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In der Geschäftssitzung der Gesellschaft zu Wien am 26. September 1894 war als Ort der 67. Naturforscherversammlung die norddeutsche freie und Hansa-Stadt Lübeck einhellig bestimmt worden. Von den beiden für dort gewählten Geschäftsführern, den Herren Senator Dr. Brehmer und Dr. Theodor Eschenburg war der Erstere anwesend, und erklärte die Annahme des ihm und seiner Vaterstadt gewordenen Auftrages unter Betonung der Unmöglichkeit für Lübeck, an äusseren Veranstaltungen und Anregungen durch grosse Hospitäler, reich ausgestattete Sammlungen und Institute auch nur entfernt Aehnliches bieten zu können, wie es die glanzvolle Grossstadt in so grossartiger Weise gethan. Dagegen stellte er Eins in Aussicht, worin die letztere naturgemäss nicht Gleiches wie die Mittelstadt zu leisten vermöge: die herzliche Theilnahme und die warme Gastfreundschaft aller Kreise der gesammten Bevölkerung.
Dieses Versprechen hat Lübeck in den Tagen vom 15. bis 22. September 1895 in reichlichstem Maasse und in wohlthuendster Weise gelöst.
Die ankommenden Gäste begrüsste schon beim Eintritt in die alt- ehrwürdige herrliche Stadt reichster Flaggenschmuck, den die Häuser nicht nur in den Hauptstrassen, sondern auch in den Nebengassen angelegthatten, und der erst theilweise eingezogen wurde, als der 19. September einen — und zwar den einzigen — Regentag brachte. Als bei herrlichstem Herbstwetter am 21. eine gemeinsame Dampferfahrt in See angetreten wurde, bot der Hafen den gleichen fröhlichen Anblick, da alle denselben füllenden Schiffe Flaggenparade angelegt hatten. Diesem Empfange entsprach die von Stadt und Privaten während der ganzen Woche gebotene Gastfreundschaft und Antheilnahme in vollkommenster Weise, so dass wenige der auswärtigen Besucher ohne besonders warmes Gefühl schönen Behagens und dankbare Erinnerung an reichlich genossene wohl- thuende Freundschaft in die Heimath zurückgekehrt sein werden.
War so die Versammlung bei aller Schlichtheit zu einem schönen Feste geworden, so boten auch die wissenschaftlichen Verhandlungen reiche Fülle von Belehrung und Anregung.
In den in der grossen städtischen Turnhalle abgehaltenen allgemeinen Sitzungen sprachen
Montag, den 16. September, nach der einleitenden Rede des ersten Geschäftsführers, des Herrn Senators Dr. Brehmer, und den üblichen Begrüssungen durch das Oberhaupt der Stadt und des Staates Lübeck, Sr. Magnifieenz den regierenden Bürgermeister Herrn Dr. Behn, und die Vorsitzenden des ärztlichen und des naturwissenschaftlichen Vereins, welche unter dem Titel „Lübeck“ einen stattlichen Band als hochwillkommene Festgabe überreichten, sowie nach der Berichterstattung durch den ersten Vorsitzenden der Gesellschaft die Herren
Professor Dr. Georg KLEBS-Basel über „einige Probleme aus der Physiologie der Fortpflanzung“ und Professor Dr. Emil BEHRiNG-Marburg über „Leistungen und Ziele der Serumtherapie“;
Mittwoch, den 18. September, die Herren
Hofrath Professor Dr. Hermann Riedel -Jena über „chirurgische Operationen im Gehirn“,
Geheimrath Professor Dr. Victor Meyer- Heidelberg über „Probleme der Atomistik“ und
Hofrath Professor Dr. Eduard v. Rindfleisch- Würzburg über „Neo-Vitalismus“;
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