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/ Von Prof. M. Möbitts (Frankfurt).

3nif ivi.unt der Senckenbergifchen naturfor­schenden Gesellschaft sind gegenwärtig sämtliche, von der verstorbenen Blumenmalerin Frl. Elisabeth Schultz*) ge­malten Bilder der Pflanzen aus der Frankfurter Flora ausgestellt, und haben sich eines recht zahlreichen Besuches zu er­freuen. Eer Besucher wird nicht nur einen künstlerischen Genuß an den vortrefflichen Gouachemakereien haben und die Ausdauer bewundern, mit der die große Zahl gleichmäßig sorgfältig aus- gesührter Bilder hergestellt ist, sondern er wird vielleicht auch Interesse an den Gegenständen, die hier dargestellt sind, gewinnen. Alle diese Pflanzen, wird sich mancher fragen, sollen hier bei Frankfurt wachsen, in der Umgebung einer großen Stadt, wo man jeden Platz möglichst zum Vorteil des Menschen auszu- nützen bestrebt ist? Es sind darum vielleicht einige Notizen über die Flora von Frankfurt bei dieser Gelegenheik dem Leser der .Frankfurter Zeitung" nicht unwillkommen.

Zunächst muß natürlich der Begriff etwas schärfer definiert werden. Es handelt sich hier nicht bloß um unser Stadtgebiet, sondern auch um die weitere Umgebung. So hat schon Georg F r e s e n i u s in seinem .Taschenbuch zum Gebrauche auf botani­schen Exkursionen in der Umgegend von Frankfurt a. M." (1832) f aHe Gewächse ausgenommen, die etwa 7 Stunden im Umkreis bis letzt aufgcfunden sind", und etwa in demselben Sinn hat auch die Malerin Schultzsich ihre Grenzen gezogen. Diese sind also will­kürlich bestimmt, da ja das Gebiet nicht durch hohe Gebirge oder Meeresteile in natürlicher Weise begrenzt ist, wodurch sonst ein kleines Gebiet wohl in gewissem Grade abgeschloffen sein kann. Sagen wir aber, Frankfurt gehöre zur Flora Deutschlands, so haben wir damit wieder ein nur politisch und zeitweise nicht ein auf natür- licheWeise abgegrenztes Gebiet. Dom pflanzengeographischen Stand­punkt ist das nächst größere Gebiet, zu dem Frankfurt gehört, nach Drudes Darstellung in seiner Pflanzengeographie Deutsch­lands (1896), die mittel- und süddeutsche Vegctationsregion, die im Nordwesten von der niederdeutschen Tiefebene, im Nordosten dom oberen Lause der Elbe und Oder begrenzt wird, östlich sich noch über die Karpathen erstreckt, im Südostcn von der ungarischen Tiefebene und im Süden von den Alpen und ihren Vorländern begrenzt wird, im Westen von den Vogesen und dann ungefähr vom Laufe der Maas eingejchlosfen ist, hier an die zentralsranzösijche Begetationsregion anstoßend. Innerhalb

*) lieber die Persönlichkeit des Frl. Schultz gibt ein von Frau E. Mentzel verfaßter Nekrolog im Bericht der Senckenbergifchen Gesellschaft von 1899 Auskunft. Es sei darum hier nur erwähnt, daß sie eine geborene Frankfurtcrin war, in unserer Stadt gelebt hat und am 26. September 1898 im 82. Lebensjahre gestorben ist.

dieser Grenzen treffen wir also die meisten Pflanzen, die bei Frankfurt Vorkommen, wieder, und herrscht annähernd derselbe Charakter in der Vegetation. Wie man sieht, liegt Frankfurt im westlichen Teile dieses Gebietes, aber immerhin noch ziemlich ent­fernt von den Grenzen der westlichen Nachbarregion. Jedoch ist zwischen Schweizer Jura und Vogesen der Einwanderung von Pflanzen dieses letzteren Gebietes 'in die oberrheinische Tiefebene der Weg geöffnet und so ziehen sich manche bis in unsere Nähe; auch durch das Tal der Mosel und rheinaufwärts kann eine der­artige Einwanderung erfolgen, begünstigt durch das warme Klima dieser Gegenden, das auch die Frankfurter noch genießt.

So etwa können wir unser Spezialgebiet pflanzen- geographisch charakterisieren. Die Unterschiede in seiner Flora, worunter die Gesamtheit der Arten verstanden wird, und in feiner Vegetation, nämlich der Vereinigung der Pflanzen in charak­teristische Bestände, wie Wald, Wiese, Sumpfgewächse u. dcrgl., werden natürlich durch lokale Umstände bestimmt, als da sind die oro- und hydrographischen Verhältnisse, die geognostische Be­schaffenheit des Bodens, die Anpflanzung von Kulturgewächsen u. s. w. In dieser Hinsicht kann Fresenius mit Recht sagen:

Gebirgs- und Hügelzüge von verschiedenem geognostischen Ver­holten, Kalkboden, sandige Strecken, Sümpfe und Moorgründe rc. bilden im Gebiete unserer Flora eine reiche Abwechselung der Lokalverhältniffe und geben Standorte mancher Pflanzen ab, die Wir uns freuen, Bürger unserer Flora nennen zu können."

Freilich hat sich leider seit der Zeit, als dieses geschrieben wurde, vieles, zum Nachteil der Flora verändert: die natür­lichen Ufer des M a i n s verschwinden immer mehr, Wasserbecken werden zugeschüttet und an mancher Stelle, die damals noch als be­merkenswerter Pflanzenstandort galt, stehen jetzt Häuser. Immer­hin können wir auch jetzt noch die besonders zum Pflanzen- sammeln geeigneten Orte nach Fresenius' . Anführung gelten lassen: die Gegend um das Obersorsthaus die sumpfigen Stellen bei der Oberen Schweinstiege, der Lerchenberg, die sandige Ebene in der Nähe Darmstadts, die Gegend um Offen­bach und Bieber und besonders der Hengster bei Obertshausen, die Gegend bei Seckbach und Bergen mit ihren sumpfigen Wiesen und Kalkhügeln, die Gegend um Vilbel, besonders der Vilbeler Wald, die Gegend von Oberursel und Homburg, die Nächstliegenden Telle des Taunusgebirges bei Königstein, Falkenstein, Reiffenberg rc,, die Gegend bei Ziegenberg, der Salzboden bei Soden und Nau­heim, die Gegend um Weilbach, Flörsheim, Hochheim und Groß­gerau, während wir die dort angegebenen Dolerit-Steinbrüche bei Bockenheim streichen müssen.

Fresenius, führt in seiner Flora 1139 bis 1140 Arten an, wo­bei nur Blutenpflanzen in Betracht kommen; auf den Schultz- schcn A q u ar e l l c n sind dagegen 1233 Blütenpflanzen darge­stellt und 24 Gefäßkryptogamen < d. h. Formpflanzen, Schachtel­halme und Bärlapve). Es rührt dieser Unterschied daher, daß bei Fresenius manche Pflanze fehlt, die später noch gefunden wurde,

und daß die angebauten Pflanzen ganz weggesallen sind, anderer­seits aber auch daher, daß er den Begriff der Arten etwas weiterfaßt, also in gewissen Fällen mehrere Arten anderer Autoren in eine Art zujammenzieht. So führt Becker in seiner .Flora der Gegend um Frankfurt a. M.", die nur 4 Jahre srüher erschienen ist (1828), 1499 Arten bvn Bluten­

pflanzen an. Bon Kryptogamen behandelt er in der zweiten Abteilung seiner Flora 2700 Arten, wobei aber auch alle Pilze mit cingeschlossen siüd. Eine noch ältere Flora von Frank­furt ist die von Joh. Jac. R e i ch a r d aus dem Jahre 1772, sie zählt nur 723 Blüienpflanzen auf. Eine neuere Flora von Frank­furt als die Frefeniussche haben wir leider nicht, kleinere Beiträge dazu hat der beste Kenner unter den Gegenwärtigen, Herr Mariin Dürer hier, in botanischen Zeitschriften veröffentlicht, z. B. über die Pflanzen des Hengsters.

Wenn ich vorhin einige Zahlen angeführt habe, so erkennt man deren Bedeutung eigentlich erst durch Vergleichung mit denen anderer Gebiete. So wäre es interessant, wie sich andere gleich große Gebiete in Mitteleuropa in dieser Hinsicht verhalten, aber darüber stehen mir augenblicklich keine Angaben zu Gebote. Ganz Deutschland, in seiner politischen Begrenzung genommen, hat kaum die doppelte Anzahl Arten wie die Frankfurter Flora, es sind 2200 bis 2500 Blütenpflauzen, je nachdem man die Gattungen Rosa und Ruhus einteilt und die Kulturpflanzen einrechn'ct oder nicht; dazu kommen über 60 Gesäßkryptogamcn, 750 Moose und ungezählte Algen, Flechten und Pilze. Für bas deutsche Sprachgebiet aber kann man eine Flora von zirka 3000 Arten von Blütenpflanzen reckinen. Die Zahl aller be­kannten Pflanzen hat Saccardo 1893 auf rund 174,000 Arten geschätzt, von denen 105,000 Blutenpflanzen und 69,000 Krypto­gamen sind. Dieser Autor glaubt, daß innerhalb weiterer 150 Jahren die Zahl der lebenden Arten auf 400,000 steigen wird, was damit übereinstimmt, daß Alphonse Decandolle schon viel früher die Zahl der überhaupt auf der Erde dorkommen- den Pflanzen auf 400,000 geschätzt hat.

Jedenfalls wird die Zahl von ca. 1200 Pflanzen für die Um­gebung Frankfurts denen, die auf ihren Spaziergängen nur die äugehjälligstcn Pflanzen beachten, überraschend groß erscheinen. Leider ist durch die schon erwähnten Umstände Gefahr vorhanden, : daß die Zahl eher ab- als zunimmt, wenn auch gelegentlich noch ! ein neuer Bürger unserer Flora entdeckt wird. Darum möchte ich > nicht schließen,' ohne mit Fresenius um S ch o n n n g zu bitten für die an manchem der oben bemerkten Punkte vorkommenden Selten­heiten, damit letztere nicht durch Unvorsichtigkeit und im Eifer des Sammelns auSgcrvttet werden.

Was für seltene Pflanzen für unsere Flora in Betracht kommen, darauf können wir nicht gut eingehen, ohne uns zu sehr in bota­nische Einzelheiten zu verlieren. Wer sich dafür interessiert, dem ist ja zu solchen Studien durch die gegenwärtige Ausstellung .Gelegenheit geboten; in der Flora von Fresenius findet er dann .meistens die S t a n d o r t e angegeben, die bei den Schultzschen »Bildern in der Regel fehlen Welche Freude es bereitet,

1 eine Pflanzcuart. die man bisher nur aus Abbildung ' und Beschreibung kennt, zum ersten Male in der Natur selbst zu finden, das weiß nur der, welcher es selbst erlebt hat, und er ver­steht die Gefühle unserer Blumenmalerin, von der cs in dem zitierten Nekrolog heißt:So ost sie im Alter eine Ausfahrt unter­nahm, sielen ihr die einst meist in srüher Morgenstunde unter­nommeneil Wanderungen wieder ein, verklärte sich das Gesicht der Greisin, sobald sie die Stüiteu glücklicher Funde nur von fern sah oder durch sonst einen Anlaß in die alte Zeit zurückversetzt wurde."

Die Zwipfschen Schmetterlingsaquarelle. Fast 40 Jahre hat Gustav Friedrjch Zwips, der Sohn eines Perücken», machers, auf die Anfertigung seiner 163 Foliotafeln Schmet- terlingsaquarelle verwandt, die.noch bis zum 4. September im Museum der Senckenbergifchen naturfor­schenden Gesell sch aft ausgestellt sind. Tagfalter, Schwärmer, Eulen, Spanner,Spinner, Motten, Feder­motten, teils mit Puppen und Raupen sind mit einer Natur­treue wiedergegeben, daß sie die besten Darstellungen der Farbendrucktafeln der Schmetterlingsbücher in Schatten stellen. Die Farbenpracht der Falter ist meisterlich zur Geltung gebracht; die feinen Schattierungen und Nüanzie- rungen der Flügel sind mit verblüffender Naturwahrheit herausgearbeitet. Die reiche Sammlung gehört zum besten, was bis jetzt an Schmetterlingsbildern geboten wurde. Die beigemalten Pflanzen, die von den Faltern umschwärmt werden, sind zum Teil mißglückt. Man sieht, daß Zwipf, der nie Mal- oder Zeichenunterricht genossen hat, sein Haupt­studium auf die Schmetterlinge selbst verlegte. Die Samm­lung wird seden Kenner interessieren.