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WU§rs?chafLliche Sitzung der Seuckeu- dergLschsu RKiurfsrschendeu Gesellschaft.

V Samstag, den 30. November 1901.

Vorsitzender: Oberlehrer I. Blum.

Dr. inert. F. Blum spricht über Schilddrüse und Weöennicre in ihrer ZLedeutuug für den Hrgariismrrs.

Zur Zeit der Renaissance der Llledizin, im 16. und 17. Jahrhundert, wurden bei den anatomischen Ent­deckungsreisen der forschenden Aerzte erst die Neben­nieren im Jahre 1543 durch Eustachius und über 100 Jahre später die Schilddrüse als gesondertes Ge­bilde int Jahre 1659 durch Wharton aus ihrer Verborgenheit hervorgeholt. Man reihte diese Organe den sogenannten Blutgesäßdrüsen an, zu denen Milz, Hypophyse und zumeist auch die Thymus gerechnet sterden,Gebilde, die das gemeinsameChararteristische hatten, daß sie in enger Verbindung mit dem Zirku- lationssystem stehen, einen drüsenartigen Bau wenig­stens in gewissen Zügen besitzen, daß ihnen jedoch kein Ausführgaug für ein Sekret zukommt und daß man nichts voir ihrer Bedeutung für den Organisntus bannte.

Wharton, der Entdecker der Schilddrüse (Tiiyre- oidea), gab derselben allerdings eine eigenartige, Funktion, indem er sie als für die Formenschönheit des Halses geschaffen erklärte, hat damit aber kaum wohl jemals Anklang gefunden. Obwohl über 2 Jahr­hunderte hindurch intmer wieder der Versuch gemacht wurde, der Schilddrüse eine Aufgabe im Organismus Zuzusprechen/ begann die physiologische Forschung und idamit die allntühliche Erkenntniß der Schilddrüsen- thätigkeit erst zu Beginn der 80er Jahre des 19. Jahr­hunderts. Damals veröffentlichten kurz nacheinander zwei Schweizer Chirurgen, Reverdiu und Kocher, daß der vollkommenen Entfernung der Schilddrüse eine eigenthiimliche Art von Verfall Nachfolge, den sie als eine besondere Form des Cretinismus entsprachen.

Nunmehr folgte Fortschritt aus Fortschritt. Die Schilddrüse wurde als ein für die höheren Wirbelthiere äußerst wichtiges, für die meisten Säuger geradezu unentbehrliches Organ erkannt, dessen Ausfall schwere Störungen und den Tod nach sich zieht. Speziell die fleischfressenden Thiere zeigten sich gegenüber dem' Schilddrüsenmangel in hohem Maße empfindlich; die! Pflanzenfresser boten kein konstantes Verhalten Bei Wegfall der Schilddriisenthätigkeit dar. Schiff, v. Eiselsberg und Andere fanden, daß, wenn es ge- lingt, Ersatzschilddrüsen irgendwo im Körper Thieren einznpflanzen, alsdann die verderblichen Folgen der! Entfernung der eigentlichen Schilddrüsen ausbleiben., Diese Thierversuche wurden auch für die Behandlung ! kranker Menschen in hohem Maße anregend und nutz- bringend. Man versuchte zunächst bei Kranken, bie; in Folge von angeborenem oder erworbenem Schild- drüsenmangel an jener erwähnten Form des Cretinis­mus, dem Myroedem, litten und zwar handelt es sich hier hauptsächlich um cretinistische .Kinder Schild­drüsen einzupslanzen. Der Erfolg war überraschend, aber nicht dauernd, weil es nicht gelang, eine Funktio- nirung des verpflanzten Organs zu erreichen. Aus bem (Eintritt eines Erfolges folgerte man aber rich­tig, daß das cingcpflanzte Organ einen Stoff ent­halten niüßte, der für jene Kranken nutzbringend war. Daraufhin ging man dazu über, Schilddrüsensubstanz .oder Saft einzugeb en u nd in Ler That gelang es

1. Dezember

auf diesem Wege, aus verblödeten, körperlich ver- konimenen Menschen kräftige normale Wesen zu machen. Das ist ein gewaltiger Erfolg der medizin­ischen Forschung und des Thierexperiments. In jener Zeit richtete sich naturgemäß die Aufmerksamkeit aus die Erforschung des Schilddrüsensaftes. Man lernte die so oft mißbrauchte entfettende Eigenschaft der Schilddrüsensubstanz kennen; man erkannte die Gift- wirkung dieser Stoffe und brachte sie in Zusammen­hang mit der Basedow'schen Erkrankung. Als im Jahre 1895 Baumann in der Schilddrüse mit großer Regelmäßigkeit Jod aufsaud, glaubte man den Schlüssel zu allen Räthseln der Schilddrüse gefunden zu haben. Hatte man doch schon lange die Beobachtung , gemacht, daß Jod Lei manchen Schilüdrüsenstörungen.

(Kropf) ein vorzügliches Gegenmittel darstellt. Manst i glaubte, die Schilddrüse sondere einen Saft ab, dessen I i wirksanier Bestandtheil ein Jodkörper sei. Dieser sei! > für den Organismus zur Ernährung der Organe oder >

, zu ihrem Schutze nothwendig. Bei Wegfall des L)rgans - kämen dann jene oben erwähnten, durch Schilddrüsen- i säst ausgleichbaren Störungen. Die Untersuchungen [ des Vortragenden haben nun aber ergeben, daß die ; Schilddrüse in einer anderen Weise int Organismus thütig ist. Die zwischen mächtige Blutgefäße einge­schalteten Organe durchsieben in einem feinen Maschen- , werk das Körperblut und entziehen ihm dabei »be- . stimmte Gifte,' die höchstwahrscheinlich aus dem Darme stammen und dort vornehmlich bei Fleischnahrnng, viel weniger bei Milchsütterung entstehen. Die Gifte werden irr der Schilddrüse zunächst sixirt und dann allmählich unschädlich gemacht, wobei die Schilddrüse sich des Jods als mächtigen, aber durchaus nicht ein­zigen Entgiftungsmittels bedient. Die Schilddrüse kann auch ohne Jod ihre Funktion völlig versehen.; Fällt die Schilddrüsenthätigkeit fort, oder wird sie un­genügend, dann kontmt es zu einer Vergiftung des Or­ganismus, wobei es bei ganz akuter Einwirkung zu schweren Krämpfen und dem Tode, bei chronischer Ver- i gistuug zu Störungen im Zentralnervensystem kommt, die vollkommen den auch Leim Menschen bekannten Geisteskrankheiten gleichen können. Gar nicht selten treten aber auch Nierenerkrankungen auf.

So zeigt es sich denn, daß die Schilddrüse für den Organismus ein äußerst wichtiges Schutzorgan ist, dessen weiteres Studium mancherlei Fortschritt für Pa­thologie und Therapie nachbringen muß.

Ans die Nebennieren, deren Name von ihrer Lage im Körper herstammt, die mit den Nieren aber nichts gemeinsant haben, hat sich seit 1855 die Aufmerksamteit der Aerzrewelt gerichtet. Damals beschrieb der eng­lische Arzt Thomas Addison eilte Krankheit, die so­genannte Bronzekrankheit, die er. in Abhängigkeit zu der gleichzeitig vorhandenen Nebennierenecrrankung brachte. Die dadurch angeregte Forschung stellte im Lause der nächsten Jahre fest, daß die Nebennieren allerdings lebenswichtige Organe sind. Viel mehr hat man aber jahrelang nicht zu ernsten vermocht. Neuerdings entdeckten Oliver und Schäfer und Czybulski und Schüler desselben, daß in der Neben- niere eine Substanz enthalten ist, die den Blutdruck mächtig zu steigern vermag. Man glaubte auch, in dem aus beit Nebennieren absließenden Blute die Sub. stanz normaliter Nachweisen zu können. Der Vortra­gende möchte sich dieser Anschauung nicht anschließen; er glaubt vielmehr annehmen zu dürfen, daß die Neben- ! niere, ähnlich wie die Schilddrüse, ein entgiftendes ! Organ ist, das bestimmte, aber andersartige Gifte dem ! Blute entzieht. Dementsprechend ist die in den Neben­nieren enthaltene Substanz keine für den Organismus nützliche, sondern, wie der Vortragende gefunden hat, eine äußerst schädliche, indem sie, selbst in minimalen - Mengen ins Blut gelangt, eine starke Zuckerausscheid- nng und zwar immer.wieder hervorzurufen vermag, sodaß mau sogar von einem Nebennieren-Diabetes zu sprechen berechtigt ist. - /Q