterland, an jene Zeit, wo der Rhein, der Deutschlands Grenze war, deutscher Strom geworden ist. Dr. Götz richtete die Mahnung an seine Zuhörer, daß sie den einen Gedanken, den Vater Jahn schon ausgedrückt und der der Traum seines Lebens gewesen sei, Deutschland frei und einig zu sehen, auch jetzt und in Zukunft Hochhalten. Ja diesem Gedanken müßte auch die deutsche Jugend erzogen werden, damit es auch fernerhin heiße: Deutschland frei, einig, groß! Endlosen Jubel lösten die Worte des greisen Redners aus. Mil dem tausendstimmigen Gesang patriotischer Lieder fand die erhebende Feier ihren Abschluß.
Bei der folgenden vierten Gruppe, welche die letzten Turner am Denkmal vereinigte, hielt Lehrer Kiesewetter sJrankfurt) die Festrede, welche gleichfalls wie die vorhergehenden Deutschlands Einheit und Macht verherrlichte. Damit schloß die gewaltige patriotische Kundgebung am Nationaldenkmal. Dir Turner sammelten sich gruppenweise, um ihre Turm führten anzutreten. Andere kehrten per Bahn Schiff nach Hause zurück. Ein große^leil in Rüdcsheim, das heute ma TuxMj^tvim Teilnahme der Bevölke^Mg a umliegenden Ortschaft^Mrar im Festschmuck, ebeu^Aß Rheinorte. Die meJÄi Tc schcn Kundgebung Mrden HRn^lbend , Kurverwaltung zu Wiesbaden beiw
Die den gte ere rioti- est der
Stadtnachrichten.
Wiesbaden, 23. Juli. Geh. Sanitätsrat Dr. Arnold Pagenstecher.
Der Vorsitzende unseres Stadtverordneten-Kol- legiums und Ehrenbürger der Stadt Wiesbaden, dessen 70. Geburtstag vor einem halben Jahre unter so allgemeiner Teilnahme gefeiert wurde, begeht am 24. ds. Mts. das 50jährige Jubiläum seiner Doktorpromotion. Hatten wir jüngst erst dargestellt, welche Verdienste der Jubilar sich in seinen zahlreichen öffentlichen Stellungen um unsere Vaterstadt erworben, so mag jetzt seine vielseitige wiflenschaftliche Tätigkeit gewürdigt werden.
Arnold Pagenftecher stammt aus einer alten, seit 1300 blühenden Patrizier- und Gelehrtenfamilie, die der Wissenschaft eine ganze Reihe bedeutender Männer schenkte, zunächst Staatsmänner und Juristen, di« im 17. und 13. Jahrhundert norddeutschen Fürstenhösen ihre Dienste widmeten oder an Universitäten wie Groningen, Duisburg, Marburg, Herborn lehrten. So mag nur jener Hcrborner Professor Ernst Alexander Cornelius' P. genannt werden, der mit 18 Jahren schon gleich Melanchthon die Lehrkanzel bestieg und von dem ein Zeitgenosse rühmt, wenn das ganze Corpus juris verloren ginge, so würde P. eS aus dem Gedächtnisse wiederherstellen. Die jüngere Generation der Familie wandte sich meist dem Aerztestande zu; so ist in Wiesbaden vor allem unvergessen Hofrat Dr. Alexander Pagenstecher, der Begründer der jetzt unter seinem gleichbedeutenden Bruder so blühenden Augenheilanstalt.
Am 25. Dezember 1337 wurde Arnold Pagenstecher zu Dillenburg als Sohn de» OberappellationsgerichtS- rates Pagenstecher geboren. Seine wissenschaftliche Vorbildung erhielt er auf dem Gymnasium zu Wiesbaden, um dann auf der Universität Würzburg Medi- i zin zu studieren. Hier promovierte der 20jährige am ; 24. Juli 1858 mij. der Jnguguraldissertation „de
amyloidea degeneratione". In Würzburg wie dann in Berlin waren besonders Virchow, Kölliker, Traube, Graefe, Langenbcck, Gegenbauer, Leidig seine Lehrer auf den verschiedenen Gebieten der theoretischen und praktischen Heilkunde und der Naturwissenschaften. Zu Utrecht war er physiologischer Assistent des berühmten Donders, um dann von 1861 bis 1863 seinem Vetter Alexander zu Wiesbaden in der Leitung von dessen Augenklinik beizustehen. Als praktischer Arzt hat er sich besonders dem Gebiete der Ohrenheilkunde zugewandt, das er zugleich in zahlreichen Publikationen bearbeitete. Weiteste Verbreitung hat serner von seinen medizinischen Schriften das bei I. I. Weber in Leipzig schon in 4. Auflage erschienene Werk „Gicht und Rheuma" gefunden. Der Würdigung seiner Vaterstadt galten die Schriften „Wiesbaden als Winterkurort und Winteraufenthalt", sowie „Wiesbaden in medizinisch-topographischer Beziehung" nebst verschiedenen Einzelaufsätzen. Von Jugend auf beseelte ihn das lebhafteste Interesse für die beschreibende Naturwissenschaft. Eine Schmetterlingssammlung, die der Knabe in der damals für solche Jagd noch so reich ergiebigen Umgebung Wiesbadens sich erworben, wurde allmählich zu einer der bedeutendsten Deutschlands. Und damit ging Hand in Hand die wissenschaftliche Tätigkeit auf dem Gebiete der Entomologie. Arnold Pagenstecher gilt als bedeutendster Kenner der außereuropäischen, speziell ostafrikanischen, ostasiatischen und melanesischen Schinetterlingsfauna. Zahl- reiche Reisende sandten ihm ihre Sammlungen zur Ordnung und wissenschaftlichen Bearbeitung zu; in entomoligischen Zeitschriften erschienen eine ganze Reihe von Aufsätzen über Schmetterlingskunde, so z. V. über die Lapidopterenfauna des Bismarckarchipels. Seit 1884 ist Arnold P. korrespondierendes Mitglied der Naturforschenden Gesellschaft zu Offenbach, seit 1894 desgleichen des Senckenbergischen Vereins in Frankfurt, seit 1902 Ehrenmitglied der deut- schen entomologischen Gesellschaft Iris zu Dresden. Vor allem aber galt seine reich« Tätigkeit dem Nassau- ischen Verein für Naturkunde, dem er schon 1855 als Mitglied beitrat. 1883 wurde er Sekretär des Vereins, zugleich Inspektor des Wiesbadener Natur- chistorischen Museums, das unter seiner Leitung einen so bedeutenden Aufschwung nahm. Er gab die Jahrbücher des Vereins ebenfalls seit 1883 heraus und übernahm später, seit Remigius Fresenius Tode, als Direktor die Gesamtleitung. Wie der so rastlos tätige, zugleich aber in seiner ganzen Tüchtigkeit so bescheidene und einfache Gelehrte noch Zeit fand, sich mit voller Kraft dem Wohle seiner Vaterstadt zu widmen, wissen alle unsere Mitbürger. Mögen dem hochverdienten Manne noch manche Jahre in geistiger und körperlicher Frische befchieden sein!
# Bedrohung. Der Fahrburschc Josef Schröder I von hier verbüßt zurzeit eine zweijährige Zuchthaus- strafe wegen schweren Diebstahls. In dem Verband- lungStermin vor der Strafkammer, in der seine Verurteilung erfolgte, war ihm einer der f'.ngen un- bequem gotvorden, und er rief ihm laut zu, sobald er wieder frei sei, werde er ihm den Hals abschueiden. Die gestrige Ferienstrafkammer verurteilte Schröder wegen Bedrohung zu weiteren 2 Monaten Zuchthaus.
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Fortuna aufgestellt hatte, sowie den" Eigentümer des Apparates wegen Veranlassung einer Auskvielunabe-
je 3 M. Geldstrafe und erklärte außerdem den Auto- maten für beschlagnahmt.
=z Vereiusbegründung. Man schreibt uns: Am Samstag, 20. Juni, wurde hier im Hotel „Friedrichs- Hof" der Verein nichtselbständiger Den- tisten Hessen-Nassaus, Sitz Wiesbaden, begründet, der sich zur Aufgabem acht, den hier wie in der Umlegend nichtselbständigen Dentisten Gelegenheit ?u Sieten, sich im Fach durch Vorträge und Literalur zu betätigen. Auch soll der gemütliche Teil (Ausflüge ufw.) nicht fehlen. Den Vorsitz hat Dentist H. Neu- haus, Bismarckring 25, übernommen, und bittet dieser ie noch fernstehenden Kollegen, sich der guten Sache anzuschließen. Am Samstag, 1. August, findet im Hotel „Friedrichshof" eine geschäftliche Versammlung statt.
= Pfändungen von Postanweisungen. Der „Mannfakturist" schreibt: Zwischen Kaufleuten, di« im gegen- seitigen Geschäftsverkehr stehen und von denen der Schuldner seinem Gläubiger zur Begleichung dessen Guthabens ein Wechselakzept gibt, das dann weiter- gegeben wird, kommt es häufig vor, daß der Gläubiger, welcher als Aussteller des Wechsels figuriert, seinem Schuldner, der nicht in der Lage ist, am Verfalltage den Wechsel einzulösen, die zur Deckung desselben er-