Blätter für Geist, Gemüth und Publizität.
214. Samstag, den 4. August 1832.
Onkel und Nichte.
(Fortsetzung.)
Unser Leben entschwand so friedlich, wie ein süßer Traum. Wein Onkel verließ uns kaum; immer bei mir, wenn ich arbeitete, suchte er mich zum Sprechen zu bewegen. Ich öffnete ihm meine ganze Seele,, zeigte mich ihm ganz, so wie ich war. Wenn er einen Tag ferne von uns zubrachte, so war ich dieselbe nicht mehr; die Langeweile bemeisterte sich meiner; Beschäftigung war ohne Rerze für mich. Alles nahm einen Anstrich der Trauer an, und ich hatte Lust, »u weinen. Kam er zurück, dann war Alles verändert, rch erzählte ihm, was ich ohne ihn vollbracht, und wie lange mir die Zeit feiner Abwesenheit geworden scy. Mich an sein Herz drückend, hörte er mir zu; feine Augen weilten zärtlich auf mir; er belachte meinen Kummer und bewies mir, daß seine Abwesenheit zwei, höchstens drei Stunden gedauert habe. Er küßte mich, und jeder Kummer schwand aus meinem Herzen.
Ich ward bald r'nne, daß nur allein mein Onkel alle meine Gedanken beschäftigte, daß feine Nähe in mir Empfindungen erwecke, welche mir bis dahin unbekannt geblieben waren. Ich konnte mir e8 nicht länger verhehlen, daß ich ihn. liebe. Ich liebte zum erstenmale und ich sollte diese Gluth strenge in mich verschließen. Ach! ich mußte ja fürchten, seine Zärtlichkeit", seine Achtung zu verlieren, hätte er mich unerlaubter Gefühle fähig halten kennen: ich fühlte, daß ich nicht ohne Schuld in diesem Punkte war, und dennoch konnte ich nicht widerstehen. Meine Mutter und er bemerkten bald die Veränderung meiner Launen. Ich war noch immer gut, allein ich war nicht mehr heiter. Ganze Stunden brachte ich allein zu, dachte über meine Gefühle nach und schauderte.
Mein Oheim war immer derselbe gegen mich, gut und nachsichtig. Wenn ich oft seinen Blicken begegnete, die voll Gluth an mir ftstwmzelten, dann überzog eine glühende Rothe meine Wangen; ich fürchtete das Gefühl, das so unverkennbar aus seinen Augen strahlte; ich verdammte mich, ihn nicht anzusehen, auS Furcht, daß die lüße Empfindung, die ich verdammen mußte, zu mächtig werden möchte. Ich floh ihn, ich sprach nicht mehr mit ihm; und er, über diese unbegreifliche Veränderung erstaunt, überhäufte mich mit Fragen, warf mir lächelnd vor, daß ich
für ihn nicht mehr sey, was ich ehedem gewesen, kurz, daß ich nicht mehr liebenswürdig jey. Hatte er nicht Recht? Aber solche Vorwürfe aus 'seinem Munde waren sehr schmerzlich für mich. In andern Augenblicken schien, mir seine Zärtlichkeit, feine Sorgfalt zu weit getrieben, um nicht mehr als Freundschaft zu fiyn. Ich berauschte mich in dem Glücke, zu lieben und geliebt zu seyn. Alles nqhm : in meinen Augen ein 'festliches Gepräge an, ich liebte 'Al-' les, was mir nahete; ein einziges Wort konnte diese Veränderung in mir bewirken; und wenn ich oft am Morgen bittere Tbränen vergoß, so brachte mir der Abend wieder, neue Hoffnung. Dieser Zustand, der zwischen Liebe und Zweifel schwankte, zerstörte meine Gesundheit ; ich fühlte, daß ich dahin welkte, und nie dachte ich häufiger an den Tod, als zur Zeit, da ich am meisten liebte. Mit Freude, sah ich dem Augenblicke entgegen, der alle meine Leiden enden sollte.
Eines TageS war ich sehr traur'g und muthlos; mein Onkel sagte uns beim Frühstück, daß Madame Korff ihn beredet habe, einige Tage auf ihrem Landhause zuzubrin- gen. „Es ist nahe bei der Stadt," jagte er: „die Jagd hat bereits angefangen.^ Bei den letzten Worten blickte er mich scharf an. Mein Herz hatte sich zusammen gezogen, meine Augen hing?» voll Tbränen; ich wollte Much zeigen und bezähmte meinen Schmerz. „Wie," sagte meine Mutter, „Du willst und verlassen, Carl?" — „Auf wenige Tage nur," sagte er lächelnd. „Sidonie, ertherlst Du mir die Erlaubmß, mich zu zerstreuen?" — Er ergriff meine Hand. —. „Wer könnte Sie verhindern, zu Ihun, waS Ihnen beliebt?" erwiederte ich, indem ich rasch meine Hand aus der ftcmgen zog: „ich werde Ihnen kein Hkndcrmß in den Weg legen." Ich fühlte mich verletzt, mein Ton war trocken. „Wann reifen Sie ab," fragte ich ihn. — „Hm! heute noch," erwiederte er aufstehend; ich sehe, daß meine Entfernung Dich nicht , sehr bekümmern wird! und bin getröstet." Er nahm seinen Hut. „Lebe wohl, Schwester! sagte er, meine Mutter umarmend. „Aoieu, Sidonie." Er ging an mir vorüber, um hinauszugehen.. „ Werden Sie uns schreiben? " fragte ich mit so leiser Stimme, daß ich nicht begreife, wie er mich verstehen konnte. „Vielleicht!" erwiederte er und verließ UNS.
Er verließ unS und ich blieb allein, ohne Muth, ohne Hoffnung. Er verließ mich und §s schien mir, als wäre aff. s
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