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J. A. L. Z. MÄRZ 1806.
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1T dafs diefe Bedingungen in umgekehrtem Verhältnifs Y wirkfam feyn können, z. B. eine grofse ausgebildete ß Anlage mit einem geringen Einflufs des Seelenorgans, oder bey ftärkerer Wirkung der Kraft eine geringere £ Ausbildung des Organs. Sind alfo ausgebildete Orga- q ne vorhanden, fo mufs von ihnen die Kraftäufserung z gröfstentheils abhängen, und wo die Kraftäufserung ^ lauge fehlt, miiflen die Organe oder Anlagen nach ^ und nach vermindert werden. Das fehen wir auch in t unferem Körper, z. B. bey den Mufkeln, beym Ge- _ fichtsorgan. Organe ohne alte Kraftäufserung kann j man daher G.aWn nie zugeftehen, und wenn er ein j Mordorgan, einen Diebsfinn anniimnt, fo muffen fie auch thätig feyn. Er nimmt ja auch felbft an, bey c den Menfchen, wie iie gewöhnlich Vorkommen, fey f kein Organ hervorftechend; alle Anlagen feven in ei- j. nein nicht lehr entwickelten Zuftande. Das gilt alfo j, dann doch wohl fo gut von einem Mordfinn, wie von f den übrigen, und dann raüffen entweder alle Organe ] tliätig feyn , oder keines? Und nun nehme man gar, A das Mordorgan, der Diebsfinn fey fehr ftark ent- j wickelt — dennoch Tollten fie un thätig feyn können? j Wodurch find fie dann fo entwickelt worden? Gail ( fühlt, dafs dabey die menfchliche Freyheit aufhört, r und will jenes gern leugnen; auf der anderen Seite I aber ift er felbft fo inconfequent, dafs er bey einem < Knaben, in welchem er eine folche Anlage fehr ftark / entwickelt fand, die lebenswierige Einfperrung an- ( rieth. Diefs fchauderhafte Urtheil eines Phantaften ] zeigt nur zu gut, wie viel Werth er auf die Anlagen ( legt. Auf der anderen Seite ift es aber auch die leerfte ( Ausflucht, dafs, wenn ein Organ gar nicht entwickelt 1 ift, feine Kraftäufserung dennoch fehr ftark feyn kön- l ne. Bey leichtgläubigen Menfchen kann diefs die ßlöfsen , des wandernden Kraniofkopen bedecken, weiter ] nichts. Denn wie käme ein Menfch zu einer hohen ( Fertigkeit, ohne alle , oder wenigftens merkliche An- , läge, und was wäre im Stande die grofse Anlage un- thatig zu machen? Wer annehmen kann, dafs 1) ge- ■ wohnlich bey den Menfchen keine hervorftechenden Organe Vorkommen, dafs 2) wo fie bemerkbar find, dennoch diefelben ganz ur.thäcig feyn können, und dafs 3) wo keine fichtbar find, dem ungeachtet die Kraftäufserung derfelben fehr ftark feyn könne; wer diefs annehmen, und dabey auf das Auffuchen folcher Organe am Schädel nur Eine Stunde Zeit verwenden kann: den können wir nicht anders als einen Thoren nennen, da er ja niemals die geringfte Gewifsheit erlangt, noch nach Gail erlangen kann. — Dafs Gail einen gemeinfchaftlichen Empfindungsplatz leugnet,
ift fonderbar genug; denn am Ende mufs doch Einheit hervorgehen, und fein zertheiltes ßewui'stfeyn ift höchft widerfinnig. Alle feine zum Ekel wiederholten Gründe für die Annahme eigener Organe für jedes Geiftesvermögen find fehr feicht, und es ift unbegreiflich, wie fie Jemand für überzeugend halten kann. Es find folgende: 1) Man ruhet aus, wenn man von einer Seelenverrichtung zu einer anderen übergeht; diefs wäre nicht möglich, wenn immer die ganze Gehirnmafle thatig wäre. (Allerdings ift: diefs möglich, fobald die Kraftäufserung von einem höheren zu einem niederen Grade geht, oder fobald nur irgend einige Veränderung in der Wirkung des Gehirns Statt findet. Derfelbe Fall ift bey unferen Mufkeln, die zwar lange, allein nicht ganz auf diefelbe Art lange wirken können; endlich mufs auch völlige Ruhe eintreten, diefe wäre bey Gail nie nöthig, wenn nur immer andere Organe wirkten.) 2) Die verfchiedenen Seelenkrafte ftehen bey den verfchiedenen Individuen, fowohl Menfchen als Thieren, in verfchiedcnem Verhältnifs. (Das ift wahr; allein dazu bedarf es keiner verfchiedenen Organe, fondern das Subftrat der inneren Seelenthätigkeit, und die Erregungsgrade des Gehirns, fowie deflen Einwirkung auf dieHemifphä- re und die Zurückwirkung auf die Organe der Bewegung können verfchieden feyn.) 3) Die Geiftesvermögen find in den verfchiedenen Klaffen der Thiere in ungleichen Verhältniflen; Gehirn haben fie alle. (Allein ihre Sinnesorgane bedürfen nur ungleicher Empfänglichkeit für aufsere Eindrücke, das Gehirn felbft kann verfchieden feyn an Gehalt, Erregung u. f. w.) 4) Die Geiftesverrichtungen und Kräfte entwickeln lieh nicht in gleichem Grade und zu gleicher Zeit. (Diefs ift aber leicht daraus zu erklären, dafs das Gehirn allmählich mehr ausgebildet, und daher für manche Verrichtungen gefchickter wird , endlich niijlmt feine Erregbarkeit ab u. f. w. Zugleich ift auf die Erziehung und Bildung zu fehen, auf die einmal gegebenen Eindrücke, wie darauf weiter gebaut wird. Wozu da eigene Organe?) 5) Sollen die partiellen Gei- fteskrankheiten, foll die partielle Integrität etwas für die Organe beweifen. Allein auch cliefer Grund ift unftatthaft. Dafs einzelne Ideen lebhafter werden, andere fchwinden, kann daraus erklärt werden, dafs die Thätigkeit des Gehirns für eine Äufserungsart deffelben erhöht oder vermindert feyn kann; Ackermann erklärt es durch die mechanifche Anordnung der Ideen, die kein Arzt als das Subftrat höherer Gei- ftesfähigkeiten geleugnet hat.
(Der Bef chlufs folgt.)
KLEINE SCHRIFTEN.
VERjursc/irE Schriftejj. Sondershaufen, b, Ackermann : Ift Gall's Gehirn - und Schadellehre für Moralität bedenklich? Von Gottfr. Chr. Cannabich , Kirchenrathe und Superintendenten in Sondershaufen. 1806. 7 ° S* kl* 8- Für die frömmelt Seelen, welche an die kraniofkopifchen Offenbarungen glauben, wird es erbaulich feyn, von einem mit Recht ge- fchätzten Geiftlichen zu erfahren, dafs „Gall's Schädellehre für die Moralität nichts bedenkliches habe, dafs fie weder den Materialismus noch den Dualismus befördere, fondern vorder
Hand noch eine blofse phyfiologifche und pfychologifche Übung fey,“ welche mitzumachen, in diefer Hinficht unverfänglich bleibt, M, G.
Berlin , b. Maurer in Comm.*. Kleine Bemerkungen über die Taubheit. Von D. E. A.Efchke , königl. preuff. Prof, und Director des Taubftummen - Inllituts zu Berlin, correfpondi- rendem Mitgliede der galvanifchen Sbcietät zu Paris. Zweyte geänderte Aufl. 1806. 87 S. 8. (8 gr.)