haben wir wenig mehr erfahren als die Thatsache, daß der Geruch im Leben aller niederen Thiere.eine große Rolle spielt, daß sie desselben bedürfen, werm sie. ihre Nahrung auffinden, wenn sie sich vor Feinden schützen, wenn sie zweckmäßige Aufenthaltsorte auffinden wollen.

Die wichtige Frage aber nach der Art, wie die Ge­ruchsempfindungen zum Bewußtsein kommen; ob nur als ganz vage, ob als deutliche Geruchsempfindung, ob als Geruchsempfindung, die unter Zuhülfcnahme von andern Empfindungen, und namentlich von Erinnerungen, einer Deutung fähig ist, diese Frage ist zunächst durch die ein­fache Beobachtung noch nicht entschieden.

Es ist nun dem Vortragenden gelungen, auf einem anderen Wege der Lösung dieser Fragen näher zu kommen.

Wir wissen, daß bei den Säugethieren und dem Menschen ein ganz bestimmter Theil des großen Gehirnes der Aufnahme der Riechnerven dient, daß eine mächtige Partie der Hirnrinde dazu benutzt wird, den höheren seelischen Thätigkeiten beim Gerüche vorzustehen, und wir kennen am Gehirn alle die Stellen, wo die durch das Auge, das Ohr rc. gewonnenen Erinnerungen -deponirt sind. Wir haben also am Gehirne der Säuger eine ge- wisie anatomische Unterlage für die verschiedenen Mög­lichkeiten beim seelischen Prozesse des Riechens.

Es fragt sich, welche von diesen Hirntheilen besitzen die Thiere? Die Beantwortung dieser Frage wird einen Schluß daraus ermöglichen, wie die Thiere riechen, respektive welche seelischen Vorgänge sie haben können.

An der Hand großer Tafelzeichnungen wurde dann etwa das Folgende dargelegt:

Bei allen Thieren, von den Fischen bis zum Menschen, entspringen die Fasern des Riechnerven aus kleinen keulen­förmigen Zellen, welche in bestimmten Theilen der Nasen­schleimhaut in ungeheueren Massen angeordnet sind. Aus dem vorderen Ende dieser Zellen ragt ein ganz seiner Stift frei in die Nasenhöhle hinein, aus dem Hinteren entwickelt sich''ein unendlich feines Fädchen, das mit den Fädchen aus den benachbarten Zellen zusammen durch das Nasendach hindurch zum Gehirn zieht. Im Schädel verlaufen bei den niederen Thieren diese Fäserchen zu dicken Bündeln (Riechnerven) geordnet weithin rückwärts, bis sie an einer Stelle das Gehirn erreichen und sich nun zu ganz unendlich feinen Pinselchen dicht unter dessen Oberfläche aufsplittern. Diese, Pinsel treten in Kontakt mit Zellen des Gehirns, und aus diesen Zellen entspringen wieder Nervenfasern, welche im Gehirn weiter dahinziehen. Der Hirntheil, in dem diese Vereinigung stattsindet, wird Riechkolben genannt. Aus dem Riechkolben, gehen die Nervenfasern in einen diesem dicht an- ; liegenden Hirntheil, den Riechlappen. Es wurde nun gezeigt, daß alle Fische nur den Riechkolben und den Riechlappen besitzen, er ist bei ihnen oft ganz enorm entwickelt. Niemand leugnet, daß die Fische riechen, und jedem Fischzüchter und Aquariumbesitzer ist bekannt, daß diese Thiere nächst dem Gesichtssinn, den sie vor­wiegend verwenden, sehr vielfach in ihren Handlungen durch den Geruchssinn geleitet werden. Bei den Amphibien, unseren Fröschen und Salamandern also, deutlicher noch bei den Reptilien (Eidechsen, Schildkröten rc.) tritt über dem Riechlappen ein ganz neuer Gehirntheil auf, der den Fischen noch völlig fehlt, die Rinde im Gehirnmantel.. Alle Beobachtungen an erkrankten Menschen, alle Experi­mente an Thieren, soviel ihrer seit vielen Jahren angestellt werden, sie alle lehren, daß die Rinde und nur sie, der Sitz der höheren seelischen Thätigkeiten, der Sitz dejjen ist, was wir als bewußte Denkprozesse, was wir als klare Erinnerungsbilder bezeichnen, und daß mit dem Schwinden der Rinde, mit der Wegnahme oder der Erkrankung der Rinde Störungen auftreten, welche nur durch den Verlust der erwähnten Thätigkeiten und Eigenschaften erklärbar sind. Der Schluß ist wohl nicht zu kühn, welcher annimmt, daß erst mit dem Auftreten der Rinde in der Thierreihe höhere seelische Prozesse möglich werden. Die Untersuchungen des Vortragenden haben nun ergeben, daß diese älteste Hirn­rinde nur oder fast nur in Verbindung mit dem Riech­lappen steht. Es läßt sich zeigen, daß die Riechrinde, welche erst bei den Amphibien aufgetreten ist, bis hinauf zu den Säugethieren und dem Menschen erhalten bleibt, ja der Vortragende konnte an vielen Abbildungen de- monstriren, daß die Riechrinde bei allen Säugethieren,

welche wohlauSgebildete Riechnerven haben, eine ganz enorme Entwicklung besitzt, eine Entwicklung, welche bei einigen Jagdhund, Katze - wohl V 10 ganzen Hirnmasse erreicht. Umgekehrt fehlt bei den im Wasser lebenden Säugethieren, bei Delphinen und Walen, die Riechrinde fast ganz. Diese Thiere haben aber auch nur verkümmerte Riechnerven. Auch die Affen und der Mensch besitzen nur verkümmerte Riechnerven. Dementsprechend ist bei ihnen auch die Riechrinde viel geringer ausgebildet als bei den anderen Thieren. Bekanntlich spielen bei den Affen und dem Menschen Riechempfindungcn auch eine relativ geringe Rolle im Seelenleben. i

Wir dürfen annehmen, daß die unklarsten Riech­empfindungen, von denen in der Einleitung die Rede war, wohl von dem einfachen Apparate, welchen die Fische be­sitzen, getragen werden. Es wird Aufgabe der Beobachtung sein, nachzuweisen, was diese niederen Thiere von ihren Geruchsempfindungen verwerthen, vor Allem was sie sesi- halten. Besitzen die Inhaber eines so einfach gebauten > zentralen Apparates schon ein Riechgedächtniß? Vermögen sie bereits Gerochenes wieder zu erkennen? Hier könntet ein ruhiger eifriger Beobachter, etwa von Goldfischen, deren Lebensgewohuheiten ja recht einfache sind, manches Nützliche zu Tage fördern. Vielleicht regen diese Bemerk­ungen einen solchen zur Beobachtung an. Wenn sich bei den Reptilien ein Apparat hinzugesellt, von dein wir wissen, daß er schärfere, klarere Ricchwahrnehmungen . möglich macht, so wird auch hier die von der Anatomie'', gegebene Anregung hoffentlich zu eingehenderen Studien führen, als sie bisher angestellt worden sind. si

Bei den Säugethieren endlich, wo die Riechrinde eine' so hohe Ausbildung erfahren hat, sind uns längst Thatsachen ? genug bekannt, welche beweisen, daß sie Träger sehr kom-! plizirter mit dem Riechen zusammenhängender Prozesse. ist. Bei den Säugern erst finden wir auch Verbindungen : i aus der Riechrinde nach den anderen Theilen der Ge Hirnrinde, Assoziationsbahnen genannt. Diese Verbind-- .! ungen, welche geeignet sind, das Riechzentrum mit den? Zentren zu verknüpfen, wo die durch Sehen, Hören rc. gewonnenen Erinnerungen deponirt sind, werden der Träger 3 der Denkprozesse sein, - die sich an eine Riechempfindung anschließen können. Viele von diesen Verbindungen im? Innern des Gehirnes kennen wir sehr genau. Wir wissen' auch, daß die Riechkolben beider Seiten und die Riech-' kippen unter einander durch Querfasern verbunden sind ^ ebensolche Querfasern verlaufen zwischen M rechten und der linken Riechrinde, und schließlich konnte gezeigt werden, daß auch fast alle übrigen Theile der Hirnrinde rechts und links unter sich verbunden sind. -

Der Redner faßte das Resultat seines Vortrages dahi^.- zusammen: Die höheren seelischen Thätigkeiten sind auch die Existenz einer Hirnrinde gebunden. Eine solche tritt" " erst bei den Reptilien deutlich auf. Der Schluß, daß hier die Möglichkeit zu höherer Thätigkeit als bei dew Fischen gegeben ist, liegt auf der Hand. So weit die Beobachtungen reichen, bestätigen sie ihn auch.

Die ersten höheren seelischen Thätigkeiten knüpfen an ' den Geruchsinn an. Denn nur mit den Geruchsapparaten ist die älteste Hirnrinde verbunden.

Daß der Geruch noch weit hinauf in der Thierreihe eine besondere hervorragende Rolle spielt, das bestätigt nicht nur die Beobachtung der lebenden Thiere, sondern auch die ungemein große Ausbildung, welche allmählich, die Riechapparate in der Thierreihe erfahren.

Alle anderen Sinnesapparate werden erst später als der Geruchsapparat mit dem Rindengebiete verbunden. Deshalb ist der Schluß gerechtfertigt: Das höhere. Denken in der Thierreihe beginnt mit der - Verwerthung von Geruchswahrnehmungen.

Die anatomische Untersuchung hat hier Rückschlüsse auf die Entwicklung eines Seelenvorganges gestattet. Ein ; Verständniß für das Eigentliche des seelischen Vorganges ' ist durch derlei Untersuchungen natürlich nicht zu ge- winnen. Wir wissen überhaupt noch nicht den Weg, f welcher zu dieser Erkenntniß führen wird. Aber im vollen ' Bewußtsein, so schloß der Vortragende, daß wir noch keinen materiellen Vorgang kennen, der die Seelenthätig- keit zu erklären vermöchte, müssen wir es doch als eine wichtige Aufgabe betrachten, die Mechanismen zu er­gründen, welche das seelische Geschehen ermöglichen. Die Naturwissenschaft und die Heilkunst haben von solchen ' Untersuchungen den Nutzen. !