Vierundsiebenzigste Nachricht
von dem
Fortgang und AnwachF
der
vr. Senckenbergischen Stiftung
zum Besten der
Arzneikunde und Arnnkenpflege
vom 1. Juli 1907 bis 30. Juni 1908.
^)as abgelaufene Jahr hat unserer Stiftung schwere Verluste gebracht.
Der Vorsitzende der Administration, der Wirkliche Geheime Rat Herr Professor D. Dr. Moritz Schmidt ist uns am 9. Dezember 1907 durch den Tod entrissen worden.
Nahezu vierzig Jahre gehörte der Verstorbene der Administration an, welche ihn im Jahre 1883 zu ihrem Vorsitzenden wählte. Seine Persönlichkeit ist mit der Entwicklung der Stiftung auf's Engste verknüpft. Die Umgestaltung unserer Stiftungs-Institute, welche einen Wendepunkt in der Geschichte der Stiftung bedeutet, ist in erster Linie seinem schöpferischen Wirken zu danken. Der Verstorbene hat seine reiche Begabung auf wissenschaftlichem Gebiete, wie sein bedeutendes Verwaltungstalent mit unermüdlicher Schaffenslust in den Dienst unserer Stiftung gestellt, welche sich seiner Verdienste stets mit dem Gefühl unauslöschlicher Dankbarkeit erinnern wird.
Die Administration betrauert einen Vorsitzenden, der sich durch vornehme Denkungsweise und vortreffliche Charaktereigenschaften die wärmste Sympathie aller Mitarbeiter erworben hat.
Am 18. Juni 1908 wurde der Direktor unseres pathologisch-anatomischen Instituts, Herr Professor Dt\ Eugen Albrecht, im 36. Lebensjahre von dem Leiden dahingerafft, mit dem er seit Jahren zu kämpfen hatte.
Das Institut, dessen Leitung er vor vier Jahren als Nachfolger Weigerts übernahm, wird durch sein frühes Ableben auf's Schwerste betroffen. Es verdankt ihm eine durchgreifende Neugestaltung seiner Organisation, die mit der Verlegung nach dem Neubau am städtischen Krankenhaus durchgeführt wurde und Einrichtungen von dauerndem Wert geschaffen hat.
Allzu früh wurde der Wissenschaft ein Forscher entrissen, dessen Genie ihr neue Bahnen zu erschließen berufen war, der in der kurzen Zeit seines Schaffens so überaus fruchtbringend gewirkt hat.
Mit einem glänzenden Geist war ein selbstloser Charakter, ein bescheidener, nur auf das Ideale gerichteter Sinn zu einer Persönlichkeit verbunden, die Jeder lieb gewinnen mußte.
Die Stiftung wird sich auch seiner stets mit dem Gefühl wärmster Dankbarkeit und Verehrung erinnern.
Die Verlegung der Stiftungsanstalten nach ihren Neubauten ist nahezu beendet.
Über die Einweihung des Bibliothekgebäudes an der Viktoria-Allee haben wir im Vorjahr berichtet. Inzwischen ist im Juli v. Js. der Umzug bewerkstelligt und am 12. August v. Js. der Betrieb im Neubau eröffnet worden.
Die innere Einrichtung des Bürgerhospitals wurde im Juli v. Js. beendet, sodaß am 10. Juli v. Js. der Umzug der Pfründner und am 25. Juli der Umzug der Patienten und der Verwaltung stattfinden konnte.
Am Abend des 15. August 1907 wurden die sterblichen Überreste des Stifters Dr. Johann Christian Senckenberg vom alten botanischen Garten nach dem Betsaal im Neubau des Bürgerhospitals überführt und in der Gruft vor dem Altar beigesetzt. Am 18. August 1907 fand im Beisein der Delegierten der Großherzoglich Hessischen Landesuniversität zu Gießen, der von den staatlichen und städtischen Behörden, den wissenschaftlichen Anstalten und Vereinen entsandten Vertreter, sowie zahlreicher Gäste aus den Kreisen der Bürgerschaft die feierliche Einweihung des neuen Bürgerhospitals statt. Das Hospital wurde von dem Stiftsprediger durch Gebet und Predigt geweiht, der Vorsitzende hielt eine Ansprache und es wurden der Stiftung namens der staatlichen Behörden durch Herrn Regierungsrat Mahrenholz, namens der Stadt Frankfurt durch Herrn Stadtrat Dr. Flesch, namens der medizinischen und juristischen Fakultät der Universität Gießen durch Herrn Professor Dr. Frank, namens des Konsistoriums durch Herrn Konsistorialrat Dr. Dechent Glückwünsche dargebracht.
Die Feier wurde durch ein von Herrn Musikdirektor Kämpfert eingeübtes Hornquartett und gemischte Chöre in dankenswerter Weise verschönt.
Nach einem Rundgang durch die Räume des Hospitals und Pfründnerhauses wurde im Garten des Bürgerhospitals eine Moritz Schmidt-Eiche gepflanzt und durch eine Ansprache des Herrn Sanitätsrat Dr. Roediger dem Gedächtnis dieses unvergeßlichen Förderers der Stiftung geweiht.