und es erfolgt der zweite Bruch: das Aufgeben der Pro­fessur in Jena. Ein drittes Beginnen, die Vorlesungen in Dorpat, kommt kaum noch über den Versuch hinaus und nun folgt die letzte abwärts führende Periode, zwar in un­unterbrochener Tätigkeit, solange die Gesundheit es gestattet, aber doch, wie es scheint, ohne eigentliches Ziel, wobei in letzter Zeit der Aufenthalt, merkwürdig oft gewechselt wird. Aber fern sei es von uns, hiermit auch nur den leil eftcrt Vor­wurf ausiprechen zu wollen: nur beoauern können wir, daß es Schleiden nicht vergönnt war, auf dem Gebiet, wo er so schön begonnen, ruhig weiterzuarbeiten und es noch mehr ourch seine geistreichen Untersuchungen zu bereichern. Er­klären können wir uns auch sein Wesen, denn je reicher ein Geist ist, um so schwerer ist er zu befriedigen. Jedenfalls müssen wir Schleiden dankbar sein, daß er mit klarem Blick und frischem Mut der Naturwissenschaft die Bahn rein ge­fegt hat, und dieser Dankbarkeit soll Ausdruck gegeben wer­den durch Errichtung eines Denkmals an der Stätte seiner Haupttätrgkeit in dem lieblichen Jena, wo schon manches Denkmal von dem Wirken großer Geister in dieser Stadt zeugt.

Matthias Jakob Schleiden.

Zur Feier seines hundertsten Geburtstages: 5. April 1994. WiFerrsLaftkrche Sitzung der Seuckeubergischerr NKtursorscheudeir Gesellschaft.

Frankfurt a. M., 9. April 1904.

Vorsitzender: Dr. med August Knoblauch. i

Die heutige a c r o r d e n t l i ch e S i tz u n g gilt dem Andenken eines ManncS, der weit über das Gebiet seines Spezialsaches, der Botanik, hinaus bahnbrechend ge­wirkt und der ein Menscheualier lang in engen Beziehungen zur S e n ck e n b e r g i s ch e n N a t u r f o r s ch e n d e n Gesellschaft gestanden hat.Am 21. April 1849 wurde der damalige Jenenser Professor Schleiden zum korrespondierenven Mitgiiede ernannt und nachdem er zu Anfang der 70er Jahre seinen Wohnsitz nach Darurstadt, Wiesbaden und schließlich nach Frank­furt verlegt hatte, sind viele unserer Mitglieder ihm per- ,vuury naye getreten. In dankbarer. Erinnerung dessen, j was er der Wissenschaft mnd uns- gewesen ist, haben wir | an seinem hundertsten Geburtstag in früher Morgenstunde einen Lorbeerkrauz am Grab des Heimgegangenen .Freundes niedeWlegt, und dankbar haben tvir ?s empfun­den, d§ß auch,-.der M a gi st r a t unserer Vater- sA a d t/ein gleiches-pesan, und, daß als Vertreter, des Ma­gistrats -die Herren, Bürgermeister Dr. Varrentrapp und Ctadirgt Zimmer zu unserer heutigen Sitzung ex*. schienen sind, Wir feiern Sch leiden als den ,g r o ß e n ,Geleh-rien, den,,die Botanik zu- einer in.' ch iiktiosp.sP issensch.ast erhoben und damit der .gesamten Biologie zislbetvuht und mit überraschender Klar-' heit neue Pege gewiesen.hat, und loir feiern'ihn, weil wir mit Stoiz bekennen dürfen-:-. Er, war u-n ser I.-Und^ wenn abermals, hundert Jahre, in die, Welt gcgangeupseins werden, und keiner von'uns »lehr.am Leben ist,'wirb eine! .andere sGenerütian siei n Anderen dankbar- ehrech wie 'wir es heute tun!"

Nach- diesen einleitenden Worten des Vorsitzenden hält 'Prof. Dr, M Möbius die-Gedächtnisrede. , Nachdem der Vortragende kurz auf die Bedcutuüg' Sch le iden s -für den Aiifschwnng-.der Naturtvissenschaften.im vorigen 'Jahrhundert .'hingewieftn . hat, gibt er einen kurzen L e - be n Za brl ß« des kMite/'-iGefeierten. 'Die Familie -Cch l c i b e n ist eine Norddeutsche, -der Großvater M a t t h i as Ins o b , dcs^n Mmpd der berühinie Enkel erhielt j sjvar GillMesttM',inJlchh E.Vütcr, Andreas Bene-, d i k t ^ St'adspFichiküs kch,,,Hanlburg. Mm t t h i.y s, cherj älteste,<^ohu,..stesnchie; die Schulen seiner Vaterstadt und -be­gab sich-1Z24-Zum. Studium der J,u r i s p r u d e n z. nach Heidelbclgs- wo-kr 18L6«zum Doktor promoviert- wurde. Darauf' ließ' er sichln Hamburg'als Adpwknk nieder, fand aber'so-wenig'-Geschmack an selnc--n-Berufest daß er, ihn aüsgab'und Me duz in rzui'studieren«, beschloß?-- Er^ besuchte zu diesem Z-Wdck die' Ilniversitäi GvtliUgon, wo rhn> der Botaniker Bartling für sein Fach gewann'. Dach Studium der Äükäirik setzte cd dann unter der Leitung keines Onkels L> o r k i> t in Bcelin inr-I bis pi 1R39 ftnrft,

l 3enö überfiedelte, wo er den phÄofophifchen Doktorgrad erwarb und zunächst anßerordentlqher Professor der Bo­tanik, später (1856) ordentlicher Professor und Direktor des botanischen Gartens wurde. In dieser seiner Stellung entfaltete er eine sehr reiche Tätigkeit durch seine Vorlesungen über Botanik, Pharmakognosie und Anthro­pologie, durch Unterricht ,in seinem Laboratorium und vor allem durch seine wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Von

> Akademien und Gesellschaften wurden ihm mehrfach Aus- ^ 1 ^!^^ zuteil und auch die Senckenbergische

Naturfor sch ende Gesellschaft ernannte ihn . 1849 zu ihrem korrespondierenden Mitglied i Störend wirkten die politischen Unruhen der Jahre 1848

> und 1849, und weitere Umstände verschiedener Art ver- anlaßten ihn sogar im Jahre 1862, seine Stellung auizu- gebcn und nach Dresden als Privatmann überzusiedeln. Zwar wurde er von hier bald nach Dorpat alz Professor der Anthropologie berufen, aber ebenso schnell kehrte er von dort zurück und lebte nun in Dresden,

.Frankfurt (1872), Darmstadt, Wiesbaden und wieder in nnserm Frankfurt, wo er am 23. Juni 1881 nach ! längerem Leiden starb. Tie letzte Periode seines Lebens swar schriftstellerischer Tätigkeit auf den verschiedensten Ge­

bieten gewidmet.

Das wichtigste seiner Werke ist sein Lehrbuch, die G r u n d z ü g e der wissenschaftlichen B o - t a n i k", in dessen ausführlicher Einleitung er s e i n e in­duktive Methode darlegt und zeigt, wie die An- schaunng die Grundlage für altes Wissen abgeben und bei allen Untersuchungen die E n t wi cklungsgeschichte die Hauptrolle spielen muß. Näher kann auf den Inhalt eines solchen Lehrbuchs nicht eingegangen werden, dagegen tvird zu zeigen versucht, in welcher Weise Schleiden die L e h r e von der Zelle als dem Grund- organ des Pflanzcnkörpers begründet hat und wie im Anschluß daran Schwann die Zelle auch als G r n n d o r g a n des tierischen Organismus erkannte. Ferner wird die eigentümliche Theorie, die Schleiden über die Befruchtung der Blütenpflanze auf­stellte, besprochen, eine Theorie, die von vornherein wenige Anhänger und viele Gegner fand und von ihrem Urheber schließlich selbst als Irrtum erkannt wurde. Er hat aber mich dabei unsere Kenntnisse über diesen Gegenstand viel­fach bereichert und seine zahlreichen anderen, nur erwähn­ten Arbeiten zeigen, daß er auf fast allen Gebieten der rein- wissenschaftlichen und der angewandten Botanik tätig ge- , wesen ist. Schon in Jena hat Schleiden durch popu­läre Borträge die botanischen Probleme dem großen Pu­blikum verständlich zu machen versucht und aus diesen Vor­trägen ist das früher berühmte, in 6 Austagen herausge- gebene BuchDie Pflanze und ihr Leben" entstanden. Aus der großen Anzahl populärer Schriften, die meistens der späteren Periode angehören, seien nur die ! erwähnt, die als selbständige Bücher erschienen sind: Die !Stndien", eine Sammlung von meistens physikalischen !und astronomischen Vorträgen,Das M ee r", von we­sentlich zoologischem Inhalt,Die Nos e" undD a s S a l z". Im Anschluß an die Erwähnung dieser und an­derer Arbeiten wird Schleidens Stellung zum Dar­winismus, seine philosophische Wcltauffassung, seine reli­giöse Uebcrzeugung und seine Ansicht von dem Judentum, zu dessen Gunsten er mit seinen beiden letzten Schriften ein- ' getreten ist, kurz angedeutet. Schließlich wird erwähnt, daß er viel Verständnis für die bildende Kunst und große Fähig­keiten im Zeichnen besaß und sich auch in der Poesie mit zwei Bändchen von Gedichten versucht hat.