Mit dieser Neuerung, möglichst jeden Samstag eine wissenschaftliche Sitzung abzuhalten, hat die Direktion offenbar den Wünschen zahlreicher Mitglieder entsprochen, denn der Besuch war ein so reger, daß der große Hörsaal stets gefüllt oder überfüllt gewesen ist.
Die Vorlesungen der Dozenten hatten sich einer noch regeren Teilnahme zu erfreuen, als dies in den letzten Jahren der Fall gewesen ist. So war z. B. die Vorlesung des Herrn Prof. R e i ch e n b a ch von 91 Hörern besticht:
Folgende Vorlesungen wurden im Winter 1903/04 gehalten: -
Prof. Dr. H. Reichenbach: „Vergleichende Anatom iederWirbeltiereunddesMen- schen mit Berücksichtigung der Physiologie sZ ellentheor ie, Theorie der Befruchtung, Grundzüge der Entwickelungsgeschichte, Skelett, Nervensystem und Sinnesorgane, Organe der Fortpflanzung)/'
Dr. K. Oestreich, Privatdozent an der Universität Marburg: „Allgemeine Geologie (die Wirkung des Eises usw.)."
Prof. Dr. M. Möbius sim Aufträge des Dr. Sencken- bergischen Medizinischen Instituts): „Kryptogamenkunde, II. Teil (Flechten, Moose nnd Farne) und Fortpfl-anzung der Pha - nerogame n."
Im Sonimer 1904 lesen:
Prof. Dr. H. Reichenbach: Fortsetzung der Wintervorlesungen.
vr. F. Römer: Anleitung zum Sammeln und Konservieren einheimischer Tiere (mit Exkursionen)"
Prof. Dr. M. Möbius: Botanisch-mikro- skopischer Ubungskursus (Botanisches Prak- tikuni)."
Prof. Dr. W. S ch a u s: „Einleitung in die Petrographi e."
Prof. Dr. M. Möbius (int Aufträge des Dr. Sencken- bergischen Medizinischen Instituts): „Biologie der Pflanzen, II. Teil."
Sehr lebhaft war auch der Besuch des Naturhistorischen Museums, besonders an den Sonntagen.
Neben der auch in diesem Jahre unermüdlichen Tätigkeit der Sektionäre traten vor allem diejenigen Arbeiten in den Vordergrund, welche die Herstellung einer Schau- s a m m l u n g für das neue Museum bezwecken. Von dem Kustos Dr. I. R ö m e r wurde in Gemeinschaft mit Frau Sondheim eine große Zahl überaus wertvoller und lehrreicher vergleichend-anatomischer Präparate für diesen Teil des Museums an- gefertigt und der Grundstock für eine umfassende histo- logisch-mikroskopische Sam mlung gelegt. Eine große Anzahl von Präparaten für Lehr- und Demonstrationszwecke ist auf diese Weise schon in den Besitz der Gesellschaft gekommen und hat es ermöglicht, den Dozenten tvertvolles Material für die Vorlesungen zur Verfügung zu stellen. Da die Aufgaben nach dieser Richtung hin immer größer und dringender wurden, hat die Gesellschaft am 15. April d. Js. einen Assistenten am Museum, Herrn Dr. Julius Wilhelmi, angestellt, der zunächst ausschließlich mit den Arbeiten für die Schausammlung beschäftigt ist. In hochherziger Weise ist von dem Vorstand derGcorgundFranziska Speyer- s ch e n S t u d i e n st i s t u st g zur Herstellung dieser Lehr- und Unterrichtssammlung der Gesellschaft der Betrag von
6500_Mark überwiesen worden.
Auch die Tätigkeit der Konservatoren ward in erster Linie durch en Plan der Schausammlung bc- dinat- Es war nötig, ihnen weitere Hülfe zu verschaffen, xmdhie zugleich in Bezug auf die stets zunehmenden Bureau- arbeiten zu entlasten. Dies geschah durch die Anstellung des Handwerkers Rudolf Moll, eines zweiten Lehrlings Wilhelm Post und der Bureau- gehülsin Irl. Ella Schupp.
Sehr rege war wie immer der Verkehr mit auswärt igen Gcs ellschaft en uud e in zclnen Gelehrten; auch die verschiedenen Teile der Sammlungen Wurden von zahlreichen Forschern teils an Ort und Stelle, teils außerhalb benutzt.
In Schriftenaustausch ist unsere Gesellschaft jnit folgenden Vereinen neu cingetreten:
- Es erhalten den Bericht:
Universite de Rennes, Rennes;
Albany Museum, Grahamstown, South Afrika;
Societe Royale Malacologique, Brüssel;
Societä Romana per gli studii zoologici, Rom.
Abhandlungen und Bericht erhalten:
Ungarisches National-Muscum, Budapest;
Societe Lineenne, Bordeaux.
Der von Reinachpreis für die ausgezeichnetste Arbeit aus dem Gebiete der Geologie kam am 10. Januar 1904 zum viertenmalc zur Verteilung. Eingelaufen waren drei Arbeiten. Die Preiskommission, bestehend aus den Herren Professoren Boettger, Kinkelin und K a y s e r - Marburg, hielt zwei dieser Arbeiten in gleicher Weise für würdig, preisgekrönt zu werden- Die Verfasser dieser Arbeiten waren cand. rer. nat. Rudolf Delkes- jf a m p in Gießen und Bergreferendar E i n e ck e in Halle. Zwisck)en ihnen wurde infolgedessen der Preis geteilt.
Im vorigen Jahre wurde die bereits im letzten „Bericht^ angekündigte Gehaltsordnungder Beamten von der Gesellschaft angenommen.
Auch in dem vergangenen Jahre sind uns von Freunden j und Gönnern zahlreiche und wertvolle Geschenke für! d a s M u s e u m zuteil geworden, welche des Genaueren in den Berichten der Sektionäre beschrieben werden sollen.
Eine große Bereicherung hat die botanische Sektion dadurch erfahren, daß Herr Ingenieur A. Aske- nasy aus dem Vermächtnis seines verstorbenen Bruders, des Prof. Dr. E- Askenasy in Heidelberg, uns dessen großes Herbarium, sowie die Sammlungen anderer pflanzlicher Präparate, besonders die Originale zu den von der „Gazelle" gesammelten und vom Verstorbenen bearbeiteten Algen zugcwiesen hat-
Auch der paläontologischen Abteilung sind wertvolle Geschenke zuteil getvorden: durch Herrn A- Aske- n a s y die unermüdliche Aufsammlung und sorgfältige Pr'i- peration von Blättern aus dem oberpliocänen Braunkohlenflötzen des Klärbeckens, die wesentliche Beiträge für die Kenntnis der Flora jener Zeit liefern werden, und aus dem Nachlaß des verstorbenen Thurn- und Tarisschen Oberpostsekretärs C y r i st i a n A n k c l e i n eine außerordentlich umfangreiche Sammlung schöner Exemplare von aus zahlreichen Horizonten stammenden Fossilien.
Durch die Opferwilligkeit zahlreicher Mitglieder unserer Gesellschaft War es möglich, die außcrordentlick) wertvolle v. M o e l l e n d o r s f s ch e Konchyliensammlung, die von H o m e y e r s ch e Eiersammlunz und die M a n n s ch e Schmetterlingsammlung zu erwerben.
Zahlreiche Geldzuwendungen seitens unserer Mitglieder haben dazu lieigeiragen, die bei den ständig Wachsenden Anforderungen überaus schwierige pekuniäre Lage der Gesellschaft zu erleichtern. So ist es auch besonders freudig zu begrüßen, daß mehrere Mitglieder in dankenswerter Weise ihren Jahresbeitrag freiwillig auf 50.— M ark oder 100.— Mark erhöht haben.
Wer immer unsere Gesellschaft in ihren Bestrebungen unterstützt, der handelt nach dem leuchtenden, nacheiferungswerten Vorbild jener edlen, hochherzigen Frau, deren gesegnetes Andenken in unserer schnelllebigen und raschvergessenden Zeit immer und immer wieder zu beleben, eine Ehrenpflicht unserer Gesellschaft ist. Frau Gräfin Luise Bose, geb. Gräfin von R eiche nbach-Lessonitz hat durch ihre tut Jahre 1880 e r r i ch t e t e, au s s ch I ieß l i ch Un t er- richts - und wissenschaftlichen Zwecken hienende, großartige Stiftung, deren »reiche Erträgnisse größtenteils unserer ^Gesellschaft zu gute kommen, unsere Ji- chanzen auf eine gesicherte Grundlage ge- st e l l t. Die Stiftung ist einer besonderen Verwaltung unterstellt, zu der unsererseits unsere beiden Kassierer abgeordnet sind. Der auf unsere Gesellschaft fallende Anteil aus den Stiftungserträgnissen ist in den letzten Jahren, nachdem eine Reihe von Lasten den testamentarischen Bestimmungen gemäß abgetragen ist, stetig im Wachsen begriffen und hat es uns bis jetzt ermöglicht, w e n i g st e n s den a l l c r n o t w e n d i g st e u Aufgaben gerecht zu werden.