Iraitfefmte Nachrichten, Sonntag i> w
Wifferr-chaftliche Sitzurrg der Senken dergischen Naturforschenden Gesellschaft.
Frankfurt a. M., den 8. Februar 1902.
Vorsitzender vr. med. E. Roediger.
Prof. 1'r. M. Neißer, Mitglied des Königlichen Instituts für experimentelle Therapie spricht über:
frsPtc Bedeutung der Bakteriologie für Naturwissenschaft und IAedizi«?'
Zu den kultrirhistorischen Großthaten des ' verflossenen Jahrhunderts gehört auch. die Erforschung !des Balterimreiches, deren Resultate einm weitgehenden Einfluß auf die Entwickelung der Naturwissenschaft und der Medizin gewonnen haben. Der erste wichtige Einfluß auf die Naturwissenschaft war der von Pasteur erbrachte Nachweis von der Unrichtigkeit der sogenannten Urzeugung. Pastmr wies nach, daß Lebendes nur aus Lebendem entstehen könne und daß leblose Materien niemals sich in lebendige um- -wandeln können. Im Anschluß daran zeigte er. daß ^es eine Fiinlniß oder eine Gährnng ohne die Mitwirkung von kleinsten lebenden Wesen nicht gibt, sondern daß Fiinlniß und Gährung stets durch Mikroben 'hervorgerufen werdm. Damit erschimen die Mikroorganismen irr einem neuen Lichte. Man erkannte, daß ihnen die wichtige Rolle im Haushalte der Natur Izukäme, die komplizirten Stoffe der Thier- und, - Pflanzenkadaver in jene einfachen Stoffs zu zerlegen, deren das Pflanzenreich zu seiner Ernährung bedarf. Was die Pflanze aufbaut rmd das Thier weiter verarbeitet und, zum Theil zerlegt, müssen die Mikroorganismen wieder für die Ernährung der Pflanzen brauchbar machen. Wer nicht alle Bakterien bedürfen kompuzirter Nahrung, und gerade unter den Bakterien mit einfacher Ernährung fand man einige, welche wieäHm zur (Erweiterung bestehender biologischer Ge,.>>e nöthigren. So ist der Stickstoff be-! ffanntlich _o(s> Bestandtheil alles Eiweißes ein außer-!
ordentlich wichtiges Element. Es wird aber der Stickstoff von der Thierwelt im Allgemeinen als Harnstoff ausgeschieden, der an sich für die Ernährung der Pflanzen unverwerthbar ist. Erst durch die Thätigkeit von Bakterienarten, welche Harnstoff zersetzen, ist der Kreislauf des Stickstoffes möglich. Ferner findet man Bakteriell, welche sich direkt von dem Stickstoff der Atmosphäre zu ernähren vermögen; es find dies die einzigm lebenden Wesen, welche den freien Stickstoff der Luft dem Reiche der Lebewesen wieder zuzuführen vermögen. Man lernte auch noch anspruchslosere Bakterienarten rennen, welche z. B. auf den Höhen des Faulhorns Vorkommen und welche ihre Gefammtnahrung aus der Luft zu nehmen vermögen. — Eine weitere biologische Besonderheit der Bakterien war ihre Lichtscheu. Sie ^ sind im Allgemeinen auf die Dunkelheit angewiesen. Die lebenspendende Sonne ist ihnen ein Feind. Auch gibt es Bakterien, für welche der Sauerstoff der Luft auch in kleinsten Mengen ein starkes Gift ist. Und was für andere Lebewesen ein starkes Gift ist, kann manchen Bakterienarten ein Lebensbedürfnis sein. So dex Schwefelwasserstoff. Noch manche anderen biologischen Normen mußten fallen gelassen werden. So gibt eL Bakterienformen, welche vielstündiges Kochen vertragen, ohne ihre Keimfähigkeit zu verlieren. So gibt es Bnlterien, gleichsam Hcißblüter, welche erst bei 60—70 Grad Celsius gut wachsen. Andererseits sind fast alle Bakterien gegen Kältegrade bis —150 Grad Celsius ziemlich unempfindlich.
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9. Februar 1902
Auf die Medizin hat die Kenntmy der «cd* ieriologie in vielfacher Weife umgestaltend gewirkt. ' Zum ersten Male konnte der Entstehung mancher Krankheiten nachgegangen werden. So wurden von Koch selbst di« Erreger des Milz- j brandes, der Tuberkulose, der Cholera gefunden . und von Andern im Laufe der Bahre noch eine große
■ Reihe weiterer Krankheitserreger entdeckt. Dadurch wurde eine neue Denkweise, die ätiologische, in die
■ Medizin cingeführt. Früher wurden gleiche Krank- heitsbilder zu einem Krankheitsbegriff vereinigt ohne Rücksicht auf die etwa verschiedene Ursache. Heute wissen wir, daß es ganz leichte rmd ganz schwere Typhusfälle, Diphtheriefülle ufw. gibt, die gleichwohl durch dieselbe Ursache, den Typhnsbazillus begw. den Diphtheriebazillus, hervorgecufen werden. Ja man findet sogar gelegentlich die Krankheitserreger in ganz gesunden Menschen, was nicht wunderbar ist, wenn man bedenkt, wieviel Bedingungen zur Entstehung
; einer Krankheit nöthig sinh. Und das Vorhandensein . des betreffenden Bakteriums ist eben nur eine, wenn auch allerdings nothwendige, dieser Bedingungen. Das gelegentliche Vorkommen von Krankeitserregern bei Gesunden zeigt übrigens, daß nicht jeder Gesunde mich als ungefährlich zu betrachten ist.
Aeußerst fruchtbar war die Bakteriologie auch für die Kenntniß der Uebsrtragungswegs der einzelnen / Infektionskrankheiten. So werden einzelne Krankheiten (Fnsluenza) wesentlich durch Husten und Stießen, andere durch Nahrungsmittel, andere durch Insekten, noch andere aus dem Umwege der Ratte aus den Menschen übertragen. Aber die Bakteriologie suchte mch«. nur immer neue Erreger und neue Jn- sektionswege, sondern sie lehrte auch ein richtiges Urtbeil über die Brneknonschanceu gewinnen. Man lernte weiterhin Mittel und Verfahren kennen, um die Bakterien in ihren Schlupfwinkeln zu zerstören. Die moderne Prophylaxe d?r epidemischen Erkrankungen und die Chirurgie fußen zum großen Theil auf diesen Kenntnissen. — Weiterhin lernte man Bakteriengifte kennen und damit eine neue Klasse von Körpern, welche von den bisherigen Giften so verschieden waren, aber anderen wichtigen Stoffen so ähnelten, welche in der Thier- und Pflanzenwelt eine große Rolle spielen, den Fermenten, über welche chemisch so wenig bekannt war. Und ferner lernte man durch Behring bei dem DiPhtheRegift die wunderbare Thatsache des Organismus kennen, auf Einverleibung dieser Bakteriengiste mit der Bildung von Antigisten zu antworten. Daraus erwuchs ein neues Heilverfahren, das bei manchen Menschen- und Thierkrankheiten bereits große Erfolge gezeitigt hat, und es erwuchs nun aus dem Boden der Bakteriologie ein neuer ForschnngSzweig, die Jmmunitätslehre, deren Entwicklung, wie bekannt, mit dem Namen Ehrlich untrennbar verknüpft ist. Seme sogenannte Seiten- ckettenlehre, welche von einem zuerst von Weigert erkannten und präzisirten Gesetz ausgeht, hat nicht nur , medizinische, sondern auch eine große allgemeinbiologische Bedeutung. Zu alledem kommt die Bedeutung der Bakteriologie als Experimentalwissenschaft. Durch die Bakteriologie ist eine Aera des Experimentes in Naturwissenschaft und Medizin entstanden, wie sie noch nie vorher dagewesen war. Hunderte und Tausende experimentelle Arbeiten sind in aller Herren Ländern, zumal in Deutschland, eul- standen, und es gibt kaum eine Bibliothek, welche alle bakteriologischen Experimentalarbeiten enthält. Und diese großartige Entwickelung hat sich in etwa 25 Jahrm vollzogen.