wie einen Sohn aufnahm, ihn in seinem Hause eine Wohnung einräumte, ihm seine reiche Sammlung zur freisten Benutzung überliess, und ihm seine Manu- scripte und Zeichnungen mittheilte. Man kann sich leicht vorstellen, welchen Einfluss der vertrauliche Umgang mit diesem, sowohl als Gelehrter wie als Staatsmann ausgezeichnetem Manne, auf Sömmerring hervorbringen musste, und die Erinnerung an diese herrlichen Tage blieb ewig in seinem Gedäclitniss aufbewahrt.

Obgleich der Wirkungskreis, Avelchen Sömmerring in Cassel betrat, für seine umfassende Ausbildung nicht angemessen war, so bot sie ihm doch die Gele­genheit dar, seinem Lieblingsfache ungestört leben zu können. Diese Epoche seines Lebens ist als die anzusehen, wo er das mit rastlosem Fleisse und grosser Umsicht Gesammelte in sich zu einem Ganzen geistig verarbeitete, und so das Grosse vorbereitete, welches er im Bereiche der medizinischen Wissenschaft zu leisten bestimmt war. Bei Gelegenheit der Einweihung eines neuen anato­mischen Theaters machte er auf die Wichtigkeit der bis auf seine Zeit von den Anatomen vernachlässigten Lymphgefässe aufmerksam, und beschrieb die auf dem anatomischen Theater zu Cassel und später nach Marburg gebrachten Missgeburten und gab getreue Abbildungen davon, welches Werk er aber erst später in Mainz herauszugeben Gelegenheit hatte.

Im Jahr 1784 wurde Sömmerring an die vom Kurfürsten Carl Friederich ge­stiftete Universität in Mainz berufen, und betrat hier einen in jeder Hinsicht seines grossen Geistes und innerer Schaffungskraft würdigen Schauplatz. Hier lebte er im Verein mit den geistreichsten Männern, hier sah er sein reges Stre­ben gewürdigt und anerkannt, und hatte die Freude sich von Schülern umringt zu sehen, die seine Vorträge begierig aufnahmen und seine Ideen weiter fort­bildeten. Jene sorgenfreie Muse, welche allein der geistigen Thätigkeit zusagt, bewog auch ihn zur Herausgabe mehrer geistreicher Schriften, So bereicherte er die vergleichende Anatomie der verschiedenen Menschenracen durch seine Schrift über die körperliche Verschiedenheit des Mohren vom Europäer, welche er seinem vertrauten Freunde, dem Welt- und Menschenkenner Georg Förster