6
haben : fo erstaunen wir höchlich darüber, daß so viele Augen bei so Hel« lem Tage -nichts bemerkt haben sollen. Dieses voreilige Streben uach Harmonie, ehe man die einzelnen Laute beisammen hat, die sie ausmachen sollen; diese gewaltthatige Usurpation der Denkkraft in einem Gebiete, wo sie durchaus nichts zu sagen hak, ist der Grund der Unfruchtbarkeit so vieler denkenden Köpfe für das Beste der Wissenschaft; und es ist schwer zu sagen, ob die Sinnlichkeit, welche keine Form anmmmt, oder die Vernunft, welche keinen Inhalt abwartet, der Erweiterung unserer Kenntnisse mehr geschadet habe."
§. 5»
Diejenigen, welche den Bau des Hirns aus eigenen Zergliederungen, oder wenigstens aus anschaulichen Begriffen kennen, werden mich leicht verstehen; denjenigen hingegen, die kein menschliches Hirn in der Natur, sondern bloß in Zeichnungen sahen, mich ganz verständlich zu machen, gebe ich, ungeachtet, aller Bemühung, die ich in Entwerfung meiner Hirnlehre und Nervenlehre anwendete, fast die Hoffnung aus.
In der Ueberzeugung also, daß dem wahren Anthropologen meine Unterhaltung über diesen interessanten Gegenstand angenehm seyn werde, will ich hier meine zerstreuten Gedanken mittheilen.
Uebrigens blieb es mir nicht unbekannt:
Daß Unzer e) erklärt, daß im Hirne die Stelle des Sitzes der Seele unmöglich bestimmt werden könne;
Daß Herr Professor Ja ko b U) die Frage über den Sitz der Seele für völlig sinnlos erklärt; und
c) Physiologie §. 20.
4 ) Zn seinem Grundriß der Erfahrungsftelenlehre. Halle 1791. §. 44.