frankfurter Nachrichten» Sonntag den 19. Gkkober 1902

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Samstag, Den 18. Oktober 1902.

In Verhinderung des 1. Direktors eröffnet der! n. Direktor Dr. E. Noediger die erste Sitz­ung des Wintersemesters, indem er den erschienenen Damen und Herren ein herzliches Willkommen zurust. Er theilt sodann mit, daß die in Aus­sicht genommenen Vorträge diesmal schärfer wie sonst in. solche von gemeinverständlichem Inhalt und im streng wissenschaftliche geschieden worden sind. Es ist zu erwarten, daß sich an letztere eine Diskussion von seiten der Fachgenossen anschließen werde. Der Vor­sitzende gedenkt hierauf der vielen theuren Mitglieder, die die Gesellschaft seit dem Jahresfeste im verflossenen Mai durch den Tod verloren hat. Allen Dahinge­gangenen wird die Gesellschaft ein ehrenvolles und dankbares Gedenken bewahren.

Die Hoffnung, daß in diesem Jahre der Bau des neuen Museums werde errichtet werden, hat sich nicht erfüllt. Trotz dieser Enttäuschung ist die Gesellschaft unentwegt bemüht, ihr Arbeitsgebiet immer frucht­bringender zu gestalten, und sie darf sich sagen, daß ihr dies in reichem Maße gelungen ist. Die Vorlesungen hatten sich, wie der Besuch im Sommersemester zeigte, einer steigenden Theilnahme zu erfreuen und bei dem praktischen Kurse für Botanik sowie bei dem neu ein­gerichteten für Zoologie waren alle verfügbaren Plätze besetzt. Der Kustos Herr Dr. Römer befindet sich im Aufträge der Gesellschaft und auf Kosten der von Reinach-Stiftung auf einer Sammelreise am Adriati­schen Meere; er wird Ihnen im Laufe dieses Winters darüber Bericht erstatten. Endlich legte der Vor­sitzende den soeben erschienenenBericht 1902" sowie das 3. Heft des XXV. Bandes der Abhandlungen vor.! Es enthält auf 464 ©eiten Text eine Beschreibung der von Kükenthal in dem indischen Archipel erbeuteten Krebse, von Dr. I. G. de M a n. Dem Texte sinh 9 Tafeln beigegeben. Professor Dr. M. MöbiuK hielt hierauf seinen angekündigten Vortrag

Aeöer schmarotzende Mkülßenpffanzeri.

Während im Allgemeinen für die Pflanzen, besonders im Gegensatz zu den Thieren, die Liege! gilt, daß sie, befähigt sind, mit rein anorganischen Stoffen sich zu ernähren und dieselben zu ihrem Aufbau zu ver­wert hen, kennt man doch eine große Anzahl von Pflanzen, die wie die Thiere hinsichtlich ihrer Ernähr­ung auf organische Substanz angewiesen sind. Ent. nehmen sie dieselbe abgestorbenen und in Zersetzung .begriffenen Organismen, so nennen wir sie Sapro- phyten, ernähren sie sich von noch lebenden Organis­men, so nennen wir sie Parasiten oder Schmarotzer, gewächfe. Die letzteren haben ihre Vertreter unter den Pilzen, die ja sämmtlich wegen des Mangels an Chlorophyll auf Saprophytismus oder Parasitismus angewiesen sind, ferner unter den Algen und drittens unter den zweikeimblättrigen Blüthenpflanzen. Unbe­kannt ist der Parasitismus unter den Moosen, Farn­pflanzen, Nacktsamigen und Einkeimblättrigen. Wix wollen hier nur die Blüthenpflanzen betrachten, von r denen über 1000 Arten als Parasiten bekannt sind und insofern eine biologische Familie bilden, die in mehrere Gruppen getheilt werden kann.

Die erste Gruppe bilden die grünen Halbschmarotzer, denen man den Parasitismus äußerlich nicht anmerkt;, sie haben grüne Blätter, nehmen mit den Wurzeln Nahrung aus dem Boden auf, bilden aber außerdem Saugwurzeln, die sich den Wurzeln anderer Pflanzen anlegen. Hierher die Rhimmtbaceen, z. B. der Augentrost, und Santalaceen, z. B. das Leinblatt.

Die zweite Gruppe leitet sich von der ersten ab und gibt sich äußerlich als Schmarotzer zu erkennen durch das Fehlen grüner Blätter. Die Schuppenwurz ^Latbraea) wnb_ die .Sommerwurzarten (0ro-

banchen), die hierhergehören, schmarotzen ebenfalls auf den Wurzeln anderer Pflanzen.

Die dritte Gruppe besteht aus den Lorantbaceen, die grüne Blätter haben und ihr Wurzelsystem ganz in die Zweige von Bäumen einsenken, wie sie es am be­kanntesten für die Mrstel ist.

Während sich die Pflanzen der dritten Gruppe von Epiphyten ableiten lassen, sind die der vierten Gruppe vielleicht aus gewöhnlichen Schlingpflanzen hervoc- gegangen. Es sind die Ousentaeeen (Kleeseide) und die mit dem Lorbeer verwandte, tropische Carrytha; sie entbehren der grünen Blätter.

Am merkwürdigsten verhält sich die sechste Gruppe: ihr Vegetationskörper ist ein Knollen oder ein gestreck­ter kriechender Stamm und ihre Wurzeln sind ganz im Körper der Wirthspflanze eingefenkt, bei einigen fehlt überhaupt ein äußerer Stamm, und der Körper ist ganz in der Wirthspflanze verborgen, aus der nur die Blüthen Hervorbrechen. Es sind dies die merk­würdigen, oft sehr bunt gefärbten und hutpilzähnlichen ßalaiiopboreen, Hydroraceen und Rafflesiaceen, letztgenannte mit der merkwürdigen Riesenblume Ratflesia Arnoldi auf Sumatra.

1 Merkwürdig ist, daß bei vielen Parasiten nicht nur die Blätter, Stengel und Wurzeln verkümmern, son­dern auch die Fortpflanzungsorgane abnorm und in reduzirter Form ausgebildet werden.

Zur Illustration des Vortrags dienen zahlreiche Wandtafeln, Herbarpflanzen und andere konservirte Pflanzen, sowie einige mikroskopische Präparate.