dass der Begriff des Entsprossenen, Erzeugten niclit "willltiilirlicli mit dein Worte Kind bezeichnet ist, son­dern schon radikal ihm beiwohnt. Beichte ist das alte bijihti, ein vom Verbum bi je lian, beken­nen, gebildetes Substantiv, das später bilite und endlich Beichte lautete und Bekenntniss bedeutet. Gesinde, althochdeutsch gisin di, ist ein von sind, Reise, abgeleitetes Wort und bedeutet Reisegefolge, von welchem Begriffe es jetzt auf deu allgemeineren: Dienstleute übertragen ist. Bräutigam, althoch­deutsch brutig'omo, ist aus brut, braut und g'Oino, Mensch, Mann zusammengesetzt und bedeutet also wörtlich:Braiitmanii. Heuschrecke, althochdeutsch hewiscreccho, besteht aus hewi, Heu, und screc- cho, Springer, wie das gleichbedeutende Grashüp­fer aus Gras und Hüpfer. Wie diesen Wörtern, so wird unzähligen anderen durch den altdeutschen Sprachschatz wieder ihre Seele zugeführt und unserer zu einer todten Zeichenmasse erstarrten Sprache die Frische ihrer jugendlichen Lebensfülle, die Kraft des lebendi­gen Eindrucks wiedergegeben. Welch ein Gewinn für Rede und Auffassung! jene wird sinnlich, an­schaulich, individuell, eindringlich, durch die Mit­gabe der ursprünglichen Bedeutung von doppelter Kraft, diese unmittelbar, klar, innig, zu lebendiger Vorstellung befähigt, in den Tiefen der Anschau­ung und des Gcmüths schöpferisch aufgeregt. Die Wirkung, die ein solches Sprechen, das sich der unmittelbaren, ursprünglichen Bedeutung der Wör­ter bewusst geworden ist, auf Gefühl und Verstand haben muss, ist nicht zu berechnen und im Vor­gefühl dieser Wirkung werden, so hoffe ich, alle meine Landsleute die Eröffnung des althoch­deutschen Sprachschatzes, als eine Quelle, aus der unserer jetzigen Sprache wieder Leben und Seele zufliessen soll, um so freudiger begrüssen, um so eifriger befördern und beschleunigen, je lebendi­ger sie durch die Gefahren, die unsere Nationali­tät bedrohten und bedrohen, sich bewusst gewor­den sind, dass das Band aller einzelnen Völker Deutschlands, der Schutz deutscher Nationalität, der Stolz, ja die Kraft unseres Volkes vor allem in unserer Sprache zu finden sey. Dieses Bewusst- seyn wird aber eben durch die Bekanntschaft mit dem althochdeutschen Sprachschätze erst hervorgerufen und begründet. Mehr noch und deutlicher als in der Ge­schichte eines Volkes, spiegelt sich der Geistund die Gesinnung desselben in seiner Sprache ab; aber nur in der ursprünglichen Bedeutung der Wörter. Also nur ein Volk, das seine eigene Ursprache hat, besitzt in seiner Sprache einen Spiegel seiner Gesinnungen und seines Characters. Ein solches Volk ist das deut­sche, und der Geist, der in seiner Sprache waltet, ist: Vaterlandsliebe, Redlichkeit, Frömmigkeit und alles das, was wir mit dem Ausdrucke deutscher Sinn zu bezeichnen gewohnt und berechtigt sind. Möge auch dieses hier durch einige Beispiele erläutert wer­den. Was wir mit dem Namen Vaterland bezeich­nen, nannte der Altdeutsche bedeutungsvoll odil, das Land, in welchem unser od, d. Ii. unser Besitz und Glück enthalten ist. Eben dieses Gefühl vom Werth des Vaterlandes leitete den deutschen Geist, der das Wort elend, das ursprünglich alilenti lautet und nichts weiter als andersländisch, nicht im Vater­

lande, bezeichnet, für den Begriff: unglücklich, der jetzt in dem Worte elend liegt, bedeutungsvoll verwandte. So zeigt der Gebrauch des W 7 ortes red­lich für den Begriff des Rechtschaffenen, Ehr­lichen, den wir jetzt mit diesem Worte verbinden, wie tief und unmittelbar der Deutsche es fühlte, dass Redlichkeit die wahre Verständigkeit sey, denn red­lich, althochdeutsch redilih, heisst ursprünglich nichts anderes als verständig. So ist der ursprüngliche Begriff von eitel, althochdeutsch itai, leer; das Eitle belegte deutscher Sinn mit dem Namen des Lee­ren. Seine Werthschätzung der Frauen legte der Deutsche durch das Wort Frau, althochdeutsch frowa, an den Tag, welches das Femininum von fro, Herr, ist und daher Herrin bedeutet. Arg heisst ursprüng­lich nur geizig, träge; später brauchte der Deutsche das Wort für den noch jetzt damit verbundenen Be­griff des Bösen, in dem Bewusstseyn, dass Geiz und Trägheit die Wurzel alles Uebels sind. Der ursprüng­liche Sinn von Notb, althochdeutsch Not, ist Gewa IG Zwang, Fessel; wie dem Deutschen nun Zwang und Fessel das tiefste Unglück dünkte, so bezeichnete er auch dieses nur durch den Ausdruck, den er für jene hatte. Das Wort fr um, unser fromm, dessen ur­sprüngliche Bedeutung die des Nützlichen ist, wandte deutscher Sinn auf den Begriff der Frömmigkeit an, das Fromme war ihm gerade zu, vor Allem, das Nützliche, in Uebereinstimmung mit dem biblischen Ausspruche: die Gottseligkeit ist zu allen Dingen nütze. Die Aufstellung und Verbreitung des althochdeut­schen Sprachschatzes, der uns diesen in unserer Sprache sich kundthuenden Geist und Charakter unseres Volkes zum klaren Bewusstseyn bringt, muss daher für jeden Vaterlandsfreund, der von dem Gefühl durchdrungen ist, dass das deutsche Volk mehr als je zu ruhiger Besonnenheit und zu den Gesinnungen, die man mit dem Namendeut­scher Sinn treffend bezeichnet, zurückgeführt wer­den muss, zu einer heiligen National-Angelegenheit werden.

Doch nicht allein uns, sondern allen Völkern deut­scher Zunge, den Völkern des brittischen, niederländi­schen, dänischen, schwedischen Reichs kommt die Auf­stellung des althochdeutschen Sprachschatzes zu Gute; auch sie erhalten dadurch Aufschluss über einen gros­sen Theil ihrer Wörter, auch ihnen spiegelt sich dadurch in ihrer Sprache der Geist des Volkes ab, dem sie und wir gemeinschaftlich angehören. Deshalb wird das hier angekündigte Werk auch allen diesen Völkern eine willkommene Erscheinung seyn aber auch die Theilnahme des deutschen Vaterlaudes noch von einer anderen Seite auf sich ziehen. Oder irre ich mich, wenn ich glaube, dieses Werk werde alle Völker unseres Stammes durch das lebendiggewordene Be­wusstseyn, dass dieselben Vorstellungen, dieselben Gesinnungen in ihrer wie in unserer Sprache we­ben und walten, mit neuen Banden brüderlicher Liebe an uns schliessen, und in ihnen wie in uns den Entschluss hervorrufen, fest, wie Kinder Einer Mutter, an einander zu halten, wenn es Schutz oder Kampf gilt gegen den, der fremdes Blutes ist?

Diesen Interessen, dieser Wichtigkeit, die der alt­hochdeutsche Sprachschatz für die Menschheit und das deutsche Vaterland hat, steht nun noch die Unentbehr-