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ftottkfstifr MchrWsrt» SoMis^ örm 12. Januar 1902

WisseuschafLLichs Sitzung der EenKerr- bergifchen Naturforschenden GeseWschast.

Samstag, den 11. Januar 1902.

Vorsitzender: Oberlehrer I. Blum.

Der Vorsitzende begrüßt die Versammlung zum neuen Jahre und theilt alsdann mit, daß am Schluffe des ver­gangenen Jahres aus der Direktion satzungsgemäß aus­zutreten hatten der zweite Direktor, Herr Forstmeister A. R ö r i g und der korrespondirende Sekretär, Herr L>r. med. A. Alzheimer. An ihre Stelle wurden' für die nächsten zwei Jahre gewählt die Herren Du. mod.

E. Rüdiger und I)r. pliil. A u g. I a s s o y.

Hierauf hält Herr Privatdozent vr. med. Otto L o e w i aus Marburg einen anziehenden Vortrag Melier Stoffwanderung i« Gßierüörper."

Das Leben der Zelle wird bestimmt durch ihre -Physi­kalisch-chemischen Eigenschaften und durch die Be­schaffenheit der Außenbedingungen. Um gegen allen- fallsigen, das Leben schädigenden Wechsel der Außen­bedingungen bis zu einem gewissen Grade geschützt zu sein, verfügen die hochkomplizirt gebauren Organismen über gewisse Regulationseinrichtungen, die ursächlich allerdings meist nicht erkannt sind. So schützen wir uns z. V. gegen wechselnde Außentemperaturen durch Zu­sammenziehung bezw. Ausdehnung der Hautgefäße. Auch können wir uns vorübergehend gegen Hungersnoth weh­ren; denn wir sind in der Lage, in Zeiten der Füll; Nahrungsvorräthe cufzuspeichern. Nun braucht aber jede Zelle und jeder Zellverband (Organ), der eine besondere Leistung zu erfüllen hat, nicht nur eine der Menge, son- 11 dern auch der Art nach bestimmte für ihn spezifische Nahr­ung. In der Norm ist diese natürlich garantrrt, wie wir schon aus teleologischen Gründen annehmen müssen. Was geschieht aber, wenn einmal ein Mißverhältniß zwischen den Ansprüchen, dir an die Leistungsfähigkeit einer Zelle oder eines Organes gestellt werden, und der zur Ver­fügung stehenden Nahrung eintriti? Die oben erwähn­ten der Nahrung des Gesammtorganismus entstammen­de: Vorräih e helfen da natürlich zu nichts. Wir müssen

also zusehen, ob vielleicht eine andere Einrichtung für solche Nothfälle vorgesehen ist. Nun steht fest, daß, so sehr die chemische Zusammensetzung verschieden funktio- nirender Zellen und Organe im Einzelnen von einander abweicht, so doch die elementare Gcsammtzusammen- setzung aller fast identisch ist. Man könnte deshalb daran denken, daß sich im Nothsall die verschiedenen Organe gegenseitig aushelfcn, das eine dem anderes als Nahrung diene. Verschiedene Erfahrungen machen einen solchen Vorgang wahrscheinlich. So kann z. B. das Kind einer vielleicht in Folge Krankheit wenig Nahr­ung ausnehmenden Schwangeren wachsen, während diese selbst abnimmt. Ferner nehmen bei den verschiedensten Berufsarten die geübten Organe an Masse zu, während andere Körpertheile schwinden. Mit absoluter Sicher­heit ist aber das Wachsthum eines Organs auf Kosten eines-anderen während des Hungerns nachgewiesen. Es hat sich nämlich herausgestellt, daß hierbei das Ge­hirn, nächstdem das Herz nach Art und Masse der Zu­sammensetzung ganz unverändert bleiben, während die übrigen Organe schwinden. Da nun Gehirn wie Herz während des Hungerns Weiterarbeiten, also auch Stoff

verbrauchen, andererseits aber solcher von außen dem Organismus nicht zugeführt wird, müssen sie von den übrigen Organen gefüttert werden. Teleologisch liegt die Sache klar. Es opfern sich die Theile für das Ganze. Denn Nervensystem und Herz sind lebens­wichtige Organe, die nicht ohne Gefahr für den Ge­sammtorganismus Einbuße erleiden dürfen. Nun sind zwar teleologische Erwägungen sehr werthvolle Hülfs- mittel der Forschung,.sie besagen aber nicht das Min­deste über die Ursachen des Geschehens. Es ist daher ein großes Verdienst des allzufrüh verstorbenen Baseler Physiologen Friedrich M i e s ch e r , den uns teleo­logisch geläufigen Vorgang der Stoffwanderung in einem Einzelfall auch unserem kausalen Verständniß näher ge­bracht zu haben.*) M. stellte fest, daß beim Rheinlachs die Fortpflanzungsorgane auf Kosten der Rumpfmusku­latur sich bilden und wachsen. Zu diesem Zweck muß natürlich die Rumpfmuskulatur verflüssigt werden. M. gelang es, als Ursache der Verflüssigung eine aus hier nicht näher zu erörternden Gründen veranlaßte Her­absetzung des Blutkreislaufs in dem ohnehin blutarmen Rumpfmuskel aufzudecken. Das verflüssigte Muskel- material wird dann von dem wachsthumgierigen Fort­pflanzungsapparat festgehaltcn und in die für seine Zu­sammensetzung charakteristischen Verbindungen umge­wandelt. Aehnlich scheinen nach den jüngsten Untersuch­ungen von Gaule die Verhältnisse beim Frosch zu lie­gen. Bei den beiden Spezies (Lachs, Frosch), also wo wir die Bildung der Geschlechtsprodukte verfolgen, können, hat sich gezeigt: 1. Bildung der Geschlechts­produkte aus Material, das bereits Bestandtheil anderer Organe desselben Individuums war; 2. absoluter Hunger während dieser Periode. Vielleicht existirt hier ein Kausal­nexus, wobei zwei Möglichkeiten in Betracht kommen: Entiveder ist lediglich das aus dem Zerfall von Körper- theilen desselben Individuums stammende Material die für dessen Fortpflanzungsorgane adäquate Nahrung. Dann wäre das Eintreten des Hungerns so zu deuten, daß die wachsthumsgierigen Geschlechtszellen kein inadä­quates Futter erhalten sollen. Oder der Zusammenhang ist der, daß Wachsthum der Geschlechtsprodukte nur statt­findet, wenn gleichzeitig ein gewisser Grad von Ab­magerung besteht.

Sehen wir von diesem besonderen für die Frage nach der Bildungsart der Geschlechtsprodukte wichtigen Ergeü- niß ab, so setzt uns der Nachweis, daß Zirkulationsstörun­gen zu Organverflllssigung führen.können, in Stand, viele bisher dunkle Beobachtungen aus Physiologie und Pathologie zu deuten (z. B. Stoffzerfall bei Zuständen, die wie Fieber, Phosphorvergiftung, Blutentziehung nachweislich mit Zirkulationsstörungen einhergehen). Möglicherweise springt auch bei jeder besonderen In­anspruchnahme eines Organes, wobei es durch Nerven­einfluß ja jedesmal zu Gefäßerweiterung dieses und konsekutiver Blutverarmung eines anderen Organes kommt, dies letztere helfend ein. Jedenfalls beweisen die angeführten Erfahrungen zur Genüge, daß die Stoss- wanderung eine auch für den thicrischen Körper wesent­liche Rrgulationseinrichtung bedeutet, deren Erforschung noch manche Aufklärung verspricht.

Zum Schluffe dankt der Vorsitzende dem Redner für seinen interessanten Vortrag, welcher von den zahlreich erschienenen Zuhörern mit lebhaftem Beifall ausgenom­men wurde. &

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