Samstag

9. December

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1837.

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Frankfurt, 8. DecemLer.

P h j L v f o p h L e der V r d f u n e.

(Zweiter Artikel)

Oft* und Westeuropa. Elbe und Rhein.

Es ist eiste der angenehmsten Bemühungen, sich die Ein­wirkung der äußern Welt auf bas menschliche Wesen klar 'zu machen und die Einflüsse derselben anfzusuchen, in Folge deren das Leben unseres Geschlechtes unter verschiedenen Umständen sich verschieden gestaltet. Noch ist das Studium der Natur nicht tief genug gedrungen, um diesen Zusam­menhang der äußern Welt mit unserm Wesen ganz erfassen zu können; aber vielfache einzelne Beziehungen zwischen Beiden lassen sich bereits von dem gegenwärtigen Stand­punkte der Wissenschaft aus entdecken, und ihre Erkcnntniß ist es namentlich, welche den naturwissenschaftlichen Studien setzt einen so großen Reiz verleiht. Ueberall zeigen sich die Einflüsse, welche die Form des Bodens, seine Bestandtherle, die climatischen Verhältnisse, und selbst der Charakter der Thier-- und Pflanzenwelt auf die Entwickelung der Mensch­heit, ihre Schicksale und die Formen ihres äußern Lebens ausüben; und zwar ist es nicht allein der Gesammtcharacter eines Landes,' welcher anregend und bestimmend auf die Bewohner einwr'rkt, sondern sogar einzelne Erscheinungen desselben machen in dieser Weise den Menschen von sich ab­hängig. Die intellektuelle Cultur, die poetische und mora­lische Empfindungsweise, die Formen des Siaatslebens und die historischen Geschicke einerseits, wie die Art und die Verhältnisse der Industrie, des Verkehrs und der äußern Sitte andererseits, gestalten sich nicht allein nach Stamm- Unterschieden und zufälligen Begebenheiten, sondern auch nach der Beschaffenheit der Natur und des Bodens in ver­schiedenen Landern verschieden. Völkerstämme und Völker­zweige entfernen sich dadurch in ihren Eigenthümlichkeiten immer weiter von einander und entwickeln sich je nach der Verschiedenheit ihrer Wohnsitze anders und wieder anders. Der Gegensatz zwischen dem Osten und Westen des con^ tinentalen Europas bietet dafür das passendste Beispiel. Der Osten unseres Ecdtheils ist als eine weite ununter­brochene Ebene einer der einförmigsten Landstriche; ohne erhebliche Verschiedenheiten in der Form des Bodens, zeigt er nur in feinen Steppenstrecken, in seinen großen 'Seen, Flüssen und Sümpfen, in seinen Ungeheuern Waldungen, und in wenigen Hügelzügen, eine Abwechse­lung; stellt, da die .Landgewässer nie wahre Völker- fcherHxn sind, der Ausbreitung und dem Verkehr seiner

Bewohner nirgends Hindernisse von Bedeutung entgegen, und gewährt so in seinem Innern dem Staaten- und Völ­kerleben nirgends eine natürliche Begrenzung. DaS west­liche Europa dagegen besteht in einem Wechsel von Hoch- und Mittelgebirgen, von Hochebenen, Flußtbälern und Flachländern, und hält durch natürliche Beschränkungen viel­fach die Sprachen, die Bildung-weisen und die Formendes Lebens von einander getrennt. Daher findet sich auch in dem Wesen und den inner» Verhältnissen der Bewohner beider Tbeile hier das Mannigfaltige undZertheilte, dort das Einförmige und Zusammenhängende, als fortdauernd bestehender Grundcharacter ausgesprochen. Westeuropas Bevölkerung war zu allen Zeiten in eine größere Zahl von Staaten zertheilt, während in Osteuropa fast beständig nur wenige und ausgedehnte Reiche bestanden. Westeuropa war lange von mehreren Vvlkerstämmsn bewohnt, und enthielt, auch nachdem diese sich miteinander vermischt und in das eine germanische Element verschmolzen hatten, stets eine Mannigfaltigkeit von Nationalitäten; Osteuropa hingegen war durch die ganze Zeit seiner sichern Geschichte hindurch allem von dem einen Volksstamm der Slaven bewohnt und bietet in den verschiedenen Zweigen desselben mit we­nigen Ausnahmen eine Aehnlichkeit im innern Wesen und in' der äußern Sitte dar, die wir bei den.Bölkerst germa­nischer Abkunft vergebens suchen. Die Bewohner von Ost­europa endlich haben, mit eben so wenig Ausnahmen, von jeher die gleiche Art und den gleichen Grad intellectueller Bildung miteinander gemein gebebt und in der Anwen­dung der Verstandcskräfte auf das äußere Leben nie eine bedeutende Abstufung unter sich gezeigt, während der Zu­stand der Bildung und der Industrie bei den westeu­ropäischen Völkern. die mannigfachste Gestaltung und die verschiedensten Abstufungen zu erkennen giebt. Nicht zu verkennen ist freilich, daß die angegebenen Verschie­denheiten der zwei Hauptftämme unseres Erdtheils nicht bloß von der Beschaffenheit ihrer Wohnsitze hergeleitet wer­den mögen, sondern daß angeborne Eigenthümlichkeiten und historische Fügungen dieselben großentheils nritbedingen; allein wo wir zugleich in den Landstrecken und in ihren Bewohnern den Grundcharacter der Mannigfaltigkeit und Zertheilmrg oder des Einförmigen und Zusammenhängenden so entschie­den angedeutet sehen, da muß was man auch von sol­chen Einflüssen halten mag mindestens anerkannt werden, daß die Beschaffenheit des Wohnsitzes zur Erhaltung dieses Gleichartigen und Gemeinsamen Vieles beiträgt. Die Einwirkung geographischer Verhältnisse als erwiesen angenommen, soll nun der Einfluß derselben auf Industrie und Verkehr an einem Beispiel erläutert werden, das, un­serer nächsten Umgebung entlehnt, klar und bestimmt die Be­ziehungen anschaulich macht, die das commereielle Leben zu