Naturwissenschaftliche Kundschau. 1897.
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Nr. 11.
W. Kükenthal: Ergebnisse einer zoologischen Forschungsreise in den Molukken und in Borneo. Theil II: Wissenschaftliche Reiseergebnisse. 1. Heft mit XII Tafeln und 2 Abbildungen im Text. (Abhandlungen der Senckeu- bergischen naturforsrhenden Gesellschaft, Frankfurt a. M. 1896, Band XIII, Heft 1.)
Wir berichteten in Nr. 33 des XI. Jahrganges der Naturwissenschaftlichen Rundschau über den I. Band des K ü k ent h a 1 sehen Reisewerkes, welcher den allgemeinen Reisebericht des Herrn W. Kükenthal selbst enthält. Nunmehr hat auch das Erscheinen der wissenschaftlichen Reiseergehnisse begonnen, welche die Bearbeitung des umfangreichen, zoologischen Materiales, an der sich eine grössere Anzahl von Specialforschern betheiligt, bringen sollen. Das I. Heft derselben enthält folgende Arbeiten:
1. W. Kükenthal: Einleitung.
Yerf. macht hier einige Mittheilungen über Zweck und Ziel seiner Reise und über den Plan des Werkes und giebt eine Zusammenstellung der Gegenden, in welchen er gesammelt hat.
Als Hauptaufgabe der Reise galt, die Fauna eines einseitlichen Gebietes darzulegen und aus diesem ein reichhaltiges und umfangreiches Material heimzubringen, dessen Bearbeitung eine gute Grundlage für thiergeographische Studien abgeben kann. Daher wurde nicht in möglichst vielen Gegenden gesammelt, sondern ein enger begrenztes Gebiet genau erforscht. Zur Untersuchung der Meeresfauna hatte Herr Kükenthal fast ausschliesslich das Eiland Ternate gewählt und zur Erforschung der Fauna des Landes die grosse Molukkeninsel Halmahera sowie das benachbarte Batjan. Von diesen Fundorten stammt auch die mitgebrachte Ausbeute zum weitaus grössten Theile. Von den anderen Inseln des malayischen Archipels wurde nur noch Celebes und Borneo besucht und einiges aus der Landfauna dieser Insel erbeutet.
2. L. 8. Schultze, Beitrag zur Systematik der Antipatharien.
Das gesammelte Antipatharienmaterial erwies sich als sechs verschiedenen Arten angehörig, darunter 5 für die Wissenschaft neue Arten, welche vom Verf. scharf charakterisirt und abgebildet werden. Alle Arten gehören zur Familie der Antipathiden. Brook theilte die ganze, etwa 100 Arten umfassende Gruppe der Antipatharien in 3 Familien, von denen die der Savagliiden und Dendrobrachiiden nur je eine Species enthalten. Alle übrigen Species umfasst die Familie der Antipathiden. Innerhalb derselben unterschied Brook wieder zwei Unterfamilien der Antipathinen und Schizopathinen. Das charakteristische Merkmal der letzteren sollte ein merkwürdiger Dimorphismus der Polypen sein, welcher nach der Anschauung Br ooks dadurch zu stände kommt, dass der Körper jedes Polypen durch zwei senkrecht zur Richtung der Skeletaxe gerichtete Einfaltungen des Peristoms in drei Abschnitte mit je zwei Tentakeln zerlegt wird. Den mittleren Abschnitt, in dessen Bereich die Mundöffnung liegt, bezeichnet^ Brook als Grastrozooid, als Nährthier, die zwei anderen, zu beiden Seiten gelegenen Abschnitte als Gonozooide, Ge- schlechtsthiere, da in ihnen die Geschlechtsdrüsen gelegen sind.
Diese Unterscheidung Brooks verwirft Herr Schultze, denn er hält es für ungerechtfertigt, die einzelnen Theile ein und derselben Polypen-Person zum Formwerth von Individuen zu erheben und als dimorphe Einzelthiere des Stockes aufzufassen. Es fehlt ihnen vollkommen das Kriterium eines physiologischen Individuums, denn schon der Mangel einer Mundöffnung macht es einem Gonozoiden unmöglich, selbständig längere oder kürzere Zeit hindurch eine eigene Existenz zu führen. Er erblickt in diesem „Dimorphismus“ der Schizopathinen weiter nichts als eine Vertheilung des
Ernährungs- und Fortpflanzungsgeschäftes auf verschiedene Körperregionen, eine Vertheilung, die auch weder anatomisch noch physiologisch scharf durchgeführt ist und die sich ausserdem auch im wesentlichen bei echten Antipathinen wiederfindet.
Verf. versucht nun eine Neugruppirung der Gattungen dieser grossen Familie und glaubt in der Zahl der Magensepten, die im oberen Darmraum des Polypen zwischen Schlund und Körperwand ausgespannt sind, ein brauchbares Eintheilungsprincip gefunden zu haben. Danach lassen sich drei Guppen unter den Anthipathiden unterscheiden:
1. Subfamilie: Dodekamerota, zwölffächerige, bei denen in den oberen Darmraum der Person 12 Magensepten vorspringen, mit der Gattung Leiopathes.
2. Subfamilie: Dekamerota, zehnfächerige, mit 9 Gattungen, und
3. Subfamilie: Hexamerota, sechsfächerige, mit der Gattung Cladopathes.
Verf. hat auch die verschiedenen Gattungen Brooks Antipathella, Tylopathes, Pteropathes und Antipathes, zu der einen von Pallas aufgestellten Gattung Antipathes zusammengezogen, da sich vor der Hand eine Trennung dieser Formen auf grund des vorhandenen Thatsachenmaterials nicht rechtfertigen lässt.
Die obigen drei Unterfamilien der Antipathiden hält Verf. für drei verschiedene phylogenetische Entwickelungsstadien, welche durch immer weiter gehende Reduction der Septen im Innern des Polypenkörpers aus einander hervorgegangen sind.
Bezüglich der Frage nach den Verwandtschaftsbeziehungen der Antipathiden zu den übrigen Hexa- korallen schliesst sich Verf. an G. v. Koch an, der die Antipathiden von weichen Actinien ableitet, deren Basalektoderm eine hornige Substanz in Form feiner Blätter auszuscheiden beginnt. Diese Ableitung von skeletlosen Actinien hat den Vorzug, dass sie „in einfacher und klarer Weise die bekannten Thatsachen der vergleichenden Anatomie der Antipathiden verständlich macht“. Die Frage, welche Familie der Actinien als die Stammgruppe der Hornkorallen anzusehen ist, kann gegenwärtig noch nicht entschieden werden.
3. A.Schenk, Clavulariiden, Xeniiden und Alcyoniiden von Ternate.
Verf. hat einen Theil der herrlichen Kükenthal- schen Ausbeute an Oetokorallen bearbeitet. Unter den 19 Arten, welche den obigen drei Familien angehörten, waren 16 vollständig neue Arten (— 84,2 Proc.) und 1 neue Varietät, während nur 2 bekannte Arten darunter waren. Die neuen Arten vertheilen sich auf folgende Gattungen: Clavularia 3, Xenia 8, Sarcophytum 5 Arten und 1 Varietät. Die beiden bereits bekannten Arten gehörten zur Gattung Alcyonium; es waren die bereits von Klunzinger aus dem Rothen Meere beschriebenen Arten A. polydactylum und leptoclados.
Für die einzelnen Familien und Gattungen giebt Herr Schenk einen geschichtlichen und zum Theil auch kritischen Ueberblick unter Hervorhebung ihrer stichhaltigen Unterscheidungsmerkmale. Von der Gattung Xenia werden sämmtliche bisher bekannten Arten mit Angabe der Fundorte, der Autoren, die sie beschrieben haben, und der Gestalt ihrer Pinnulae in Form einer Tabelle angeführt. In der Grösse, der Gestalt und der Anordnung dieser Pinnulae auf der Innenfläche der Tentakeln glaubt Herr Schenk ein festes und unveränderliches Unterscheidungsmerkmal gefunden zu haben, nach welchem man drei Gruppen innerhalb der Gattung Xenia unterscheiden kann und zwar: I. Gruppe: Xeniiden mit langem Pinnulae auf der ganzen Länge des Tentakels. II. Gruppe: Auf jedem Tentakel stehen zwei Arten von Pinnulae, an der Basis sind sie kurz und warzenartig, am oberen Ende langgestreckt. III. Gruppe: Die langen Pinnulae fehlen vollkommen und an ihrer Stelle ist die ganze Innenfläche des Ten-