ERKLAERÜNG

DER

ERSTEN TAFEL.

2j ur Kenntnifs'des menschlichen Auges gelangt man in der natürlichsten Ordnung, wenn die Untersuchung von den äufseren Theilen, zu den inneren fortschreitet. Diese äufseren Theile des Auges aber erfordern eine sorgfältige Betrachtung, bevor sie durch die leiseste Berührung mit der Hand im Leben verändert, oder durch die künstlichste Handhabung mit Instrumenten nach dem Tode zerlegt worden.

Bey dieser ersten Tafel war also meine Absicht, im Allgemeinen, eine genaue, und möglichst schöne Abbildung der äufseren Gestalt des Auges zu liefern, mit besonderer Rücksicht auf die Beschaffenheit des Auges nach dem Unterschiede des Geschlechtes, des Klimas, und des Grades der Vollkommenheit.

Weil aber ein Lehrer der Zergliederungskunst bey allen seinen Bemühungen zum nie zu vergessenden Grundsätze haben sollte, den Zustand der Theile des menschlichen Körpers, in den Darzeigungen, Beschreibungen und Abbildungen, so zu schildern, wie er im Leben Statt findet * so schien es mir auch nothwendig, alle diese Abbildungen nur nach lebenden Personen nehmen zu lassen.

Wie mich auf einer Seite manche Erfahrung lehrte, dafs nach Leichnamen geinahlte Augen einen unvertilgbaren Charakter von Kälte und Starrheit erhielten, so freute mich auf der andern Seite das Urtheil der Kenner, welche einstimmig in allen Figuren dieser Tafel etwas belebtes erkannten, das sich leicht durch Anschauung wahrnehmen, schwer durch Worte beschreiben läfst.

Aber auch Nichtkenner fanden in der neunten und zehnten Figur wohl etwas ruhendes, aber die Ruhe des sanften, erquickenden, und ich darf wohl sagen, lebendigen Schlafes, nicht des starren und kalten Todes.

Wundern mufste ich mich öfters, dafs dieser schönste, ausdruckvolleste Theil des Antlitzes so oberflächlich in den meisten Zeichenbüchern, Gemählden und Statuen behandelt worden, dafs ich bis jetzt auch nicht ein einziges Zeichenbuch zu nennen wüfste, welches ein Auge im Profil hinreichend richtig darstellte.

Selbst aus den Augen der Köpfe, die ein Tenner mit fast ängstlicher Genauigkeit mahlte, leuchtet durchaus mehr eine gewisse angenommene Manier, das Auge darzu­stellen, als eine taktfeste Kenntnifs seines Baues, oder eine unbefangene Schilderung der Natur hervor.

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