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solchem Grade gelungen war, in die zartesten Yerhältnisse des kleinen im menschlichen Leibe verschlossenen Weltalls einzudringen. Wie verschieden aber auch nach Zeit - und Lebensverhältnissen der Character der Sömmerring- schen Werke sich ausspricht, oder wie man ihn zu deuten Lust haben mag, so läuft doch durch alle ein gemeinschaftlicher Zug, wodurch die, dem Inhalte nach auch noch so verschiedenartigen Schriften zu einem Ganzen verbunden, und jedem die eine und dieselbe Familien-Physiognomie aufgeprägt wird. Es ist nemlich das tiefe Gemüth des Verfassers, welcher aller Welt wohl will, und die gesammte Menschheit mit Liebe umfassend, überall als helfender Genius erscheinen möchte, womit er uns in seinem ganzen schriftstellerischen Wirken so freundlich und anziehend, fördernd, belehrend, helfend entgegen kommt. » Ein eigenthümlicher Zug, der in allen Schriften SÖmmerrings vorherrscht, ist eine ungekünstelte Wahrheitsliebe; die Verdienste Anderer fanden leicht bei ihm freudige Anerkennung. Auf seine Wissenschaft legte er hohen Werth, aber nur Wahrheit und nichts als Wahrheit suchend, stellte er keinen einzelnen Zweig derselben über den andern und hielt sich frei von partheiischer Vorliebe. Es war ihm zuwider, wenn einige Schriftsteller über einzelne Theile des mensch­lichen Körpers wie in Entzücken geriethen, als wären die anderen gröber, we­niger bedeutend, weniger kunstvoll geformt, weniger unserer Bewunderung würdig. Da ich mir, sagt er in der Vorrede der zweiten Abtheilung des 5 . Theils vom Bau des menschlichen Körpers, wohl einige Kenntniss dieser Theile zu­schreiben darf, so muss ich bekennen, dass mir die Hand eben so fein, eben so kunstvoll zusammengesetzt, eben so bewunderungswürdig erscheint als das Auge. Ich gehe von dem Gedanken aus: Auge ist Auge; Hand ist Hand; und nicht genug kann man sich vor solch unphilosophischer Einseitigkeit in Acht nehmen. Will man Vergleichungen anstellen, so vergleiche man Thier-Augen mit Men- schen-Augen oder die Augen verschiedener Menschen mit einander,

SÖmmerrings Schriften : Diss. inaug. de basi encepliali et originibus nervorum cranio egredientium, libri quinque. Goett. 1778. 4 - Progr. de cognitionis sub-

tilioris systematis lymphatici in medicina usu. Cass. 1779. 4 -Abhandlung über

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