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seinem Antheil erhalten hat." Von diesen Fesseln hat er unser geistiges Leben befreit. Daß ihn die Hme des Streites weiter führte, als es Billigkeit und Wahrheit forderten, nicht wir werden es ihm verargen, für die er seine Schlachten schlug. Indem er beweisen wollte, daß die Franzosen kein Rccbt hätten, ihre tragische Bühne als die erste der Welt zu Preisen, kam er zu dem Ausspruch, daß die Franzosen gar keine Tragödie hätten. Lessing hat vollständig den nationalen Kern der französischen Trauerspiele verkannt. Er macht sich luftig über die „Scheusale" von Weibern, die Corneille mit einer gewissen Vorliebe schildert, ohne zu ahnen, daß die Zuschauer Corneille's in den Damen und Prinzessinnen der Fronde die leibhaftigen Vorbilder dieser Gestalten sahen. „Polyeucte" erscheint dem Hamburger Dramaturgisten, der wie sein Jahrhundert von Märtyrern und Heiligen nicht sehr viel hält, zum Helden einer Tragödie wenig geeignet; aber eine Zeit, die von christlichen Anschauungen erfüllt war, die fort und fort über das Geheimniß der göttlichen Gnadenwirkung grübelte, mußte offenbar ganz anders darüber urtheilen. Dide- rot'S „Hausvater", den Lessing so bewundert, würde auf Shakspeare's Bühne ausgelacht worden fein. Calderon's „Andacht zum Kreuz" würde dagegen den tiefsten moralischen und ästhetischen Widerwillen Lessing's erregt haben: in Spanien war sie eines der beliebtesten Theaterstücke. Das Drama ist an gewisse nationale Eigenthümlichkeiten und Anschauungen gebunden» von der Richtung und den Strömungen der Zeit bestimmt, gegen die eine abstrakte ästhetische Kritik nicht aufkommen kann. Leicht genug lassen sich die griechischen Tragödien als Muster hinstellen: sie bewegen sich in großen, knappen Linien, in fest umschriebenen Formen, von der Feuerprobe der Darstellung bleiben sie befreit und sieht man sie einmal auf der Bühne, so überwiegt der Eindruck des Seltsamen, Alterthümlichen und Feierlichen jeden andern. Dasselbe gilt zum Theil für die englischen Stücke. Wenn Lessing mit feinem Sinn für architektonischen Aufbau eines Planes, für Einheit und Symmetrie einmal „König Lear" mit dreißig Dekorationswandlungen, nicht „bearbeitet," sondern in Shakspeare's Form, auf einer modernen Bühne hätte aufführen sehen! Die französische Tragödie steht hinter der griechischen, englischen und — Dank der Dramaturgie? — auch hinter der deutschen zurück, weil der Genius des französischen Volkes den letzten und höchsten Begriff des Tragischen nicht rein zu^ fassen vermag; dafür übertreffen sie alle Nationen in der
Sittenkomödie. Kein Volk kann wie das französische in einer ununterbrochenen Reihe von Meliere bis zu Sardou die Wandlungen seiner Gesellschaft auf der Bühne in hundert witzigen, geistvollen Komödien an sich vorübergehen lassen.
, Die Hamburger Dramaturgie ist kein systematisches Werk, keine „Technik des Drama's," überall tritt da- Fragmentarische, Gelegentliche hervor. Bei Gelegenheit der „Merope" spottet der Kritiker über Voltaire, daß er sich habe „Hervorrufen" lassen; bei der Wiederholung des „Essex" von Corneille giebt er eine Analyse des englischen Trauerspiels von Banks und eines spanischen Drama's über denselben Gegenstand. In dieser Hinsicht wie in dem leichten, lichtvollen, beschwingten Stil, den ich wenigstens der Darstellung des „Laokoon" vorziehe, weil er sich dem Gegenstände natürlicher anschmiegt, ja aus ihm erwächst, nähert sich die Dramaturgie dem modernen Feuilleton. Wo der Leser sie aufschlägt, wird er gefesselt. Gin einziges Stück der Zeitschrift gewährt schon die lebendigste Anregung. Eins freilich fetzt die Dramaturgie voraus und darum sei es mir gestattet, an der lauten Bewunderung, die ihr zu Theil wird, ganz heimlich zu zweifeln: die Kenntniß der besprochenen Schauspiele. So. schwärmen Viele für den Don Quixote, ohne auch nur ein einziges der Ritterbücher zu kennen, die er verspottet. Dann aber, welche Fülle von Licht und Wärme strömt aus dieser Lektüre aus unö ein! Klar und leuchtend erscheinen die „ewigen" Ideen und Gesetze, auf denen die dramatische Kunst in ihrer Wesenheit beruht. Die Rege! des Schönen, der tragischen Erschütterung wie des komischen Scherzes zu finden, , ist Lessings Zweck und wie vollkommen weiß er ihn zu erreichen! Man braucht mit der Anwendung seiner Grundsätze aus das besondere Stück, da er zwei wichtige Elemente der Kunst, die nationale Eigen- thümlichkeit und die theatralische Wirkung, zu gering anschlägt, nicht immer übereinzustimmen und ist doch von ihm gefesselt, j bezwungen. Dies ist ein Buch des tiefsten Studiums für Alle, welche die Kunst lieben oder üben,
— vos exemplaria graeca nocturna versate manu, versate diurna — und zugleich ein Buch voll Witz und Laune, in diesem Sinne betrachtet eine der geistvollsten Plaudereien, die ich kenne. Ein Zauberspiegel, in dem die Schatten wieder aufleben. Denn was wären uns, ohne die Dramaturgie, der wahnsinnige ■ Sidney und die zärtliche Cenie, was Madame Löwen und
Madame Hensel? Schwert und Pflugschar zugleich für die Zeitgenossen war die Dramaturgie; sie vertrieb die französischen Rococomusen, sie riß den Boden deS deutschen Geistesleben auf und zog die Furchen zur Saat und zur Aerndte: jetzt ist sie eine Trophäe und „ein Denkmal für immer" in der deutschen Literatur. Nach abermals hundert Jahren wird sie so jung und schön sein, wie heute. K. Fr.
Königliche Oper.
Am Dienstag stellte sich Herr Jäger dem Berliner Publikum als Max im „Freischützen" vor. Für die strengere Prüfung eines , Tenoristen gewährt die Rolle, diese Lieblingsaufgabe debütirender junger Sänger, wenig Anhaltspunkte. Sie umfaßt einen ziemlich eng gemessenen Gefühlskreis, macht an das technische Vermögen nur geringe Ansprüche und begnügt sich, was die Entwickelung des höchsten Registers betrifft, mit einem im Vergleich zur großen modernen Oper, sehr mäßigen Umfang. Die Stimme des Gastes empfiehlt sich dem Ohr durch ihren frischen, männlichen Klang, wo sie nach intensiverem dramatischen Ausdruck strebte, wie in der Ensemblescene des ersten Aktes, ist der Ton allerdings nicht frei von einer gewissen Herbheit und innerer Spannung. Noch bedenklicher war der Umstand, daß die Intonation fast ununterbrochen zu tief schwebte, bisweilen so erheblich, daß man Mühe hatte, den melodischen Faden nicht zu verlieren. Einen überwiegend günstigen Eindruck hinterließ der Vortrag der Arie durch die ungezwungene Natürlichkeit der Auffassung. Die Fortsetzung des Gastspiels wird uns noch das Material zu einem erschöpfenderen Urtheil liefern.
^ Frau Meyer-Olbrich trat als Aennchen aus., Die Fülle ihres Tons und die behende Beweglichkeit der Stimme kamen dem Duett, in welchem auch die Agathe des Frau!. Grün ihr Bestes gab, wohl zu Statten. Seit geraumer Zeit ist uns dies Stück nicht in so beifallswürdiger Weise geboten worden. Die Intonation zeigte sich im Ganzen weit fester als am ersten Abend. Btzi dem Allen fehlte indessen zur vollen Verwirklichung der zierlichen Mädchengestalt ein ! wesentliches Element, wir meinen die lächelnde Anmuth und - Schalkhaftigkeit, die den Grundzug der Rolle bildet. Namentlich für die neckische Beredsamkeit der Arie des zweiten Akts war die Auffassung viel zu derb und hausbacken, alle feineren Schattirungen und Uebergäage, zu denen diese Tonsprache heraussordert, ließ sich der Vortrag entgehe:.. —t.