XVII. Wissenschaftliche Sitzung der Senckenbergischen Natursorschenden Gesellschaft.

Frankfurt a. M., den 26. März 1904.

Vorsitzender: Stabsarzt Prof- Dr. E. Marx.

Eine reichhaltige Ausstellung lebender Sa­lamander und Molche, ihrer Futtertiere uno Feinde, wie sie in solcher Vollständigkeit wohl nicht oft zu sehen sein wird, bildete den Abschluß der diesmaligen Winterveranstaltungen der Senckenbergischen Na­tu rforschenden Gesellschaft. Alle Arten der genannten beiden Gattungen, welche imgroßen Brehm" oufgeführt sind, waren vollzählig vertreten, manche von ihnen mit den zugehörigen Jugendstadien, mit Eiern, neu­geborenen und überwinterten Larven und jungen Land­tieren; und außerdem Stichlinge und Forellen, Flußkrebse, Wasserkäser und -Schnecken, Schnakenlarven und andere niedere Süßwassertiere.

An der Hand dieses reichhaltigen lebenden Mate­rials hielt Dr. med. August Knoblauch einen anziehenden Vortrag über:

Feuersalamander und Molche in der Gefangenschaft."

Gar manche:» mag es unverständlich scheinen, wie man Salamander und Molche, diesescheußlichen Tiere", in der Gefangenschast halten mag, in unseren Wohnräumen, in denen neben dem Kanarienvogel und dem sprechenden Papagei, neben fremdländischen Zierfisthen im Salon-

Aquarium unter den Amphibien allein unserem Laub­frosch, dem vortrefflichen Wetterpropheten, ein bescheidenes Plätzchen gegönnt wird. Und doch hat auch die Gefangen­haltung des' Feuersalamanders eine vielhundertjährige Ge­schichte, die zurückreicht in die Zeiten des klassischen Altertums. Schon Aristoteles und seine Schü­ler hatten exakte Kenntnisse von dem gelbgefleckten Erdsala­mander und seiner kiementragenden, im Wasser lebenden Larve. Was indessen die Alten infolge unmittelbarer Naturbcobachtung von den: Tiere wußten, es ist ver­loren gegangen in den Fabeln und im Aberglauben sdes dunklen Mittelalters. Jahrhunderte laug war und blieb der Salamander ein feuerfestes, fürchterliches Untier, welches auf Bildern alter Texte bald als Drache, bald mit zwei Köpfen dargestellt wurde, von allen giftigen Tieren das boshafteste, welches die Brunnen verseuchen und ganze Völker vernichten sollte. In seiner Hexenküche ver­brannte der Alchimist das beklagenswerte Geschöpf und goß Quecksilber auf den verkohlenden Giftwurm, auf daß sich Hasselbe im Blut des Feuersalamanders zu lauterem Golde wandle. So ist aus den Lügen des Altertums, die A e l i a n und PliniuL gesammelt, und aus dem Aberglauben des Mittelalters mit seinen symbolistischen Geheimnissen eine Salamanderfabel entstanden, die ein alter Nürn­berger Arzt am Ausgang des 17. Jahrhunderts Paul Würfsbain in dem ersten Teil eines lateinisch geschrie­benen Werkes zusammengestellt hat. Auf dem Titelblatt seinerS a l a m a n d r o l o g i a" hält Minerva ein Ban­ner hoch, auf dem ein Salamander von stöbernden Flammen umgeben dargestellt ist. Das Studiunr dieses fast vergesse­nen Buches zeigt uns den Beginn einer exakten naturwissen­schaftlichen Forschung im ersten Morgenrot der ausdäm­mernden Neuzeit. Aber den dämonischen Zauber, mit dem die Jahunderte ihn umsponnen haben, hat der Salamander bis heute behalten; und dieser Zauber ist noch in der Heraldik und in der Kunst unserer Tage lebendig und auch der Aberglauben der breiten Masse unseres Volkes hat sich 'von ihm noch immer nicht ganz frei gemacht.

Die erster: ausgezeichneten Werke über die Anatomie und Entwicklungsgeschichte des Je::ersalan:anders und über seine Lebensweise stammen aus dem Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts Sie sind zum Teil mit künstlerisch ausgeführten Abbildungen der Salamanderlarve, des Hungen Landtiers und des erwachsenen Feuersalamanders ausqestattet. Zwei solche Werke sind aufgelegt, die im Fahre 1828 erschienene Doktordissertation des berühmten Müncbener Physiologen von S i e b o l d und eine Arbeit , des Arztes A. I- F unk aus dem vorhergehenden Jahre- j

Wie sind nun diese Arbeiten entstanden? Als Er­gebnisse sorgfältiger Beobachtungen an Feuersalamandern in der Gefangenschaft. Beobachtungen im Freien bei einem Tiere, welches eine so verborgene Lebensweise führt, wie es die meisten Schwanzlurch?, auch unsere Feuersalamander tun, werden niemals erschöpfend sein können; ihre Ergänzung durch die Beobachtung in der Gefangenschast ist also ein strenges Er­fordernis exakter wissenschaftlicher Forschung. So hat erst neuerdings bei dem größten bekannten Vertreter der Lurche, bei dem japanischen Riesensalamander die Gefangenhaltung des Tieres sicheren Aufschluß über die Art seiner Fortpflanzung gebracht. Seit 1829 durch von Sieb old bekannt, hat die Ausschließung Japans und selbst die Heranziehung zahlreicher europäischer Gelehrten in japanische Dienste kaum zu einer besseren Kenntnis des Wohnortes des interessanten Tieres geführt, geschweige denn seiner Lebensweise und Entwicklungsart. Erst im ver­gangenen Herbst ist es im Aquarium zu A m st e r d a m gelungen, ein Pärchen Riesensalamander zur Fortpflanzung zu bringen. Nun weiß man, daß dieses Tier seine Eier in rosenkranzartigen, doppelten Eischnüren ablegt, und daß dqs Männchen einer sorgfältigen Brutpflege obliegt, wie sie bis jetzt bei keiner anderen Art der Schwanzlurche be­kannt ist. Nun kennt man auch die eben aus dem Ei ge­schlüpfte kiementragende Larve des Riesen- salamandews, die sich nur wenig von der lebend­geborenen Larve unseres Feuersalamanders unterscheidet.

Doch versuchen, wir zunächst, unsere einheimischen Molche und Salamander im Freien zu beobachten. Ein Frühlingsspaziergang führt uns von der G o c t h e r u h e den Wendelsweg aufwärts durch das erste, kaum sichtbare Grün der knospenden Buchen und über den Bäckerweg zur jGrastrünke, diesem idyllischen Waldtümpel, in dessen Flut sich die mächtigen Aeste vielhundertjähriger Eichen widerspiegeln. Ein lautes Quaken verrät uns die Nähe des Tümpels, schon ehe wir ihn erblicken. Jetzt, wo wir j die Lichtung betreten, verstummt es und nur wenige Frösche, j die sich in der Mitte des Tümpels vor Nachstellungen sicher wissen, nehnien nach einer kurzen Pause das unter-J brochene Konzert wieder aus. Zwischen dem Schilfe er­blicken wir m großer Menge die gallertartigen Klumpen des Froschlaichs an der Oberfläche des Wassers; denn der braune G r a s f r o s ch hat als erster seiner Sippe bereits Mitte März seine Eier abgesetzt.

Jetzt treten wir an der Nordwestseite des Tümpels an den ziemlich steil abfallenden Uferrand desselben heran. Dort sehen wir am Grunde des kristallklaren Wassers fast unbeweglich ein kleines Tierchen, etwa von der Gestalt und Größe einer Eidechse, mit einem zackigen Kamm auf den: Rücken und einem silberglänzenden Streifen in der Mitte des breiten Ruderschwanzes. Jetzt taucht es plötzlich empor an die Oberfläche des Wasserspiegels, um Luft zu schöpfen.

| und tm nächsten Augenblick ist es wieder in der Tiefe, in !dem dichten Gewirr der Wasserpflanzen verschwunden. Es ist ein prächtiges K a m m o l ch - Männchen im Schmuck des sog. Hochzeitskleides. Jetzt wird es wieder sichtbar: behend und graziös schwimmt es auf ein Weibchen derselben Art zu; es macht vor ihm halt; schwimmt um das Weibchen herum und peitscht uni. dem breiten Schwänze seine Flanken. Cs macht offenbar mit einer wahren Leidenschaftlichkeit sei- nein Weibchen den Hof. Jetzt flüchtet das weibliche Tier und mit, ihm verschwindet auch der prächtige Kamm­molch aus unseren Blicken. Benützen wir den Augenblick, wo nach wenigen Minuten eins der lungenatmenden Tiere, um Lust zu schöpfen, wiederum an die Oberfläche komutt,' zu einem raschen Netzzuge, so gelingt es uns, einen Molch zu erbeuten.

Drei Arten unserer deutschen Molche treffen wir zur Frühjahrszeit an dem gleichen Fundort an, in der Gras­tränke, die schönste und größte der einheimischen Arten, den Kammolch, und zwei kleinere Arten, den $8er.q- molch und den Streistenm olch. Diese drei Arten aus der unmittelbaren Umgebung unserer Vaterstadt sind ausgestellt, und die Männchen sind an dem prachtvollen Schmuck des sogenanntenHochzeitskleides" zu erkennen, in dem sie jetzt zur Paarungszeit prangen. Ferner sinv von der typischen Form des Kammolchs auch junge Tiere, zahlreiche vorjährige Stücke und ein nahezu erwachsenes zweijähriges Exemplar ausgestellt. Sie sind sämtlich als halbwüchsige k i e m e n t r a z e n d e Larven in der Grastränke gefangen und haben in der Gefangenschaft die Methamorphose zu lnngenatrnenden Land­tieren durchgemacht. !