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Zwölfter
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Herausgegeben
vom
Verein zur Verbreitung christlicher Zeitschriften in Serlin.
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Jahrgang.
1
M 13.
Palmarum.
Erscheint einmal wöchentlich. Preis vierrelj. 25 Pf. Die Expedition versendet
nur von 5 Expl. ab, und berechnet daZ Expl. zu 20 Pf.; ber 50 Expl. viertelj. 8 Mk.; bei 100 Expl. viertelj. 13 Mk. portofrei ins Haus durch ganz Deutschland. Expedition Berlin SW., Alte Jacobstr. 129.
‘ll Mrz 1891.
Schuld und Gnade.
Wenn unter deinem Kreuz ich steh',
O, mein Herr Jesu Christ,
Vermag' ich fast in bittrer SWeu’,
Weil meine Schuld es ist,
Die laut vor Gott mich angeklagt Und cm das Fluchholz dich gebracht,
Der du, das Heil oer Welt zu sein,
Auf dich nahmst alle Schmach und Pein!
Wenn unter deinem Kreuz ich steh',
Mein Heiland, fällt ein Schein Bon deiner Liebe Allgewalt Mtt in das Herz hinein!
Ob noch so schwarz die Leidensnacht,
Du sühnst die Schuld. „Cs ist vollbracht" Tönt's nun durch alle Ewigkeit.
£> Abgrund der Barmherzigkeit! S.
Me Kreuzesworte.
Sonntagseptstel: Phil. 2, 5—11.
Phil. 2, 8. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.
Die sieben Worte Jesu am Kreuz haben sich in der Gemeinde des Herrn allezeit als das verständlichste und herzbewegendste Evangelium erwiesen, als eine Bibel in Jesu Blut geschrieben und mit den Thränen des Glaubens gelesen. Leben und Trost ist von ihnen ausgegangen in die Leidensstätten und auf die Sterbebetten der Christen. Wer sich an diese Worte hält, der kann durch sie selig werden, ob auch jedes andere Gotteswort sich ihm verdunkelte. Wie trostreich lautet das Gebet des Verlassenen, den eine Schar triumphierender Feinde umringt: „Vater, vergieb ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun!" — wie hülfreich klingt es vom Kreuze herab, wenn er zu seiner Mutter und seinem LieblinEjünger spricht: „Das ist deine Mutter! das ist dein Sohn!" — wie freundlich und holdselig lautet das Wort an den bußfertigen Schächer: „Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein!"
Hier redet die weltüberwindende Liebe zu uns, die nimmer aufhört, selbst nicht unter den Schauern des Todes. Sie bittet für ihre Feinde, sie sorgt für ihre Freunde, sie tröstet und führt ins Paradies alle, die sich auf sie verlassen. Und wenn die Liebe Christi dies auf Golgatha gethan hat im
heißen Ringen mit dem letzten Feinde, den auch sie überwinden mußte, um in allen Stücken uns gleich zu werden, wie viel mehr wird sie unser gedenken, nun sie allem Leiden entronnen ist und im Sieg und in der Ruhe wohnend auf uns herabblickt, die wir mitten im Kampf und im Sterben sind! Ja sie wird, ja sie muß gleiche Liebe uns erweisen. Ihre Treue wird keine weinende Maria ohne Trost, keinen Schächer ohne Gnade, keinen Sünder ohne Fürbitte lassen.
Alle Worte am Kreuz sind voll Trost, nur eines hat einen erschreckenden Klang. Es klingt so düster wie Verzweiflung, so unvereinbar mit der Hoheit unseres Heilandes. Aus tiefster Roth ge sprachen, wird es auch nur ^verstanden von denen, die in tiefer Roth dieses Schmerzenswort zu ihrem Trost gemacht: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Das Gefühl der Gott Verlassenheit, der tiefsten Seelenvein, die nichts empfindet von Gottes Güte, sondern nur Finsterniß und Todesschrecken, hat das Herz Jesu erfüllt, ehe es zum Tode brach. Sein klagendes warum? ringt sich hervor aus der tiefbetrübten Seele, um Gott zu suchen, der so fern ist. Warum mußte er solches leiden? Warum mußte der Heilige und Gerechte, der keine Sünde je begangen und sich keine Schuld zugezogen, dennoch also klagen wie aus einer verödeten Seele heraus, die das Maß ihrer Sünden vollgemacht? Es giebt nur eine Antwort: „Darum weil wir Gott verlassen haben, und weil er von Gott verlassen sein wollte, damit wir nie von Gott verlassen wären!"
O tiefes Geheimniß der Erlösung! ^ Von Gott verlassen! Etwas davon erfüllt sich an jedem Men-- schen, welcher seinen Gott verlassen hat und sich nicht zur Besinnung bringen läßt. Gott redet zu ihm, und er hört nichts Gott ruft und er antwortet nicht; Gott sucht ihn, und er will sich nicht finden lassen; Gott klopft an, und er will ihm nicht auf- thun, sondern verhärtet sich mehr und mehr, Run überläßt ihn Gott seinem verfinsterten Herzen, nun geht er dahin in einem gottverlassenen Leben, zu einem gottverlassenen Sterben. Und mitten in dieser furchtbaren Einsamkeit sich derselben bewußt werden mit der Gewißheit: „ich bin verloren" — o des namenlosen Elendes, welches der Sünde Sold ist!