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Orients, die er nie gesehen, vor sich kann aufblühen und farbenprächtig erglühen lassen, ich glaube auch, daß er vielleicht einmal mit Einem glücklichen Apcryu einen tieferen Blick in staatliche Verhältnisse, in politische Situationen uns gewähren kann, als vielleicht zwölf gründlich und klar verfaßte Ministerialreferate über denselben Punkt nicht vermögen — aber ich behaupte dennoch, daß wenn er tief von Grund aus, durchgreifend und in konsequenter Harmonie auf polnischem Boden politische Charaktere sich entwickeln und handeln lassen will, er von Grund aus staats wissenschaftliche und nicht blos historische Hülfsstudien muß gemacht haben. Diese Forderung ist schwer, — gewichtig — ihrem Inhalte nach und schwer, schwierig — in ihrer Erfüllung. Aber wenn der moderne deutsche Dichter bedenkt, daß er vor einem Volke steht, welches nach und nach wieder ein tiefes Interesse am eigenen und fremden politischen Leben zu nehmen beginnt, dann soll es ihm wohl heiß werden und scharf zum Bewußtfeyn kommen, daß man bald, — daß man jetzt schon in Deutschland gute historische Tragödien und Romane nicht mehr schreiben kann, ohne sich weit tiefer, umfassender und entschiedener als bisher meist geschah, in die Structur der rein politischen Basis des historischen Stoffes eingelebt und eiugedichtet zu Haben.
Dieser Cola Rudolf Kirner'S ist ein abstrakter Demagog, der sich bläht, sich überhebt, Despot wird, fast wie ein Trauerfpieldichter über alle politische Wirklichkeit hinwegsieht, und dadurch seinem eigenen Hals die Schlinge dreht. Sein politisches Treiben erscheint uns so unbegründet, vom Zaun abgebrochen, so leichtfertig, so oberflächlich, so kurzsichtig, daß wir im vierten Akt schon kein tragisches Interesse mehr an ihm finden können, daß wir, wenn er hier schon siele, sagen würden, dem blinden Schwachkopf ist ganz Recht geschehen, während doch der tragische Held nur dem Scheine des Unrechts zum Opfer fallen soll, indeß die Wahrheit nnd Wirklichkeit des Rechtes durch ihn in dieser Sühne ihren Sieg feiert. Die Berechtigung Cola's, der an und für sich freilich nicht so niedrig gehalten ist, tritt aber nicht hervor, weil das politische Element nicht sicher und durchgreifend daS Ganze trägt, weil uns der Dichter keinen altita- lieuischen Demagogen zu zeichnen weiß, weil er übersehen hat, von welchen feinen, tiefgewurzelten, durchaus konkreten politischen und historischen Motivirungen man ausgehen muß, um einem solchen Cola, diesem verunglückten Prototyp Napoleon's, politisches Mark und Blut zu leihen.
Ihr müßt bei großen Staatsmännern, tobten und lebenden, in die Schule gehen, wenn Ihr große deutsche Dichter werden wollt! x
Der Kaukasus.
(Schluß.)
Ließe man die Bergvölker in Ruhe, so würden sie un- zweiselhaft mit den Russen gerne friedliche und für beide Parteien vortheilhafte Verbindungen unterhalten. Die, wenn auch kurzen und schnell vorübergehenden Waffenstillstände bestätigen dieß. Was die Eingebornen zur Empörung vermocht hat, das waren jederzeit die ^Bedrückungen und die Habsucht der russischen Beamten. Deßhalb ist Daghestan aus einer unterworfenen Provinz der Schlupf
winkel von Rußlands furchtbarsten Feinden geworden; deßhalb haben sich die Tschetschenien binnen zehn Jahren mehr als siebenmal empört, und Schamü's Aufenthaltsort ist mehr als fünfmal in der Gewalt der Russen gewesen, ohne daß sie ihn je zu hehalten vermochten. Mit den jetzigen Mitteln und Menschen ist der kaukasische Krieg fruchtlos, und die Beharrlichkeit der russischen Regierung wird nur zu unnützem Blutvergießen, nur dazu führen,-den Haß zu verschärfeu und jede Annäherung unmöglich zu machen. Rußland sollte vor Allem Krieg führen mit seinen eigenen Beamten, die seine größten Feinde sind, und, nachdem sie den Krieg hervorgerufen, ihn durch ihre unbarmherzige Plünderei und Dreherei so verderblich machen. Alles verkaufen sie dem Feinde, selbst das Pulver. Sie verheimlichen die Zahl der Gebliebenen, und das kaukasische Armeekorps ist so schlecht versorgt, daß nicht Ein chirurgisches Verbandzeug, das diesen Namen verdiente, vorhanden ist. Dre Generale ziehen ihrerseits den Krieg als eine Gelegenheit, Fortü«e zu machen und zu avancireu, in die Länge, und jo lange die Soldaten nicht schießen können, wird der Verlust immer auf Seiten der Russen seyn, denn die Artillerie nützt in diesem regellosen Kriege nichts. — Zu Anfang der jetzigen Regierung war General Jermo- lvff in Kaukasien, der Schrecken der Feinde, den Russen ern Gegenstand der Verehrung: er wurde aber abberufen. Sein Schüler, General Wiljamiuoff, hätte sein System fortsetzkn und seine Abberufung minder fühlbar machen können; allein er mußte sich auf Vollziehung seiner Instructionen beschranken. General Rosen wurde in Folge der Nachlässigkeit und der Mißbräuche, die man ihm zur Last legte, abgesetzt. Sein Nachfolger, General Golowin, hielt das Uebergewicht der russischen Waffen aufrecht, yrrd errichtete mehrere vorgeschobene Forts; bald aber eines Postens satt, der mehr Mühsal als Ruhm eintrug, machte er dem General Neidhart Platz, dessen deutsche Pedanterei an Geringfügigkeiten haften blteb, und die wichtigsten Punkte übersah. Neu belebt wurde die Hoffnung des Landes durch Woronzoff's Berufung, der, mit diskretionärer Gewalt bekleidet, dadurch einen außerordentlichen Vortheil über alle seine Vorgänger hat. Da er in dem französischen Feldzug einiges militärische Geschick, und als Generalstatthalter von Neurußland einige Verwaltungsgabe gezeigt hat, so scheint seine Erwählung gerechtfertigt. Ein Fehler aber ist ihm eigen: daß er nämlich eben so unglücklich in der Wahl seiner Subalternen ist, als hartnäckig in ihrer Beibehaltung. Nun stammt aber alles Unglück im Kaukasus gerade von der Gewissenlosigkeit der Beamten her, und da man auf Woronzoff's administrative Maßregeln mehr als auf seine militärischen Unternehmungen rechnet, so könnten wohl feine Bemühungen nicht immer von Erfolg gekrönt seyn. Seinen Amtsantritt bezeichnet eine nicht genug zu tadelnde Verfügung: auf das Ansuchen zirkassi- fcher Häuptlinge hat er den Handel mit weißen Sklaven erlaubt, während Rußland gegen den Negersklavenhandel protestirt. — Was Schamil angeht, so stellt er sich als einer jener außerordentlichen Menschen dar, welche Unabhängigkeitskriege oft schon aus ihrem Schooße geboren haben. Mehr als einmal hat er es die Russen bitter bereuen lassen, daß sie ihm die Rückkehr in seine Berge gestattet. Im Jahr 1828, an der Seite seines Lehrers und Vorgängers Kasi-Mula gefangen, war er lange in einem russischen Fort eingesperrt, und wurde nebst andern Gefangenen nur darum freigelassen, weil man sie sämmtlich für harmlos hielt. Später ist sein Sohn den Russen in die