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Dritte Ausgabe.

Verantwortlicher Nedacteur: Paul Lindau in Elberfeld

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Slmuabtlid, dcn 30.

Druck und Verlag von Sam. Lucaö in Elberfeld.

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Deutschlauö.

* Elberfeld, 29. Juni.

Seit heute Morgen sind wir, bis zu dem Augenblicke,

. wo wir diese Zeilen schreiben (5 Uhr Nachmittags), ohne alle Nachrichten vom Kriegsschauplätze. Unsere letzte Depesche ist heute früh 4 Uhr in Berlin aufgegeben und bewahrt über den Ausgang der Gefechte in Böhmen, welche am 27. auf der ganzen Linie von Podol (einem Dörfchen zwischen Münchengrätz und Turnau) bis an die Westgrenze bc. Na- chod stattgefunden haben sollen, vollständiges Schweigen. Das Ausbleiben aller Meldungen von Seiten der preußi­schen Regierung ist um so mehr zu beklagen, als die heute früh eingetroffenen süddeutschen Blätter, die mit Tele­grammen über diese Ereignisse gefüllt sind, auf diese Weise nicht controlirt werden können. Wir haben diese österreichi­schen Depeschen unttr Vorbehalt in der ersten Ausgabe mit- getheilt. Sre widersprechen vollständig den letzten Berliner Mittheilungen.

Die süddeutschen Blätterschreiben: DiePreußen sind geschla­gen und in vollem Rückzuge begriffen. Die letzten Berliner Nachrichten sagen im Gegentheil: Ein Theil der Armee des Kronprinzen stieß bei Trautenau auf den Feind und behaup­tete sich in seiner Stellung. Die süddeutschen Blätter mel­den, em preußischer Major habe von Benedek Waffenstillstand verlangt, sei aber abschlägig beschieden worden. Die Ber­liner Nachrichten wissen nichts davon. Bei diesen sich vollständig widersprechenden Angaben und bei dem gänzlichen Verstum­men des Telegraphen sind wir außer Stande, über den wah­ren Sachverhalt uns zu orientiren. Wir müssen aber bei der sehr zuversichtlichen Sprache der süddeutschen Organe befürchten, daß der erste Angriff in Böhmen nicht gelungen ist.

DieKöln. Ztg." hat indessen Nachrichten erhalten, nach welchen die Preußen euren unbestreitbaren Erfolg errungen hätten. Ihr Telegramm lautet:

Aus Nachod vom 27. Juni wird gemeldet: Es war eine wirkliche Schlacht und ein unbestreitbarer Erfolg. Das sechste österreichische Armeecorps engagirt mit dem fünf­ten preußischen von halb 10 Ubr Morgens bis 3 Uhr Nach­mittags, 21 preußische Bataillone mit 28 österreichischen, außerdem einer österreichischen Cavallerie-Tioision und Trup­pen aus Josephstadt, 95 preußische Geschütze gegen 104 öster­reichische. Das Resultat war der Rückzug der Oester - reicher um 3 Uhr Nachmikrdgs aus Josepbstadt. Den Oesterreichern wurden genommen 6 Geschütze, 20 0 Ge­fangene, die Fahne eines Infanterie - Regiments und zwei Cavallerie-Standarten. Auf östk^uichischer Seite sind wehr als 2000 Verwundete und Todte. Auch viele Verluste auf preußischer Seite, aber in weit geringeren: Verhältnisse.

Große Begeisterung herrscht in den Reihen der Armee."

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S->» 1 U,..s «nsern Ungunsten auf sechs Uhr Abends festsetzen und daß daher die obige Depesche, welche die Vorgänge nur bis 3 Uhr Nachmittags schildert, über das Endresultat noch keinen Bericht geben kann.

Ueber den blutigen Zusammenstoß in Thüringen nichts Neues. DieK. Z." bringt folgende wichtige Mittheilung, von der nur zu wünschen wäre, daß sie .sich bestätigt:

Gotha, 29. Juni. Heute Morgen 6 Uhr hat die hannoversche Armee in Folge einer Capitulatron und unter Annahme der vom General v. Falckenstein gestellten Be­dingungen bte Waffen gestreckt."

Es ist uns rem unbegreiflich, daß das Berliner Tele- grophenbüreau über diesen Vorgang nicht berichtet war und nicht berichtet hat.

£ Berlin, 29.Juni.Es gibt eine österreichische y t Partei in Preußen das ist die Partei der Gra- * borv's-Virchow's-Schultze-Delitzsch's", delirirt die Kreuzzeitung" in eitfim an die Wahtmänner gerichteten Stoß­seufzer, und es fehlt nur noch ein Schritt, daß sie die deutsche Fortschrittspartei glattwegCroaten" nennt. Den Oester­reichern in Preußen stellt sie ernepreußische Partei" gegen­über,die für den König und das preußische Vaterland Alles

aus demselben an sich ziehen wird; ob aber selbst Schwerin und Simson mit ihm gehen werden, ist noch zu bezweifeln, obwohl sie sich dem linken Centrum nie angeschlossen hatten.

8t. a. Berlin, 26. Juni. Die conservativen Wahl* männer des 3. Berliner Wahlkreises waren als solche, dic gesonnen sind, die königl. Regierung bei dem ausgebrochenen Kriege unterstützen zu wollen am Mittwoch den 27. d. M. zu einer Versammlung durch die Herren Ditterich,

IV 8 ^' »2 ? -Md.

hoffentlich den Ruhm derOesterreicher in Preußen uichl l selben ca, 50 Hort einpefonden. Der letztgenannte Herr e\- verschleudern. Wie dieKreuzztg." nur so ihren Patron in kff riete die Sitzung und äußerte, nachdem ihm die Verstumm das Gesicht schlagen kann? Es ist eine Fortsetzung der Um- n . rr .___ >,... ^

kehr der Partei, welche jetzt mit Victor Emanuel und Gari­baldi, nut dem deutschen Parlament und rem allgemeinen

dranzusetzen gewillt ist" u. s. w. Man sieht, wie tief Hr. v. Gerlach in den Augen feiner Partei gesunken ist, wenn ihr Organ dergleichen schreiben darf. Dieser Veteran und Stamm­vater unserer Reaction hatte wenigstens so viel Geschichte gelernt, daß er bewußt die Traditionen derösterreichischen Partei in Preußen" fortsetzte, welche den preußischen Hos mit wenig Ausnahmen beherrscht hat, seit es Könige in Preu­ßen gibt. Getreu dieser Hofgeschichte hat Hr. v. Gerlach den Tag von Olmütz heraufgeführt und an ihm liegt es nicht,

Stimmrecht kokettirt, wie sie früher für Haynau und Wiu- dischgrätz, für Patrlemonialstaat und Jagdrecht geschwärmt hat. Eine so gesinnungslose Coterie, die andern Leuten die Umkehr predigt und sie an sich selbst vollzieht, die histori­sches Recht aushängt und cäsarffches pflegt, noch einePartei" zu nennen, ist ein-Mißbrauch des Wortes, der nur zu Ver­wirrungen führen kann. Die Sprache derKreuzzeitung" in das Partei-Kauderwälsch unserer Tage übersetzt,

heißt nichts anderes, als: der Stunn auf das

innere Düppel ist noch nicht gelungen, die Gelegen­heit eines gefährlichen Krieges ist günstig zum formellen Umstürzen der Verfassung. Darauf kommt es den herrschsüchtigen Gesellen, die in derKrcuzzeirung" das Wart führen, ganz allein an,das Recht und die Ehre Preußens" haben der Menschen keinen Klang, die diesen Worten nach jedesmaliger Lage der Dinge einen anderen Sinn unterlegen. Gewiß werden wir ähnliche Beschuldigungen gegen die libe­rale Partei auch in den Kammern hören, aber dem Volke wird man niemals eiureden, daß die Grabow, Virchow, Schultze-Delitzsch und ihre Gesinnungsgenossen Oesterreicher sind, während ihre Gegner das achtes Preußcnthum ge­pachtet haben. Was diese Herren für Preußen sind, hat der nach Oesterreich abgegebene Senker derKreuzztg.", das Vaterland gezeigt; was die Männer der Fortschrittspartei für Oesterreicher sind, davon kann Dr. Frese ein Wort sogen.

Gewiß wird die reacüouäre Partei in der nächsten Ses­sion mlt einigen, wenn auch.* wenigen neuen Sitzen im Abgeordnetenhause reuommiren, noch mehr aber nut der Abnahme der Majoritäten bei den Wahlen der Fortschritts­partei. Diese ist allerdings zu deklogen, aber wir fragen, wo Herr Wogener und Eonsorten geblieben wären, wenn ein liberales Ministerium an der Spitze der Geschäfte stände und mit den Sympathieen der äußer-preußischen Bevölkerungen Deutschlands in den Auseinandersetzungs-Kampf mitOesrer- und an die Zusammenberufung eines de utschen Par­kes-

ihnen auf den Bänken der Volksvertretung wirken. So lagen diesesmal die Erinnerungen an Preußens große Kriegs­geschichte mit dem Verfassungsrccht bei jedem Wähler in Conflict, derUcberdruß an dem ohne Ende sich forlspinnenden Verfassungsstreit und die Sorge um das Dasein hielt andere, namentlich viele Wähler dritter Klasse von der Wahl fern, und endlich sind die amtlichen Beeinflussungen deutlicher als je sichtbar geworden, wenn auch die Regierungsmaschinerie nicht mehr mit dem Geräusch früherer Jahre zu arbeiten brauchte, wenn auch diesesmal nur wenige Rescripte von den Centralstellen erlassen wurden, nachdem man Jahre lang Zeit gehabt nur, geprüfte und bewährte Männer an die Spitze zu stellen und die Ueberzeugung von der Macht der Regierung den Beamten bis in die untersten Klassen fühlbar geworden ist. Dennoch versprechen die Wahlen, so weit die bis jetzt hierhergelangten Nachrichten reichen, ein der Fort­schrittspartei günstiges Resultat, von ihren bedeutenden Männern vürfte Kerner fehlen. Verstärkt wird aber die Mittelpartei werden, vielleicht bekommen wir dieses Mal btt der Wahlenthaltsamkeit des Klerus ein wirkliches politisches Centrum, statt eines klerikalen. Als dessen Führer dürfte sich Herr v. Vinke aufwerfen, denn in den Reihen des linken Centrums kann er nicht dienen, wenn er auch manche Kräfte

jung den Vorsitz unter Assistenz der übrigen Herren über­tragen hatte, ungefähr Folgendes: Die erste an uns heran­tretende Frage, ob und welch besonderes Programm n>iv aufzustellen haben, können wir wohl dahin beantworten, daß es bei den gegenwärtigen Verhältnissen vor Allem darauf ankommt, die Regierung mit allen Kräften zu unter­stützen, die früheren Srreitfragen in den Hintergrund zu stellen, dem Baumeister zu helfen, das wankende Haus vor oem Zusammensturz zu bewahren und die von Preußen an­gestrebte Führung Deutschlands mit einem patriotischenJa" zu fördern. Ueber den Charakter der angeführten inneren Zwistigkeiten will ich Sie nur mit wenigen Worten auf- tlären. Es sind vor Allem 3 Streitfragen ins Auge zu fassen und zwar die Militärreorganisationsfrage, die Budget- frage und die Ministerfrag?, bei den allen ich mich auf dic Seite der Negierung stellen muß. DieMMärreorganisanon haben schon unsre Gegner gebilligt, diese eiste der Streit­fragen ist gefallen, gefallen der Unsinn, daß das preußische Heer unter ein Volksheer von Turnern und Sängern ge­stellt werden soll. Hieraus können Sie ersehen, wie gerecht­fertigt dieser so angefochtenc Act der Negierung war. In Betriff der zweiten Frage ist die Stellung der Volkspartei eine noch ungünstigere. Die Regierung steht hier unbedingt aus dem Boden der Verfassung gegenüber der Fortschritts­partei des Abgeordnetenhauses, die denselben verlassen. Sie hat sich deshalb von demselben entfernt, weil sie das dem Hause vor gelegte Budget so verstümmelt der gesctzmäßigeu Beistimmung des Herrenhauses empfahl, daß letzteres in der That gezwungen war, dasselbe m solcher Gestalt abzu- lehnen. Es fehlte also die nöthige Uebereinstimmung, mithin erwuchs der Regierung die Verpflichtung, ohne Budget zu regieren, oder sollte man, da ein solcher Fall nicht vorgesehen ist in der Verfassung, der Ma­jorität die verlangte Entscheidung übertragen? Möge die Fortschrittspartei ihre Forderung für praktisch halten, jedenfalls widerstrebt sie den preußischen Gesetzen, deren Boden damit diese Partei verlassen. In der dritten, der Minister fragt-, hat man eben die Budqetsrage benutzen wollen, sin es möglich zu machen, em mrßneviges'MrnrTrerrurm forr?

zuschaffen. Man hat angenommen, wenn das Budget nicht genehmigt werde, müßten die Minister abtretcn und an ihre Stelle beliebtere Persönlichkeiten treten. Heißt das nicht ebenfalls den Verfassungsboden verlassen, da doch die Ver­fassung dem Könige allein die Wahl seiner Räthe einräumt. Wenn wir also sagen können und müssen, die Forderungen der Gegenpartei sind ungerechtfertigt, ja wenn wir eingestehen müssen, daß sie gefährlich sind für den Staat, dann können mir zum Mindesten erklären, daß sie im Augenblicke der Ge- ahr in den Hintergrund gestellt meiden müssen, denn wenn das Vaterland in Gefahr ist, gilt der alte römische Spruch mch für uns:Salus reipublicae lex suprema est. Das muß iinfer Standpunkt fein, nur dürfen uns also auf keine Erör­terung der Srreitfragen einlassen, wir müssen die Regierung n der Geldfrage unbedingt unterstützen und dürfen keinen ilbgeordnetenwählen, der dieRegrerung nicht darin unterstützte.

Es fragt sich nun weiter, wie haben wir uns der Parole .Wiederwahl" gegenüber zu verhalten? Wenn nun auch in )er er steu allgemeinen Wahlmännerversammlung des Bezirks lchon voir einer unbedrngten Wiederwahl ohne Anhören der Herren Schulze-Delitzsch und Diesterweg abgesehen wurde, halte ich dafür, dürfen wir dieselben, selbst wenn sie sich

at Geldbewilligung aussprechen wurden, nicht Wiederwahlen,

denn von der Erreichung der eben näher detaillirten Ziel­punkte werden sie niemals Abstand nehmen. Wir dürfen also, wollten wir auch von der Vergangenheit und der Per­sönlichkeit der genannten Herren absehcn, sie nicht Wieder­wahlen. Redner erinnerte hierbei an Aeußerungen Schulze- Delitzsch's in Frankfurt a. M. bei Gelegenheit des deutschen Abgeordnetentages und an solche vom Jahre 1848, während er Herrn Diesterweg Altershalber in den Ruhestand versetzt sehen will, diesem selbst in dem Ruhestand die Lorbern seines thaten- und segensreichen Lebens nicht gönnend. Redner befürwortet zum Schluß, um einen guten Erfolg bei den Wahlen zu erzielen, eine planmäßige Selbstorganisation und hält es für wünschenswerth, die Wahlmannsliste durchzugehen und auf diese Weise diejenigen zu ermitteln welche man nicht als Gesinnungsgenossen oder vom Gewissen gedrängt, zu einer neuen Versammlung am Freitag ernladen konnte, um in dieser Versammlung die Candidaten aufzu­stellen. Nachdem Herr Unterstaals-Secretär Lehnert und der Vorsitzenoe gegen den Wunsch, dre Beschließungen der Ver­sammlung möglichst geheim zu halten und zu prüfen, ob die Anwesenden alle Wahlmännee des Bezirkes seien, gesprochen schritt man zur Feststellung der gesimiungstüchtrgen Wahl­männer und zählte deren mit Hinzuziehung aller zweifelhaf­ten und vieler als liberal bezeichneten gegen 140 zusammen Es stellte sodann Herr S. Schepplenberg den Antrag, die Aufstellung bestimmter Candidaten nicht aufzuschieben,' son­dern dieselben schon heute zu der Versammlung am 28 bei Borsig festzustellen, da man sonst leicht das Pferd hinter den Wagen spanne, weil nach Annahme der alten Abgeordneten in der Versammlung ein nachträglicher Minoritätsbeschluß am Freitag ohne Erfolg bleiben werde, wollte man aber irgenvwie reüssiren und nicht nur eine große Minorität er­zielen, so müsse man heute acceptable Candibaten aufstellen um Morgen manchen zweifelhaften Liberalen zu gewinnen' Vom Vorsitzenden wurde hiergegen angeführt, daß gerade die Aufstellung auch den Liberalen genehmer Candidaten mehr Zeit erfordere, und käme es morgen vorläufig darauf an die große Versammlung von einem bestimmteil, bindenden Beschluß abzuhatten, um Zeit zu gewinnen. Es wurde daher den Anwesenden aufgegeben, mir ihren befreundeten Wahl­männern die Versammlung bei Borsig recht zahlreich zu be­suchen und sich auf der rechten Seile des Locals zu con- centriren.

Die Kronprinzessin begibt sich heute mit ihren Kindern zu einem mehrwöchentlichen Aufenthalt in das Seebad Heringsdorf.

Von den in Hannover Vorgefundenen Geschützen, Munitionswagen u. s. w. trafen heute ca. 30 Geschütze und 40 Munitionswagen hier em. Ein großer Theil von diesen Wagen soll nach Magdeburg gebracht worden fein.

-Äiedranrr den^wfigen tzrsatz-

truppentheilen, sowohl zur ein- als dreijährigen freiwilligen Dienstzeit ist ern so starker, daß deren Zahl sich zu Ende voriger Woche auf etwa 1500 belief. Ebenso sind nunmehr sämmtlrche für das Gardecorvs bestimmten Rekruten, deren Aushebung erst für den Herbst statifinden sollte, in einer Stärke von 5000 Mann hrer eingetrosfen. Die Ausbildung der Leute wird mit großem Eifer betrieben.

In der Stadt circulrrt heute das Gerücht, daß der Ministerpräsident von Bismarck und Kriegsmi­nister von Roon vorgestern ihre Demission eingereicht hatten, die indeß nicht angenommen worden ist. Ueber die Veranlassung der Ministerkrise verlautet nichts Bestimmtes, nur soviel hören wir, daß dieselbe mit dem rnnern Conflict in durchaus keiner Verbindung steht.

Soweit bis jetzt die Resultate der Wahlen vorliegen, dürfte die Physiognomie des Abgeordnetenhauses nur geringe Veränderungen zeigen. Die conservative Partei dürste sich nur um sehr wenige Stimmen verstärken, dagegen werden wahrscheinlich die Altliberalen einigen Zuwachs erhallen. Die katholische Fractton, dre in nicht rein kirchlichen Fragen schon bisher nach allen Richtungen der Windrose aus­einander gegangen ist, wird in dem neuen Abgeordnetenhause wahrscheinlich gar nicht constilurrt werden. Am Rhein, in

o :

c> Die Schutzbefohlene.

Original-Novelle uach den Papieren eines Officiers, Karl Wörle.

nd

von

VI.

(Schluß.)

Noch einer unruhigen Nacht verließ ich am folgenden Tage mit einem der Frühzüge Dresden. Wie ein fieberhafter Traum lebte meine gestrige Begegnung in der Erinnerung; ein rasch verschwundenes Glück, das mir in dem berauschen­den Momente des leidenschaftlich erregten Selbftvergessens des Lebens höchste Wonne und Seligkeit schenkte, um mich wenige Augenblicke danach um so bitterer zu täuschen. Und doch bemächtigte sich meiner Seele ein Dvppelgefübt von

Freude und Unbehagen über diesen von mir im Rausche des

Ci.-:**-a rrnrf» zuletzt wahr-

Gefühle ge

Entzückens' forcrrlen Liebesauftrrtt, daß es mich zuletzt wahr-.

Haft verstimmte, daß ich so wenig Herr merner wesen war und zwecklos das edelste Geheimniß meines Herzens so mir nichts dir nichts verrathen.

Solche Gedanken beschäftigten mich lebhaft bei der Fort­setzung meiner Reise, und je mehr ich mich dem Ziele der­selben näherte, desto unzufriedener mard ich über meine fassungslose Begegnung.

Dessenungeachtet brachte ich nicht das frohe, heitere Herz eines glücklichen Bräutigams nach Hamburg. Ich war miß- muthlg, traurig kurz, in der unerquicklichsten Stimmung v- n der Welt; und doch wollte ich schon am folgenden Tage meiner zukü: fttgen Lebensgefährtin gegenüber treten, sie meiner Liebe und Treue und meines vollkommenen Glücks versichern; ja, mit aller Absicht und Ueberlegung ein fchänd- icher Betrüger ihres Herzens werden. Ich muß gestehen, daß es mich einigen Kampf kostete, dem Zweck meiner Reise getreu zu bleiben; denn selbst das sonst so lebhafte Interesse, meine.gemüthsvolle Schutzbefohlene persönlich kennen zu lernen, war durch mein Dresdener Abenteuer vollständig geschwunden, und der Gedanke, daß ich ein mir durch die seltsamste Correspondenz und den aufrichtigsten Gedanken austausch bereits so lieb und theuer gewordenes Wesen heim­zuführen beabsichtige, konnte meine Mißstimmung u d Un­zufriedenheit nicht mildern oder mich gar mit meinem Schick­sale aussöhuen!

So kam es denn, daß ich mich erst am zweiten Tag meines Aufenthalts in Hamburg entschließen konnte, merne Aufwartung bei der Familre des Bankiers P. zu machen.

Ich lernte in dem Chef des Hauses einen äußerst ge­bildeten und liebenswürdigen älteren Herrn kennen. dessen Benehmen in jeder Hinsicht den vielerfahrenen A bekundete.

Seien Sie uns herzlich willkommen, Herr Major," sagte er nachdem ich mich ihm vorgestellt hatte

Fräulein A. ist seit gestern Abend hier, aber leider von ] der Reise so sehr angegriffen und abgespannt, daß sie un- ^ möglich in diesem Zustand nervösen Wesens ihren künftigen < Herrn Gemahl empfangen kann und darf; Sie müssen sich daher, mein lieber Herr Major, noch einen Tag gedulden, die längst verehrte Unbekannte endlich persönlich kennen zu lernen."

Wenngleich ich mit dieser Vertröstung nicht ganz unzu­frieden war und dadurch Zeit gewann, mehr und mehr Herr meiner Stimmung zu werden, so frapprrte sie mich doch in vieler Hinsicht und schien mir eigentlich eine böse Vorbedeutung zu sein.

Ich entgegnete einige Worte der Theilnahme, erkundigte mich nach ihrem Befinden und drückte schließlich die Hoff­nung aus, daß sich bis zum morgigen Tag ihr Zustand ge- besserr haben würde. Uebrigens muß ich mich in eurer etwas sehr formellen, kalten Weise ausgedrückt haben; denn wie ich später erfuhr, äußerte damals Herr P. gegen meine Schutzbefohlene, ich habe zu seinem Befremden die mir ge­machte Mittheilung über das Unwohlsein meiner Braut sehr frostig und ohne alle Theilnahme ausgenommen. Der gute Mann hatte hierdurch einen vielleicht vorher schon vorberei­teten Entschluß bei Fräulein A. heroorgerufen, dessen Eröff­nung mich Tags danach mit einem Mal nüchtern machen sollte.-Ich war am folgenden Morgen eben im Begriff, mich zu einem wiederholten Besuche anzuschicken, als ein Diener des Hauses P. ins Zimmer trat, mir einen Brief von Fräu­lein A. einhändigte und sich alsbald wieder entfernte. Mit einer Gleichgültigkeit wie nie zuvor öffnete ich diesmal ihre Zeilen und las deren Inhalt zu wiederholten Malen, ohne mich fassen zu können, ob ich recht gelesen und mir das gute Fräulein wirklich im letzten Augenblick abgeschrieben hatte.

Ich habe Sie, verehrter Freund," so schrieb sie mir nach emer kurzen Einleitung,als einen Mann von edlem, hochherzigem Charakter kennen gelernt, der die vollständigste Herzensneigung seiner Lebensgefährtin verdient und sie mtt allem Recht beanspruchen kann. Je mehr der Augenblick herannaht, Ihnen bei unserer ersten Begegnung als Ver­lobte gegenüber zu treten, je mehr fühle ich, wie gewissen­los und falsch ich an Ihrem Lebensglück handeln würde; denn ich müßte Ihnen ein Gefühl heucheln, das Ihnen mein Herz nie und mmmer schenken könnte, welches aber die Seele eines ehelichen Glücks ist und ohne welches unser Berber Leben auf immer in eine Einöde verwandelt würde Ich bin wiederholt Mit mir zu Rathe gegangen, ich kann es nicht über mich gewinnen, Ihnen als Gattin zum Altäre zu folgen. Verzeihen Sie mir daher, wenn ich Ihnen vitt- leicht jetzt ein momentanes Weh bereite; ' ' * " '

bUm Ei- in gutem Andmk-n Ihr- bch-Freundm I-ing-wiMgt habe mich noch h-nt- p-riöniich tarnen ju ueguueu a« slf I t rft mrwte ,bm tn den aeaennberlreaeiiden Emvfantids

A."

Der aufrichtige Ton des Briefes, der mir die hochherzige ^ jJeftnitung des Mädchens im schönsten Lichte offenbarte, ' berzeugte mich, daß meine Schutzbefohlene in der That rehr Charakter als ich selbst besaß und aufrichtiger und hrlicher mein Glück beabsichtigte, als ich das ihrige; denn h hatte nicht den Mulh, der Wahrheit meiner Gefühle ge- echt zu werden. Nun erst fühlte ich so recht lebendig das ttklare und Unbestimmte meiner bisherigen Gesinnung gegm und daß unsere Neigung, soll sie bleibend und beglückend ein, sich keineswegs blos aus den Gefühlsgenüffen einer firrespondenz entwickeln kann, sondern daß ihr auch ein ^sönlkches Kennenlernen vorauszugehen hat.

Der eben empfangene Brief enthielt wenig Einladendes, einen Besuch bei der Familie P. zu wiederholen, i,um so ehr, als ich nach demselben nicht wohl annehmen konnte, .einer Schutzbefohlenen vorgestellt zu werden. Dennoch irllte ich sie persönlich kennen lernen, es trieb mich mir liwioerstehlicher Gewalt dazu.

Ohne mich wegen der gewordenen Mittheilung schwer- Migen Gedanken hinzugeben, eilte ich sofort in die Woh- Mg des Herrn P., der mich nicht ohne einige Verlegenheit Efing, woraus ich entnahm, daß er von Allem unrerrich- $ war.

Fräulein A. hat mir eben eine cigenthümliche Ueber- pshung bereitet," begann ich, ein? nach der ersten Be- Mung eingelrelene Panse zu unterbrechen.Ich finde ihre ( »ilnd? vollständig gerecht und begreife ihren Seelenkampf, li'Solge dessen sie ihr mrr gegebenes Wort wieder zurück- ariomnien hat."

Wie achte ich Ihre edle Gesinnung," entgegnete Herr U indem er meine Rechte ergriff uno herzlich drückte.Ach, ^ßten Sie, wie bas gute Kind aelitten. wie es r Mmpfl hat, gestern und heute W. Aber es ist so Mich geworden."

Jcy glaube selbst, daß wir unsere, aus einem eigeu-

gelilten, wie es mit sich .bis es zu dem Entschluß besser, Ihr wäret Beide nicht

lernen, ich möge ihm in den gegenüberliegenden Ernpfangs- salon folgen.

Wir befanden uns in demselben einige Augenblicke allein jrtzt hörte man das Rauschen eines schwerseidenen Kleides und gleich darauf das Oeffnen der Flügelthüre, unter welcher Fräulein A. erschien. Wer beschreibt aber mein Erstaunen, als ich in derselben meine Reisegefährtin, meine aiißcbetete Künstlerin wiedererkannte.

Auch sie hatte mich erkannt und war von dem Eindruck dieser Ueberraschung so ergriffen, daß sie mit einenr Schrei zurücktaumelte und sich erschöpft auf einen Sessel niederlassen mußte.

Mein Gott', sehe ich recht?" rief ich voll Freude und Entzücken, zu ihr burstürzend.Meine Angebetete meine Heißgeliebte! Antworten Sie jetzt mitJa" aus meine Frage von neulich Abend, und verzeihen Sie mir den Frevel, den ich damals, von dem Glück der Liebe berauscht, in be­greiflichem Selbstvergessen an meiner Schutzbefohlenen be­gangen habe und geben Sre Ihre für mich so beglückende Einwilligung!"

Es sei!" rief sie und sank weinend an meine Brust.

Wir hielten uns eine Welle innig umschlungen. Herr P. stand erstaunt daund wußte nicht recht, was er dazu sagen sollte. Mit wenig Worten war er darüber aufgeklärt. Nun gestand mir auch meme Braut, daß sie mich seit jener unvergeßlichen Reise geliebt und mich memals vergessen habe. Merkwürdiger Weise sah sie mich neulich rm Theater zu Dresden, in Folge dessen rhc dre wettere Mitwirkung unmöglich geworden stt. Meure Wiederbegegnung habe sie so ergriffen, daß sie vor innerer Erregung kernen Ton mehr heroorzubringen vermochte, zugleich aber auch bei rhr den Entschluß zur Reise gebracht, das mir brieflich gegebene Versprechen wieoer zurückzunehmen; viel­leicht in der seligen Hoffnung, mich wieoer zu finden und dann Loch noch die Rtermge werden zu können.

Wtt Hutten uns wieder gefunden und feierten, wie ver­abredet, rn der Familre des Banquiers P. unsere Verlobung. Wenige Wochen später führte ich sie als meine heißgeliebte

tMlchen geistigen Verkehr entflaudene Neigung überschätzt !

«» * "« *»* ,f f °- W£t! Rre Großmutter war rn Heidelberg gestorben; uuf un-

; serer Hochzeitsreise besuchten wir ihr dortiges Grab uno ge-

ym," gab ich zur ..

KS aber glaube ich jedoch Anspruch zu haben:

Fjulern A. einmal sehen und sprechen zu dürfen."

Ich finde Ihr Anliegen ganz natürlich und durch die Mänve vollständig gerech!fertig!; ob aber Fräulein A. Mng genug besitzt, Ihnen unbefangen und ohne nachthci- Gefühlserregung gegenüber zu treten, glaube ich kaum. 2 $ will ich das Fräulein von Ihrem Wunsche unterrich-

... iy und sehen, ob ich sie dazu bestimmen kann, Ihren Be-

bei kaller Ueber- j sch zu emvfangen."

legung aber müssen Eie meine Gründe, meinen Entschluß! ' Nach einer kurzen Entschuldigung, mich allein lassen zu vollkommen gerechtfertigt finden. O, zürnen Sie mir wissen, war er hinausgeeilt; nach einer Weile kehrte er zurück nicht, lassen Sich mich ferner .Ihre Schutzbefohlene sein, [ ufi eröffnete mir, daß Fräulein A. nach einigem Zögern

dachten mchr ohne Seligkeit jenes Tages, an welchem mein theures Weib dem Begräbnisse der guten Frau beigewohnt hatte und noch um Rtitlernacht vermittelst des Courierzugs nach Frankfurt gereist war.

Seit der Dresdener denkwürdigen Theatervorstellung hatte sie die Bühne nicht mehr betreten. Unser höchstes Glück machen jetzt die drei blühenden Kinder, die sie mir schenkte; und unsere Ehe verdient in Wahrheit eine beneidenswerthe genannt zu werden.