iltpp Jakob Cretzsch
Ein Gedenkblatt.
Von Dr. Otto Volger (Sulzbach).
ar.
Heute vollendet sich das 51. Jahr, seit ein Mann dahingeschieben ist, welcher für Frankfurt eine große Bedeutung hatte und dessen Wirken in den Entwicklungen dieser Stadt und, von ihr ausstrahlend nach allen Richtungen, lebendig bleiben wird, so lange die Wissenschaft den Baum der Menschheit mit ihren Blüthen ziert. Es ist eine Pflicht, seiner an diesem Tage zu gedenken, um so mehr, als auch ihm erst die Nachwelt jenen vollen Lohn der Anerkennung zollen muß, welchen ihn: das Leben nur halb gewährt hat. PhilippJakob Cretzschmar ist der Schöpfer der auf seinen Vorschlag nach Senckenberg's Namen benannten n a t u r f o r s ch e n d e n Gesellschaft und ihres der Naturkunde gewidmeten Schutzhauses, des S e n ck e n b e r g i s ch e n M u s e u m s, längst des zweiten an Bedeutung, neben dem Berlinischen, im ganzen weiten deutschen Reiche. •
In dem abwechselnd unter Kurmainzischem und Frankfurtischem Schutze seiner uralten Reichsunmittelbarkeit und Reichsfreiheit wenig froh gewordenen, aber noch gegenwärtig seiner Besonderheit sich wohl bewußten Dorfe S u l z b a ch am Taunus war Cretzschmar geboren, der tüchtige Sohn eines tüchtigen Mannes, des in Krieg und Frieden bewährten Pfarrers jenes Ortes. Der Vater hatte einst das Glück gehabt, in einem gefährlichen Reiter- kampfe den Leutnant v. Blücher, den nachmaligen Marschall, aus der Gefangenschaft herauszuhauen, und durch des Geretteten treues Gedenken konnte er seiner Pfarrgemeinde im Jahre 1813 den Schutz des im benachbarten Städtchen H ö ch st a. M. weilenden Feldherrn gegen die raubenden Kosaken erbitten. Ein gründlich gelehrter Mann, pflegte der vortreffliche Pfarrer die frühzeitig erkannten Fähigkeiten seines Sohnes nicht allein durch eigenen, geschickt geleiteten Hausunterricht, bis cs zulässig erschien, den Knaben auf eine Reihe von Jahren dem Gymnasium der Stadt Frankfurt anzuvertrauen, sondern er rief diesen nach erlangter Reife nochmals ins Elternhaus zurück, um ihn vollends in erweiterter Vorbildung zu erfolgreichem Besuche der Hochschule vorzubereiten. Auf dem P farrh o f e in S u l z b a ch hegte der junge Philipp mit großer Liebe allerlei zahmes und wildes Gethier — das erste Anspiel aus einen Thier
park zur Belehrung und zur Befreundung zwischen dem Men scheu und seinen tausendgestaltigen Lebensgenossen. Es sei hier nur beiläufig erwähnt, daß Philipp Cretzschmar den LieblingS- plan, einen solchen Park für die Oeffentlichkett einzurichten, als junger Arzt im Jahre 1825 schon seinen Freunden anvertraute, wodurch er aber damals in Gefahr gerieth, der Lächerlichkeit zu verfallen. Der Gedanke jedoch hat sich in seinen Schülern an Senckenberg's segensreicher Anstalt fortlebend erhalten, bis es im Jahre 1858 zeitgeniäß befunden wurde, ihn in erfreulichster Weise zu verwirklichen. Man gestatte mir den Scherz, hier vorzuschlagen, daß die einsichtsvolle Verwaltung des Frankfurter Thiergartens allen Knaben von Sulzbach, für immer oder wenigstens alljährlich für einen besonderen „Sulzbäch er Tag" den Vorzug eines freien Eintritts gewähre.
Es ist vielleicht noch nicht die Zeit gekommen, um unseres Cretzschmar Leben und Streben in voller Würdigung darzustellen. Um Solches mit ganzer Offenheit zu besprechen, müßten Rücksichten bei Seite gestellt werden, deren Schonung auch jetzt noch rathsam erscheinen kann in einem Gemeinwesen, in dessen leitenden und einflußreichen Kreisen sich die von.den Vätern auf die Söhne forterbenden Namen durch eine Reihe von Geschlechtern lebendig zu erhalten pflegen. Solche Rücksichten zu verletzen würde am wenigsten Cretzschmar's mildem bescheidenem Sinne entsprechen. Vortreffliche Vorarbeiten zur Lebensgeschichte Philipp Jakob Cretzschmar's sind zu theilweiser oder voller Oeffentlichkett gelang?: für freimaurerische Kreise durch den „Versuch" von F. C. C. M e i s i n g e r 1850, besonders aber für die Allgemeinheit durch die bei der Jahresfeier der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft am 3. Mai 1846 gehaltene herrliche Gedächtnißrede. Daß der unerschrockene Währheitsfreund, welchem wir die letztere verdanken, der vielen noch Lebenden unvergeßliche Arzt und Lehrer, Cretzschmar's Nachfolger in wichtigen Betrauungen, Dr. med. Joh. Michael M a p p e S , einem allen Sulzbachischen Geschlechts entstammte, welches noch jetzt im HeimathSorte ehrenvoll fortbesteht und daselbst gerade gegenwärtig durch den allbeliebten Bürgermeister der Gemeinde vertreten erscheint, darf beim heutigen Anlasse auch nicht unerwähnt bleiben.
Hier soll keineswegs Cretzschmar's ganze Lebensgeschichte mitgetheilt werden. Nur in Kürze sei erwähnt, daß der lernbegierige und zielbewußte Jüngling in Halle a. d. Saale und in Würzburg sich zum Arzte ausbildete. Die kriegerischen Zeiten und vermuthlich auch eine, durch des Paters Erinnerungen an seine soldatischen Erlebnisse entstandene Neigung, bewogen den mit kräftiger Gesundheit, prächtiger Leibesgeftalt und
erste Ausgestatteten zum Eintritt in kriegsärztliche Dienste, welche ihn einerseits bis in die Schlacht bei Wagram, andererseits bis Paris, ja bis nach Spanien siihrteu und ihm überreiche Gelegenheit zu vielseitigster wissenschaftlicher, künstlerischer (besonders musikalischer) und gesellschaftlicher Ver- vollkommnug verschafften. Als Deutschland sich wieder des Friedens erfreute, nahm Cretzschmar seinen Wohnsitz inFrank- f u r t, ward rasch ein glücklicher und vielgesuchter ausübender Arzt und sah sich alsbald betraut mit dem Lehramte für die Zergliederungskunst an Senckenberg's Stiftung. Dieses Amt ward ihni fortan ein heiliger Beruf, bot ihm die Mittel zu günstigster Selbstbelehrung und machte ihn zum Mittelpunkt des ärztlichen Lebens und Wirkens in der berühmten Freien Stadt, zugleich zum Führer und Leiter der für die Heilkunde in allen ihren Zweigen sich vorbereitenden Jugend. Längst hatte Cretzschmar erkannt, daß die wahre Staffel zur Erreichung eines höheren Standpunktes in der Heilkunde durch die Naturforschung sich darbiete. Dieselbe Ueberzeugnng hatte auch schon den edlen Senckcnberg geleitet, dessen Stiftung aber damals in dieser Richtung in Folge der Zeitläufte noch nicht sich der wünschens- werthen Ausbildung erfreute. An der Erkenntniß dieses Mangels setzte nun Philipp Cretzschmar den Hebel seiner Kräfte, den Flug seiner Begeisterung, den Zauber seines Einflusses in Bewegung.
Am 17. November 1817 überreichte der von allseitigem Vertrauen zu solchem Wagnisse Emporgetragene der Vorsteherschast der Senckenbergischen Stiftung die erste Darlegung seines Planes, die Aerzte der Stadt, die Pfleger der Naturkunde und alle für Wissenschaft empfänglichenBürger zu einer freien Gesellschaft zu vereinigen. Entgegenkommend gestattete man ihm, zu solchem Zwecke eine Gruppe zunächstAuserwählter in das Sitzungs- zimmcrin Senckenberg's Stiftshause zu laden. Daselbst erfolgtebe- reits am 22. November die förmliche Begründung der Gesellschaft, welche sich ihrer Aufgabe gemäß die Naturforschende und zu Ehren des großen WohlthäterS der Vaterstadt nach dessen Namen die Dr. Senckcnbergische nannte. Nach Ortssitte und Gebrauch wurde die Ehrenstellung des ersten Beamten dieser Vereinigung einem hochangesehenen Mitgliede der obersten Staatsbehörde, dem Herrn Schöffen Dr. Neuburg, einem warmen Freunde der zukunftsreichen Entwürfe Cretzschmars, cinge- räumt. Die zweite Stelle aber mußte Cretzschmar selber einnehmen — und er hat sein ehrenvolles, noch mehr freilich mühe- und verantwortungsreiches Amt 23 Jahre lang in musterhaftester Weise geführt.
Mit der Begründung der Naturforschenden Gesellschaft war nur der erste Schritt gethan. Der zweite folgte, sobald die be;
fremdeten Geinüther sich von dem Gelingen des unvermutheten Wagnisses einigermaßen erhoben fühlen konnten. Damals handelte es sich in der Naturforschung noch vorzugsweise darum, die vielgestaltige Mitwelt unserer Lebensgenossen durch Anschauung kennen zu lernen. Eine Schausammlung zu schaffen, war unerläßlich. Also beschloß Cretzschmar — oder vielmehr er hatte schon mit diesem Entschluß die Gesellschaft begründet — eine solche Unternehmung. Welch' ein Wagniß! Einige Gestein- und Krystallstufen, ein Vorrath von sogenannten „Versteinerungen", d. h. in den durch Wasserabsätze entstandenen Erd- und Steinschichten unseres Bodens erkennbar aufbewahrt gebliebene Ueber- reste von Borwesen (ehemaligen Lebewesen) aus SenckenbergS Nachlasse boten den alleinigen Anhalt; ihre geordnete, anschaubare Aufstellung und Vermehrung mußte gewissermaßen als Vorwand dienen, um den Einwand der Abenteuerlichkeit zu entkräften. Aber woher das Geld nehmen! Cretzschmar besaß den/ Zauberschlüssel zu den Glücksgütern erwerbgesegneter Mitbürger. Seiner bcgeistcrungs- und überzeugungsvollen Anregung^ gelang es leicht, von dem opferwilligen Simon Moritz v. Beth- m a n n ein erhebliches Stammgeld zu erhalten, wodurch denn die Senckenbergische Stiftung den Muth schöpfte, Senckenbergischen Grund und Boden und ein beträchtliches baares Darlehep für den Bau eines Museumsgebäudes zu gewähren, jenes näiw lichen Gebäudes, welches wir noch heute, freilich später dur« einen Erweiterungsbau sehr vergrößert, neben dem alten Escheif heimer Thurme an der Bleichstraße erblicken.
Aber das leere Gebäude bedilrfte der seinem Zwecke er sprechenden Füllung; auch diese beschaffte Cretzschmar. Nur d^ Zutrauen zu ihm war es zu verdanken, wenn seine, nun Namen der Gesellschaft in Umlauf gesetzten, nein, von ihm selb von Haus zu Haus getragenen Sammellisten sich mit Ziffe! bedcAkn, welche zu den reichsten Ankäufen die Mittel gewährtem Noch weit bedeutsamer war sein Wirken dadurch, daß er seine Begeisterung auf andere Gemüther zu übertragen verstand. Den jungen Landsmann Eduard R ü p p e l l, welcher für schwindsüchtig geltend nur von Epypten einige Verlängerung seine? aussichtslosen Lebens erhoffte, riß er durch seine Schwärmerei > zu dem Entschlüsse hin, sich als Naturforscher im Nillande einen gefeierten Namen zu sichern, indem er die Ausbeute afrikanischer) Jagden für das vaterstädtische „Museum" widmete. Die ganz/ Anleitung zu den betreffenden Reisen, aber auch die ganze Inempfangnahme und Versorgung der massenhaften, in Schiffsladungen nach Europa gelangenden Ausbeute leitete Cretzschmar I — es ist fast unvorstellbar, welche Arbeitsfähigkeit ein Mann in s feinen kräftigsten Jahren entfalten kann, wenn er für ein aller