Die Hamburger Dramaturgie.
In diesen Tagen hat ein kleines Buch seinen hundertsten Geburtstag gefeiert: immerhin ein merkwürdiges Ereigniß, wenn man bedenkt, wie unbarmherzig die Woge des Lebens Menschen und Bücher oft vor der Zeit verschlingt, daß ihr Gedacktniß nicht einen einzigen Wintersturm überdauert. Das Erstaunen über diese Thatsacke wird noch durch die Betrachtung gesteigert, daß dies Buch nichts als eine Sammlung von Theaterrezensionen enthält, über die ihr Verfasser selbst nicht allzu günstig urtheilte, denn er schreibt, mitten im Feuer der Arbeit, darüber an einen Berliner Freund: „Daß ich ungern diesen Wisch schmiere, können Sie glauben, und Sie werden es ihm hoffentlich ansehen. Ich weiß es, daß nichts daran ist; ich will es Ihnen und Moses schenken, mir es erst zu sagen." Der diese Zeilen an Nicolai schrieb, war Lcssing, und der „Wisch", von dem er so verächtlich sprach, daß sich sein Gegner Klotz in Halle nicht schärfer hätte aus- drücken können: die Hamburger Dramaturgie. Gewiß enthielt jenes in der Laune des Augenblicks h-ngeworfene Wort nicht Lessing's ganze Meinung über sein Werk, aber schwerlich ahnte er auch die unermeßliche Wirkung, die von demselben für die Theorie der dramatischen Kunst und das deutsche Theater ausgehen sollte und noch ausgeht.
Am 22. Avril 1767 wurde mit der Eröffnung des neuen Theaters in Hamburg zugleich diese Zeitschrift angekündigt; das erste Stück der Dramaturgie ist vom 1. Mai datirt und ward am 8. Mai ausgegeben; die einzelne Nummer kostete einen Schilling. Wie rasch auch der Glanz dieser „Hamburger Theaterentreprise" erlosch, so bezeichnet sie doch einen entscheidenden Wendepunkt in dem geistigen Leben unfers Volkes. In Hamburg ward der erste Versuch eines Nationaltheaters im edelsten Sinne und für die damaligen Verhältnisse in großartigerWeiseunternommen. Der Weg, den man vor hundert Jahren einschlug, zu einem wahren Volkstheater zu kommen, ist auch heute noch maßgebend; der einzige, der zum Ziele führen dürfte. Auf die Anregung eines Dichters und Theater- cnthusiasten, Johann Friedrich Löwen, waren mehrere Hamburger Kaufleute zusammengetreten und hatten von dem Prinzipal Ackermann das Theater, das er in der Stadt besah, gepachtet. Unter den Schauspielern befanden sich hervorragende Kräfte, Alle übertraf Eckhof, der „deutsche Roscins", wie ihn seine Bewunderer nannten. Es gelang den Unternehmern, Lessing als Dramaturgen für ihre Bühne zu gewinnen, wenn er auch ihren ersten Vorschlag, jährlich eine i
gewisse Anzahl Stücke für das Tbeater zu dichten, ablehnte. Bekanntlich war trotz dis besten Willens und mannigfacher Opfer an Zeit und Geld das Nationaltheater nicht lange zu halten; das Ballet, die komische Oper, Seiltänzerbanden verdrängten bald die ernsteren Musen aus der Gunst des Publikums, schon am 25. November 1768 wurde das Theater geschlossen. In dem letzten Stück seiner Dramaturgie sucht Lessing in herben und bitteren, seitdem ach! wie oft mit größerem oder geringerem Recht wiederholten Anklagen, für das Scheitern des Unternehmens das Publikum allein verantwortlich zu machen. „Wenn das Publikum fragt: was ist denn nun geschehen? und mit einem höhnischen Nichts sich selbst antwortet, so frage ich wiederum, und was hat denn das Publikum gethan, damit etwas geschehen könnte? Auch nichts; ja noch etwas schlimmeres als nichts. Nicht genug, daß es das Werk nicht allein nicht befördert: es hat ihm nicht einmal seinen natürlichen Laus gelassen. — Ueber den gutherzigen Einfall, den Deutschen ein Nationaltheater zu verschaffen, da wir Deutsche noch keine .Nation sind! Ich rede nicht von der politischen Verfassung, sondern blos von dem sitllichen Cdarakter." Er hätte gar nicht so tief zu graben brauchen. Zu einem Nationaltheater gehören vor Allem zwei Dinge: nationale Schauspiele und nationale Schauspieler. Beide besaßen wir Deutsche 1767 noch nicht, das Hamburger Theater ging unter, weil es in dem Stil, den die Unternehmer ihm zu geben wünschten, verfrüht war. Mit zwei oder drei Komödien von Elias Schlegel, mit Lessing's „Freigeist", „Miß Sara Sampfon", „Minna von Barnhelm", ließ sich kein Repertoire, das durch Neuheit und Mannigfaltigkeit anziehen und fesseln konnte, Herstellen. Die Klage, daß die deutschen Dichter ihre Tragödien für alle möglichen, nur nicht für die gegenwärtige Bühne schrieben, tönte schon damals: „Ich bedauere", bemerkt Lessing in einem Briefe an Nicolai, „daß weder durch Gerstenberg's Ugolino, noch durch Klovstocks Hermannsschlacht das deutsche Theater im geringsten reicher geworden. Denn beide können schwerlich oder gar nicht aufgeführt werden." Nickt bester war es mit den darstellenden Künstlern beschaffen. Um Eckhof fing sich eben erst eine Schule der Schauspielkunst zu bilden an, wie Lessing's Dramaturgie die kritische Grundlage für die Entwickelung der deutschen dramatischen Dichtung werden sollte. Eine wahre, volkstümliche Bühne, wie sie Griechen, Spanier, Engländer, zum Theil wenigstens in rihrer Komödie die Franzosen besaßen, wie sie auch mit einer
gewissen Naturnotwendigkeit aus dem Charakter feber Nation und Zeit sich entwickelte, haben wir ja nie besessen, unser Theater war und ist e n Produkt der Kritik, der Kunst, der Theilnahme und Laune der Fürsten und der gebildeten Mittelklassen bis auf den beutigen Tag.
Uebcrblickt man das Repertoire der ersten zweiundfünszkg Abende, vom 22. April bis zum 28. Juli 1767 — mit der Besprechung der Vorstellung dieses Abends bricht die Dramaturgie ab — so kann man der Leitung des Hamburger Theaters und den Künstlern der Gesellschaft Fleiß und Thätigkeit nicht absprcchen, nur an dreizehn Abenden fanden Wiederholungen statt. Aber dem Repertoire fehlt jede Abwechselung, jede Neuheit. Es wurden ausgeführt: von Pierre Corneille nichts als „Rodogune", von Moliere nichts als „die Fraucnschnle", von Voltaire: „Semiramis", „die Sckottländcrin", „Zaire", „Nanrne", „Merope". Racine erscheint gar nickt aus der Hamburger Bühne. Destouckes „Verheiratheter Philosoph", Frau Graffigny's „Cenie", Grestct's „Sidney" scheinen he- sonders gefallen zu haben. Wer jetzt die Dramaturgie liest, wundert sich, daß man nicht einmal den Versuch mit einem Shakespeare'schen Schauspiel, die ja in der Wieland'schen Ueberseuung Vorlagen, wagte, daß die neuesten Stücke des französischen und englischen Theaters nicht ausgeführt wurden. Den gebildeten Männern und Frauen Hamburgs bot die Bühne schwerlich eine Ueberraschung; die meisten Stücke waren feit lange her bekannt. Der erste Zweck aber, den ein Theater erfüllen muh, wenn es nicht so unlöslich mit der Volksreligion zusammenhängt, wie das griechische Drama und die Darstellung der untos 83.6rurn6ntcl.l68 in Spanien, ist die Unterhaltung der Zuschauer, und ich zweifle sehr, ob die Hamburger auf die Dauer an der Ausführung alter französischer Trauerspiele und Komödien Genuß und Erheiterung sinden konnten. Ein ähnlicher Vorwurf läßt sich der Dramaturgie machen. Sie ist für den Dichter und den ästhetischen Kritiker, für jeden gebildeten Freund des Theaters, der in die Tiefen der Kunst einen Einblick gewinnen möchte, zugleich eine neue frohe Botschaft und ein Gesetzbuch geworden, aber den Ansprüchen ihres ersten Lesepublikums genügte sie schwerlich. Lessing selbst spottete darüber: „Wahrlich ich bedaure meine Leser, die sich an diesem Blatte eine theatralische Zeitung versprochen haben, so mancherlei und bunt, so unterhaltend und schnurrig, als eine theatralische Zeitung nur sein kann. Anstatt des Inhalts der hier gangbaren Zeitung in kleine lustige oder rührende Romane gebracht, anstatt beiläufiger