gemeinem Interesse sind jedoch Senckenbergs Gedanken im Vorworte der Dissertation. Diese Gedanken lassen sich aus dem Lateinischen folgendermaßen übersetzen: „Wichtig ist der therapeutische Gebrauch der einheimischen Pflanzen. Wenn man diesen Gebrauch richtig ausnutzt, kann man, wie z. B. Heister und andere berühmte Aerzte, die ausländischen Pflanzen leicht entbehren und ebenso die zusammengesetzten Geheimmittel der Pseudocbemiker. Die einfachen Pflanzenheilmittel heilen und stärken den Menscben viel besser, wenn man nur ihre Eigenschaften genau kennt. Sorgfältige Beobachter erkennen dabei, daß man die Erfahrungen alter Frauen und der Bauern und auck den Instinkt der Tiere nicht unbeachtet lassen soll." Damit bekennt sich Senckenberg also offen zur gesunden Empirie, im Gegensatz zum Brauche seiner Zeit, mit großen Formern und Geheimniskrämerei zu Kurieren.
Senckenbergs Rede „de pietaitte medici“ läßt eine außergewöhnliche Reife des erst dreißigjährigen Mannes erkennen. Sie bildet ein Bekenntnis zu einer eigenen tiefernsten, von innerer Frömmigkeit getragener Lebensauffassung und zu einer hohen beruflichen Ethik. Senckenberg teilt das Thema in drei Abschnitte, Frömmigkeit gegen Gott, Frömmigkeit vor sich selbst und Frömmigkeit im Umgang mit den Menschen. Der Gottesglaube, zu dem sich Senckenberg bekennt, ist kein lautes äußeres Wortbekennen. Die Verehrung Gottes soll im Inneren, im Geiste sein. In diesem Sinne Gott dienen ist der Anfang aller Weisheit und der Erkenntnis von den Grenzen des menschlichen Wissens. „Der kluge Arzt erkennt, daß er nicht Meister der Natur ist, sondern sie nur so weit beherrscht, wie Gott es ihm gestattet."
Aus solcher Frömmigkeit erwächst nach Senckenbergs Meinung dem Arzte für sich selbst eine innere Ausgeglichenheit und ein Seelenftiede, die ihn im Berufe stützen und stärken. Nach außen hin soll sich der Arzt seinem inneren Wesen entsprechend geben. „In seiner äußeren Haltung sei er nicht zu elegant, aber nicht nachlässig, auch in der Haarpflege und führe sich so, daß sein Haus, seine Kleidung, sein Reden und Tun, ihn als. einen ordentlichen, dem Geistigen nicht dem Weltlichen lebenden, genügsamen, heiteren und nüchternen, aus die Pflichten der Heilkunst eisrigst bedachten Manne erkennen lassen." Man vergleiche dieses Selbst-
portrait mit der reizenden Beschreibung, die Goethe aus persönlicher Erinnerung in Dichtung und Wahrheit von Senckenberg gegeben hat: „Er war immer sehr- nett gekleidet, und man sah ihn nie anders, als in Schuhen und Strümpfen und einer wohlgepuderten Lockenperllcke, den Hut unterm Arme" u.s.f.
Die Frömmigkeit des Arztes im Umgang Lüt den Menschen unterteilte Senckenberg in das Verhasst n zu den Kranken und zu den Aerzten und dem übrigen Heilpersonal. Im Dienst am Kranken bekennt Senckenberg sich zu einer sehr hohen Berufsauffassung: „Was ist die Heilkunde anderes, als ein täglicher Dienst der Liebe, Güte und Gerechtigkeit, um das Wohl der Leidenden zu fördern?" Er verlangt vom Arzt Geduld in Wort und Tat, sanfte Würde mit freundlichem Temperament, um das Vertrauen des Kranken zu gewinnen, denn aus diesem Vertrauen gewinnt auch der Arzt selbst neue Kraft. Den Mächtigen und Reichen gegenüber soll der Arzt aufrecht auftreten und nicht um des Gewinnes Willen nachgiebig und willfährig fein. Die Pflege der armen Kranken, die seiner Hilfe am meisten bedürfen, soll sich der Arzt besonders angelegen fein lasten und darin Befriedigung und Glück finden.
Bei den Kollegen soll er auf Mißgunst und Erwerbssucht gefaßt sein, der er selbst nicht verfallen soll; bei der Größe des Feldes der Heilkunde und der Fülle der ärztlichen Erfahrungen, die kein Arzt in ihrer Gesamtheit erfassen kann, soll er suchen von den Kollegen zu lernen, zu seinem und seiner Kranken Besten. Sein größeres Wissen aber soll er den Kollegen offen, doch ohne Hochmut, mitteilen, und seine Kenntnisse vertreten, nicht ohne das Bewußtsein der Grenzen seiner Kunst und der Schwäche der Wissenschaft. Beim Pflegepersonal soll er sich durch die Ueberlegenheit seines Könnens Autorität sichern, sich aber nicht von den gewinnsüchtigen Vertretern schwindelhafter Heilverfahren für ibre Zwecke einfangen lassen. Soweit die Gedanken des jungen Doctoranden; ihnen ist Senckenberg zeitlebens treu geblieben. Liebe zu Wissenschaft und Forschung, pedantische Sorgfalt und Zuverlässigkeit bei den Studien und in der Praxis, mutige Geradheit vor jedermann und ein uneigennütziges Einsetzen seiner ganzen Person für seine Kranken, sind die Merkmale seines Lebensganges. Seine Stiftung hat er auf den gleichen Anschauungen aufgebaut.