Aus meiner Brieffammlung:
Ein Erinnerungsblatt für meine Freunde.
Privatdruck; 1941. Friederich Kanngiesser <Braunfels>.
„Es ilt gerade mir als einfachem, wenn sich auch den natürlichen Sinn für das Hohe und Schöne in Kunst und Natur erhaltenden, Menschen eine Herzensfreude, Sie kennen gelernt zu haben Es wirkt auf mich, da ich doch fast nur mit Menschen kleinen Gesichts® feldes und deren Sinn nur auf die materielle Seite des Lebens gerichtet, zusammenkomme, wie die klare Sonne nach grauen Tagen. Denn wo trifft man in der heutigen, ganz auf Materialismus eingestellten Zeit noch Idealisten von so hoher und reiner Geistes® und Herzensbildung wie Sie, mein lieber Herr Doktor, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht haben, soweit wie möglich in allen Menschen den Sinn für alles Hohe und Schöne zu wecken, ganz gleich aus welchen Lebenskreisen sie auch kommen mögen. Ich bin der festen Lieberzeugung, dass gerade Menschen mit einfacher Bildung dies am deutlichsten empfinden. Gerade dieses wird für Sie der schönste Dank für Ihr menschenfreundliches Bemühen sein.“ <20. VIII. 1938). So schrieb mir ein Postbote M. R. aus Westfalen und so ein Student R. V. aus Thüringen: „Hochverehrter Herr Doctor“ oder darf ich „lieber Herr Doctor“ sagen? Ich wüsste jedenfalls niemanden, dem ich diese Anrede aufrichtiger entbieten könnte und der diesen Ehrentitel ein „lieber Mensch“ zu sein, mehr verdient hätte als Sie. Ein „lieber Mensch“ in der tieferen Bedeutung des Worts, die den Grundton der christlichen Religion ausmacht, die den Menschen darauf hinweist, in seinem Mitmenschen den Bruder zu erkennen und die den „Gebildeten“ verpflichtet. Ehe ich diesen Brief an Sie begann, hatte ich gerade die letzten Seiten eines kleinen Büchleins in mich aufgenommen und es ist mir jetzt zur Gewissheit geworden, dass dieses Büchlein mir den Anstoss zu diesem Brief gab: „Die Augen des ewigen Bruders“, eine Legende von Stefan Zweig. <Es folgt