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Einladung zur Suhsenplion.

Althochdeutscher Sprachschatz

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Wörterbuch der althochdeutschen Sprache,

in welchem

die ursprüngliche Bedeutung und Form unserer heutigen Wörter, so wie der schwesterliche Zusam­menhang des ganzen deutschen Sprachstamms mit den ihm verwandten älteren Sprachen, durch eine vollständige Sammlung aller von den frühesten Zeiten an bis zum Anfangfe des 12ten Jahrhunderts uns aufbewahrten hochdeutschen Wörter, Redensarten, Wortbildungen und Flexionen nachgewiesen ist, unmittelbar nach den ältesten handschriftlichen Quellen etymologisch und grammatisch bearbeitet

von

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Dr. Eberhard Gottlieb Graff,

hunigl. Prenss. Rcgierungsratlie und bisherigem ordentlichen Professor der deutschen Sprache und Litteratur an der Universität zu Königsberg, jetzt ordentCMitgliede der Künigl. Akademie der Wissenschaften zu Berlin.

Auch wer nicht subscribiert lese dieses

Y o r w o r t.

&chon als eine geordnete Sammlung der ältesten deut­schen Sprachüberreste, der ältesten deutschen Wörter und Sprachformen, hat die Aufstellung des althoch­deutschen Sprachschatzes, wie jede andere Sammlung alter Denkmäler, ftir den Alterthumsforscher und Va­terlandsfreund ein historisches Interesse, das durch die Ursprünglichkeit, das hohe Alter, den Werth und die Herrlichkeit unserer Sprache, des höchsten Guts, das Deutschland besitzt, noch gesteigert wird.

Wenn mm aber, wie es die Aufgabe des hier in Rede stehenden Wörterbuchs ist, ein solches Werk zu­gleich die ursprüngliche Form und Bedeutung unserer heutigen Wörter nachweiset, so wird auch das Inter­esse, das alle gebildete Deutschen, wie es die in geist­reichen Familienkreisen und Gesellschaften häufig vor- kommeude Unterhaltung über die rechte Form und den ursprünglichen Sinn unserer Wörter zeigt, am Verste­hen ihrer Muttersprache nehmen, durch dieses Werk nicht nur lebhaft erregt und beschäftigt, sondern auch mit reicher Geiuigthuung befriedigt, wie folgende schon anderwärts von mir ausgesprochene Bemerkungen ver­gegenwärtigen mögen. Die Wörter unserer heuti­gen Sprache sind in ihrer Form so entstellt, dass man sie ohne Kenntniss ihrer ursprünglichen Form gar nicht oder nur falsch deuten kann. Wer erkennt in Getraide, wenn er nicht weiss, dass die alte Form dieses Wortes gitragidi lautet, die Wurzel trag an, tragen, oder in vertlieidigen <f ohne Kenntniss des alten Wortes taga-ding die dreifache Zusam­mensetzung: ver-taga-dingen? Wer gerä'th nicht

in Verlegenheit, wenn er sich das Wort Leich­nam erklären will? Die alte unentstellte Form giebt sogleich Aufschluss; sie ist lihliamo, gebildet aus lili, Körper, und harn, Bedeckung, Hülle, also das fleischliche, leibliche Kleid bedeutend; das Ver­bum, zu dem ham gehört, heisst he man, bedecken, wovon auch Heinde, althochdeutsch hemidi, als Be­kleidung, und Himmel, althochdeutsch himil, als der Allbedecker herkoimnt; wer ahnt ohne Kenntniss der altdeutschen Sprache diesen Zusammenhang der Wörter Leichnam, Hemde, Himmel? Aber überhaupt sind die Wörter, die wir jetzt sprechen, dem grössten Theile nach, todte Zeichen geworden, die die Bedeutung, die wir damit verknüpfen, nicht in sich zu tragen, sondern sie nur willkiihrlich zugetheilt erhalten zu haben scheinen. Wenn wir Wörter wie Kind, Beichte, Gesinde, Bräutigam, Heu­schrecke ausspreclien, so fühlen wir nichts mehr von ihrer ursprünglichen Bedeutsamkeit, sondern ge­brauchen sie wie willkiihrliche Bezeichnungen unserer Vorstellungen, weil mit dem Absterben ihrer Whrzel auch ihr inneres Leben abgestorben ist. Wollen wir diese starre Masse der Sprache wieder beleben, so müssen wir zu den Tiefen unseres Sprachalterthums hinabsteigen, wo sich freilich nicht mehr für alle, aber doch für viele Wörter noch das sie erklärende Etymon vorfindet. So zeigt sich, um bei den angeführten Bei­spielen zu bleiben, in unserer alten Sprache die Wur­zel chinan, unser jetziges keimen, von welchem chint, jetzt Kind, herkommt und wir erkennen nun,