für das
Mittlere Deutschland.
JM «S Freitag den 31. Mai 18 « 1 .
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Junkerlicher Uebermuth.
Es ist ein öffentliches Geheimniß, daß der Geist, welcher die preußische Iunkerpartei beseelt, auch in den höchsten militärischen Kreisen Preußens gesunden wird. Maßlose Überschätzung des eigenen Werthes, Verachtung alles Bürgerlichen, gepaart mit einem offen zur Echan getragenen Haß gegen die konstitutionellen Einrichtungen des preußischen Staates charakterlsirt diesen Geist, doppelt gefährlich zu einer Zeit, in welcher enges Aneinanderschließen aller Glieder des Volkes als der einzige wirksame Schutz gegen die von Außen drohenden Gefahren erscheint. Es ist eine traurige Wahrheit, daß dieser Geist den preußischen Staat schon einmal an den Rand des Abgrunds gebracht hat, und ohne die heldenmüthige Aufopferung des -Volkes Preußen wohl für immer von der Karte Europa's gestrichen worden wäre. Wenn wir deßhalb heute unsere Stimme erheben, um gegen eine der unerhörtesten Kundgebungen junkerlicher und militärischer Arroganz zu protestiren, so berechtigen uns dazu nicht blos die Lage des gemeinsamen Vaterlandes, von welchem Preußen einen Theil bildet, sondern die höchsten Zn- tereffen des preußischen Staates selbst.
Gelegentlich einer Aeußerung des Grafen Schwerin im Hause der Abgeordneten über die Untersuchung wegen der Grcifswalder Militär Exzesse bringt das neueste Heft der preußischen „Milttärblätter" einen Artikel, welcher sich nicht damit begnügt, die Vorgänge selbst in höchst einseitiger Meise zu besprechen und alle Schuld auf den „Pöbel" zu wälzen, sondern welcher diese Gelegenheit benutzt, um die Vertreter des preußischen Volkes, den Ministern des Innern und Alles, was nicht Soldat ist, in den schroffsten Ausdrücken daran zu erinnern, daß sie nichts sind und nichts zu sagen haben, daß nur der Militärstand den Staat Preußen reprä- sentirt und neben ihm nur ein „Nährstand" und hergelaufenes Gesindel existirt. .
„An dem Unheil der Abgeordneten" — heißt es darin — „liegt uns herzlich wenig (!), an der Aufrechthaltung der DiSciplin aber um so mehr. Die Kosmopoliten haben es dahin gebracht, daß der Soldat ihnen gegenüber nur das Standesbewußtsein hervorkehren kann und daß ein freudiges allgemeines Vaterlandsgefühl, das alle preußischen Untertha- nen mit ei em gemeinsamen Bande umschlingt, unmöglich geworden ist. (!) „„Mit Gott für König und Vaterland"" lautet die Devise, welcher wir folgen, und eben weil wir auch für das Vaterland fechten, also auch für Diejenigen,
welche mit uns gemeinschaftlich dies schöne Stück Erde bewohnen, so fühlen wir uns auch htngezogen zu denen, zu deren Schutz wir in Waffen stehen. Ein hergelaufenes Gesindel aber, welchem nur der todte Buchstabe des Gesetzes den Namen „Preußen" verleiht und deren Könjgstreue nur aus den Lippen, nicht wie bei uns in den Herzen thront, ein hergelaufenes Gesindel versucht es, sich zwischen den Wehr- und Nährstand zu drängen und den Samen der Zwietracht zwischen beiden auszusäen. Dies Gesindel, besonders das literarische, benutzt jede Schlägerei — oft durch sie selbst veranlaßt — um die Harmonie.der preußischen Denkwelle zu stör-en und dadurch für ihre abgeschmackten kosmopolitj- sch^u Refornrbestrtbuvge» zu arbeiten. Diese Vaterlands- . verräther zu Boden zu schlagen, sollte die gemeinsame Aufgabe aller, Preußen sein. Sie sind uns gefährlicher, wie Franzmann und Russe zusammengenommen."
Wir halten jedes Wort hierüber für überflüssig. Wehe Deutschland! Wehe Preußen! wenn in der Stunde der Gefahr des Volkes Kräfte in solche Hände gelegt sind! Noch sind die Wunden nicht geschlossen, welche dem Kaiserstache geschlagen wurden, weil er sein Heil auf den exklusivsten Militärgeist gesetzt hatte, und gegenüber so dünkelhaftem Uebermuth, wie ihn die „Militärblätter", das Organ der höchsten militärischen Kreise Preußens, .kundgeben, erscheint der österreichische Mtlitärfiolz unschuldig und bescheiden.
Kaum glaublich aber ist es, daß die liberale Presse Preußens nicht in einen Sturm der Entrüstung ausbrach, als sie obige Sätze zu Gesicht bekam, ja daß es liberale Blätter geben kann, welche es für weise halten, ihren Lesexn solche Proben militärischer Denkart vorzuenthalten. Upd doch ist es so. Die „Kölnische Zeitung" druckt den Eüi- gang jenes Artikels ab und hört da auf, wo die „Militärblätter" leugnen, daß es heute ein.allgemeines Band gqhe, welches alle preußischen Unterthanen umschlinge. Nicht ein Wort des Unwillens oder der Empörung hat sie für den junkerlichen Uebermuth!
Es muß weit gekommen sein, wenn sich die Hauptorgane des ^preußischen Volkes scheuen, öffentlich die gebührende Antwort auf die Arroganz des Iunkerthumö zu geben, sobald dieses Junkerthum sich hinter der Mtlttärustt- form versteckt. Ob es für den preußischen Staatckörper besser ist, so faule Flecken zu verdecken, statt auf Beseitigung zu dringen, so lange es noch Zeit, wird die Zukunft lehren.
(Nordst.)