Dermstadt, 4. Juni.

daß ich diese Befreiung, die ich so sehnlich gewünscht habe, nicht dankbarer und freudiger aufnehme? Ich sollte ja jener reizenden kleinen Fee, jener australischen Titania, ein Dankopfer dafür darbringen, daß sie mit einem Zauberschlage die Bürde hinwegnahm, welche so schwer auf mir gelastet und sogar meine Zukunft be­droht hatte.

Noch ein weiterer Tag ist vergangen, ohne mir weder einen Brief noch eine Botschaft zu bringen. Fritz muß gut gehütet werden. Vielleicht hat Titania, die kleine braune Fee, ihn schon nach Australien geschafft, auf einer Perlenmuschel von Tauben gezogen! Wie höflich und

brüderlich ist doch ein solches Benehmen!-

Mein Herr!

Wir befinden uns noch hier imblauen Eber", bis wir eine passende Wohnung gefunden haben werden, was ich heute noch zu erreichen hoffe. Ich bedaure, daß Fritz es nicht für nöthig erachtet hat, Ihnen diese Mittheilung zu machen, und ich bereue es, nicht selbst dafür gesorgt zu haben. Ich sehe jedoch nachgerade ein, daß mir uns hinsichtlich Seiner, wie hinsichtlich Ihrer geirrt haben. Wenn Sie gegen 1 Uhr sich zu uns be­mühen wollten, würde ich mich freuen, Sie sehen und in Betreff unserer Uebersiedlung Ihren Rath einholen zu können. Die Beiden, d. h. das Ehepaar, verstehen j sich nicht im mindesten darauf; Sie dagegen werden mir ^verzeihen, daß ich Ihnen mit dieser Bitte lästig falle ' und es mit meiner Unbekanntschaft mit dem fremden

Lande entschuldigen. Ich weiß, daß man Sie nur des Abends zu Hause finden kann; aber um diese Zeit ist es mir rein unmöglich auszugehen, da alle häuslichen Geschäfte auf mir ruhen. Aus diesem Grunde sehe ich mich genöthigt, Sie zu bemühen, und mit allen möglichen Entschuldigungen bin ich daher, mein Herr,

Ihre

Nettie Underwood.

Ich mußte unwillkürlich lächeln über die sonderbare Form des Schluffes: Ich bin, mein Herr, Ihre Nettie Underwood. Lächeln ist übrigens nicht der rechte Ausdrnck dafür, denn der ungewöhnlich: Ausbruch meiner Lustigkeit rief die erstaunte ehrsame Alte herbei, die mir das Briefchen übergeben hatte. Meine heitere Stimmung dauerte noch fort, als ich nach beendigter Morgenrunde gegen 1 Uhr in die Georgsstraße einbog, in welcher sich der Gasthof zumBlauen Eber" und auch das große, ansehnliche Haus meines werthen Kollegen, Doktor Marjoribanks, befinden. Sollte dieser mit Tod. abgehen und das wäre ja so leicht möglich so würde ich nicht anstehen, auch in diesem eleganteren Stadttheile eine Wohnung zu nehmen, dachte ich bei mir. Ein solcher Gedanke wurde mir gewiß von einem bösen Geist eingeflüftert, denn er fand auch sogleich seine Bestrafung.

(Fortsetzung folgt.)