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JENAISCHE ALLS. LITERATUR - ZEITUNG

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lalfen? Denn jene enthält, wie Jeherwann richtig be­merkt, durchaus alles, was von Gall's angeblichen Entdeckungen über den Hirnbau wahr ift. Rec. geht aber noch weiter, und bittet die Herren, welche hier fo viel Neues fehen, Thom. Willis ccrebri anatome Cap. 1315, und deffen Buch de anima brutorum Cap. 4 mit den dahin gehörigen Zeichnungen, nach- zufehen; fie werden finden, dafs alles, was Gail über den Zufammenhang der Hirntheile angegeben hat, dort fehr umftändlich aus einander gefetzt worden, und dafs Willis fogar die Methode, diefe Theile zu präpariren, angezeigt hat. Sollte Lodet nie den treff­lichen Willis gelefen haben? Von einem Profeffor der Anatomie liefse es fich doch wohl erwarten!

Mit Recht verwirft Ackermann GaWs Anficht, als ob das Gehirn aus einer zufammengefalteten Haut be­hände, die bey dem Waflerkopf entfaltet würde. Man kann die Präparation, wobey man das Gehirn, nach hinweggenommener Gefäfshaut, aus einander zerrt, fehr leicht nachahmen; allein es ift nichts als ein Kunftftückchen zur Spielerey, und Rec. begreift nicht, wie ein Anatom hierauf einigen Werth fetzen kann. Eben fo falfch ift Gall's Idee von der Rindenfubftanz. In ihr endet fich keineswegs das Nervenmark, fon- dern hier nimmt es feinen Urfprung; fie befteht faft ganz aus Gefäfsen, wie die Ausfpritzungen gezeigt haben. Gail nennt fie eine falzige, eine drtifenartige Subftanz, hält fie für ein Ganglion des Nervemnarks (Nervenfibern nach ihm), und beweifet durch alles diefs eben fo fehr feine Unkunde, als feine Dreiftig- keit, die lächerlichften Dinge Anatomen über folche Gegenftände vorzutragen, in denen er billig felbft erft Unterricht nehmen follte. Eben fo wenig gilt, was Galt von anderen Theilen des Gehirns behaup­tet, wenn er fie Ganglien nennt, da fie durchaus nichts von deren Struktur haben, oder wenn er grofse Ge­hirn theile Nerven nennt. Diefs ift nicht blofs gegen den Sprachgebrauch, fondern verwirrt alle Begriffe; und beynahe möchte man glauben , dafs diefs Gall's Abficht gewefen. Denn die vom Gehirn und Rücken­mark abtretenden Körper, welche wir Nerven nennen, find durch ihre fadige Befchaffenheit und die die'Fäden umwickelnde Gefäfshaut, fowie durch ihre allgetnei- neHülle, fo deutlich von allen übrigen Theilen der Körper unterfchieden , clafs jeder Anfänger fie erken­nen mufs. Ackermann wundert fich, dafs Gail die Riech- und Sehnerven als vom Rückenmark austretend be­trachtet ; allein er folgte nur Willis (cerebri anatome Cap. 13) der deutlich fagt: nervi optici et olfactorii longo ductu et ambagibus cerebri Juperßciem perreptant> nt infra hanc partein medullae oblongatae inferantur. Zurücktretende Nerven hatte -Willis auch fchon, und Gall's ganze Theorie, fo falfch fie ift, konnte ihm keine Mühe machen, da er alles bey jenem vorfand. Sehr gut urtheilt Ackermann von der irrigen Vorftel- lung, als ob von den doppelten Organen eines zurlie- ferve da wäre; was Gail fogar von den Augen zu be­haupten wagt. Das gewählte Beyfpiel, dafs man, wenn man einen Gegenftand mit beiden Augen be­trachtet , und vor das eine Auge ein rothes, vor das

andere ein blaues Glas hält, den Gegenftand weder roth noch blau, fondern grün erblickt, weil beide Far­ben darin zufammenfchmelzen, zeigt den Ungrund davon deutlich genug. Die Commifluren der Hirnthei­le waren längft bekannt. Dafs die Fafern der Pyrami- dalkörper fich im Hirnknoten kreuzen, hat Rec. nie gefehen, und begreift auch nicht, wie die übrigens deutlichen und längft bekannten Queerftreifen im Hirnknoten als zurückgehende Nerven angtfehen werden können. Das Gehirn endlich als einen Fort- fatz des Rückenmarks, oder als einen von ihm gebil­deten Theil betrachten zu wollen, heilst, eine alte aus guten Gründen lange verworfene Meinung aus blofser Liebe zu Paradoxien auffrifchen. Das Rücken­mark ift ja nicht früher da, und beym Foetus hat fchon offenbar das Gehirn gegen daffelbe ein Überge­wicht. Weiter braucht man nichts anzuführen, ob­gleich Ackermann noch andere gute Gründe angiebt, von der Function der Rückenmarksnerven u. f. w.

Ganz unftreitigift alfo der Satz, dafs alles Wahre, das Gail vom Gehirn behauptet, den Anatomen be­kannt war, und alles ihm Eigene, von den Ganglien und Nerven im Gehirn, von der allgemeinen Durch­kreuzung, von der Entfaltung u. f. w. durchaus falfch erfunden wird. Was Loder darin Bewundernswürdi­ges gefunden hat, weifs Rec. nicht; er bittet aber den trefflichen Sommerring, der bisher noch fchwieg, feine Stimme zu geben: feine Competenz wird kei­ner verkennen. (ImVorbeygehen bemerkt Rec., dafs Ackermann glaubt, alle Fötus, die ohne Gehirn .gebo­ren werden, hätten vorher daffelbe gehabt; allein wenn man die Fälle vergleicht, fo ift doch mancher Unterfchied da, und hin und wieder feheinen die Schädelknochen durch eine urfprüngliche Monftrofi- tät fo gebildet zu feyn; die Zerftörung müfste dann zugleich beym Ausfliefsen des Waffers aus dem Kopf fo grofs gewefen feyn, dafs fchwerlich dabey der Fö­tus hätte am Leben bleiben können. Vergl. Prochafka Annotatt. Acad . Fafc. 3 S. 185 lq. Man hat ja auch felbft Milsgeburten ohne Kopf.)

Im II Abfchnitt fpricht Ackermann vom Schädel­bau. Hier ift auch befonders der Vf. von No. 7 zu nennen, der aus eigenen Unterfuchungen viele gute Beobachtungen darüber beybringt, fowie die Darltei- lung der Gallfchen Meinungen üb J r diefen Punkt in No. 5 und 6 deutlich , doch freylich ohne eigene An­fichten ift. Der Hauptpunkt ift immer dem Kraniofko- pen die Frage, ob die beiden Tafeln der Schädelkno­chen, wie Gail will, fo parallel laufen, dafs eine äufsere Vertiefung eine innere Erhabenheit, und um­gekehrt, bezeichnet. Diefer Parallelismus ift aber nur hoch ft eingefchränkt anzunehmen, worin Rec. mit den Vfn. von No. 7 und 8 einer Meinung feyn mufs. Indem fich die Mufkeln, welche am Schädel fitzen oder ihren Urfprung nehmen, entwickeln, mufs an allen diefen Stellen die BefchafTenheit der äufseren Tafel verändert werden, und man findet dann kei­neswegs die innere mit ihr parallel. Daftklbe gilt von allen Stellen, wo Luft in die Zellen der Schadel­knochen gedrungen ift. Bey fehr vielen Schädeln tre-