Noch befremdender scheint es mir, dafs in Lavaters Physiognomik, unter der Menge mit vieler Liebe und tiefem Kunstgefühl gefertigter Kupferstiche,' kaum ein einziges durchaus richtig gezeichnetes Auge vorkommt. Und doch ist das ein Werk, worin alles von richtiger Darstellung der besondern Form eines Fheiles abhängt.

Um so mehr bat ich meinen Künstler, zu versuchen, soviel thunlich, die gröfste Genauigkeit in den einzelnen Theilen mit einer kräftigen Haltung des Ganzen zu verbinden; damit dieselbe Abbildung sowohl in der Nähe, als in einiger Entfernung betrachtet, die gehörige Wirkung thäte. Nach wenigen Proben befriedigte er wenig­stens meine Wünsche vollkommen.

Wahrlich richtiges Nachzeichnen kostet nicht mehr Mühe als unrichtiges! Denn ist es z. B. nicht einerley Mühe, ob ich die Haare der Augenbraunen schräg, wie sie in der Natur liegen, oder horizontal zeichne, wie man sie so oft dargestellt findet?

Und doch entsinne ich mich weniger Zeichnungen oder Kupferstiche, welche eine Augenbraune so richtig abbildeten, dafs jedermann in dieser von allen Neben­sachen abgesonderten Abbildung eine Augenbraune, nicht irgend ein willkührlich gelegtes Haarbüschel, erkennen müfste.

Ueberdiefs, dünkt mich, sollten Physiologen, denen es an hinreichenden Gegen­ständen und Gelegenheiten zu Untersuchungen nicht mangelt, zum Muster ihrer Schilderungen, jederzeit den vollkommensten, und eben defshalb schönsten Bau auswählen.

Denn da die anatomische Beschreibung irgend eines Theils, im Allgemeinen abstrahirt, eben so idealisch ist, als die Abbildung und Beschreibung desselben Theiles in einem Zeichenbuche, so sollte man auch gleichen Grundsätzen folgen.

So wie man auf einer Seite annimmt, dafs alles dasjenige, was von Kunstwerken, die den menschlichen Körper nachbilden, auf idealische Schönheit Anspruch machen will, vor allen Dingen anatomisch-richtig seyn müsse; so dürfte man auch auf der andern Seite billig erwarten, dafs alles dasjenige, was die Zergliederer als Normalbau anatomisch-richtig schildern, vorzüglich schön seyn müsse.

Ohne eine solche Norm durch häufige Untersuchungen und Abstraktionen heraus­gebracht und festgestellt zu haben, ist man nicht einmal im Stande zu bestimmen, welche Fälle man für Abweichung vom vollkommnen Baue zu erklären hat.

Bis der Anatom bey Betrachtung der menschlichen Form unter die Oberfläche des Körpers dringt, um die Organe der Veränderungen und der Erscheinungen auf der Oberfläche des lebendigen Menschen zu erforschen, sollte mit ihm der bildende Künstler freundlich Hand in Hand gehen, beyde ein gemeinschaftliches Interesse