225

der Mensch in diesen Eigenschaften sein Gemüth erspiegeln, in wirk­licher Weise, daß er ansehe, daß Gott ein lauteres Wesen ist, das al­ler Wesen ein Wesen ist, und doch ist er aller Dinge keines. Alles, was ist, und alles, was Wesen ist und Wesen hat, und gut ist, darin­nen ist Gott. St. Augustinus spricht: Siehest du einen guten Men­schen, einen guten Engel, einen guten Himmel, thue ab Menschen, thue ab Engel, thue ab Himmel, und was da bleibt, das Wesen des Guten, das ist Gott; denn er ist alles in allen Dingen, und doch fern über alle Dinge. Alle Creaturen haben wohl Güte, haben wohl Liebe, sie sind aber nicht das Gute, noch die Liebe, sondern Gott al­lein ist das Wesen der Güte, der Liebe und alles, was man neunen mag. Damit soll der Mensch sich vergleichen, und dazu versinken mit all seinen Kräften, in wirklicher, gefälliger, schauender Weise, daß seine Vernichtigung zumal empfangen und erneuert, und geweset werde in dem göttlichen Wesen, das allein Wesen und Wirken und Leben ist in allen Dingen.

Es sehe der Mensch an die Eigenschaft der einigen Einigkeit des Wesens, denn Gott ist in dem letzten Ende der Einfältigkeit, und in ihm wird alle Mannigfaltigkeit geeiniget, und einfältig in dem ei­nigen Einwesen. Sein Wesen ist sein Wirken, sein Bekennen, sein Lieben, sein Lohn, seine Barmherzigkeit, seine Gerechtigkeit, alles ein, darein gehe und trage darein deine unbegreifliche, große Mannigfal­tigkeit, daß erste einfältige in seinem einfältigen Wesen.

Es sehe der Mensch an die Verborgenheit Gottes, denn er ist in allen Dingen bekannt, wie Jesajas sprach : Wahrlich, Herr, du bist ein verborgener Gott! Er ist viel näher, denn kein Ding sich selbst ist, in dem Grunde der Seele, verborgen allen Sinnen, und unbekannt in dem Grunde, wo er mit allen Kräften eindringet, fern über die Gedanken deiner Auswendigkeit, die sich selbst und aller Jnwendig- keit so ferne ist, wie ein Thier, das den Sinnen lebt, und nicht weiß, noch schmeckt, noch befindet. Verbirg dich in die Verborgenheit vor allen Creaturen, und vor allem dem, was dem Wesen ungleich und fremd ist. Dieß soll nicht in bildlicher oder in gedächtlicher, sondern in wesentlicher Weise sehn, mit allen Kräften und Begehrung über die Sinne in befindlicher Weise.

Dann mag der Mensch ansehen die Einöde der göttlichen Eigen­schaft in der stillen Einsamkeit, in der nie ein Wort in dem Wesen,

Tauler's Predigten-. III- Bd. 15