Blatter für Geist, Gemüth und Publizität.

M 176. u. 177. Mittwoch, 22., u. Donnerstag, 2Z. Juni 182«.

Prolog,

auf der Frankfurter Bühne gesprochen von Dem. Lindner,

am Vorabend der Sacularfeier der Erfindung der Buchdruckerkunst.

X-)ie schönen Tage steigen endlich nieder,

Auf die wir uns so lange schon gefreut.

Durch alle Gauen tönen Iubellieder Und rings sind duft'ge Blumen ausgestreut.

Von Thürmcn hört man Feierglocken schallen,

Hier sieht man Fahnen weh'n und Züge wallen;

Es strömt herbei die buntbewegte Schaar Und jedes Herz gleicht einem Festaltar.

Auch Frankfurt ist, umringt von heitern Auen,

Von Nebenhügeln, Saatgefild' und Hain,

Wie eine Königin der Flur zu schauen,

Gelagert an dem lieben, treuen Main.

Es prangen seine weiten Häusermassen Und seine bunten, volksbelebten Gassen;

Geschmückt sind alle Räume und verschönt,

Vom Iubelrus der Festlichkeit durchtönt.

Ihr Tage, die ihr einmal jed' Jahrhundert Nur niedersteigt, an Glanz und Größe reich,

Nehmt unfern Gruß! Gepriesen und bewundert, Um's Haupt den immergrünen Lorbeerzweig, Erscheint ihr, von des Lichtes gold'nen Wogen, Vom ungetrübten Sonnenstrahl umzogen;

Ihr bringet Kunde, die das Herz erhebt Und die den Geist zu höherm Schwung belebt.

Es lag gefesselt hinter Klostermauern

Die Wissenschaft, gleich Gold im tiefen Schacht;

In enger Zelle mußte sie vertrauern,

Don Mönchen streng gehütet und bewacht.

Da kam ein Mann, sie endlich zu befreien Und sie zum Sieg der Wahrheit einzuweihen;

Er gab ihr Zauberflügel, Riesenkraft

Und jenen Muth, der mächtig strebt und schafft»

Welch Wunder! Fünf und zwanzig kleine Krieger,

Aus Blei gegossen, scheinbar ohne Macht,

Sie haben, kampfbewährt i nd stets als Sieger,

Mehr, als die größten Helden je, vollbracht.

Den finstern Glauben haben sie bezwungen,

Der Tyrannei ihr blut'ges Schwert entrungen,

Dem Licht erobert eine weite Bahn Und kämpfend streben sie zum Ziel hinan.

Doch Krieger nicht allein, auch freud'ge Spender Des Friedens, fördern sie der Menschheit Glück,

Sind geist'ger Aussaat rüstige Vollender,

Sind milde Tröster uns im Mißgeschick;,

Es ruhen unter ihren Segensbäumen,

Auf blumenreichen, sonnbeglänzten Räumen Die Völker aus; zum Nützlichen gesellt Das Schöne sich, verherrlichend die Welt.

Wir feiern heut' das strahlende Gedächtniß Des Mannes, dem an Ruhm kein And'rer gleicht,

Und dessen großes, herrliches Vermächtniß Durch alle Zeiten segenbringend reicht,

Und dieser Tag des geiftdurchdrung'nen Lebens Sey eine Mahnung glaubensvollen Strebens!

Dem Auferblühen immer fchön'rer Zeit Sey unsers Herzens bester Wunsch geweiht!

(Während der letzten Strophe entfalten sich auf der Bühne die zum Pro­log gehörigen Darstellungen und Gruppen. Harmonische Klänge werden vernommen. Um die im Mittelgrund sich enthüllende Büste Gutenberg's zu bekränzen, erscheinen Gruppen von Landleuten, Jägern, Bergleuten, eleganten Städtern und Städterinnen, besternten Herren und Kriegern, Damen, Jungfrauen, Kindern u. s. w. Die Sprecherin des Prologs krönt zum Schluffe des Tableau's die Büste Gutenberg's mit dem Lor- berrkranz.)

So kommet denn herbei, ihr, die ihr thronet Im hochgewölbten, marmornen Palast,

Die ihr in ländlich niederm Hause wohnet,

Die ihr gebeugt seyd von des Alters Last,

Die ihr noch pranget in der Jugend Blüthe,

O kommt und bringt mit dankbarem Gemüthe Auch eure Gaben zu des Festes Glanz!

Johannes Gutenberg, nimm diesen Lorbeerkranz! Frankfurt a. M., 23. Juni 1640. Wilh. Wagner»