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_ Freitag, 20. Tlovemver 1931
Medizin der Renaissance
Auf Einladung der Münchner Universität sprach der auch in Deutschland durch seine Arbeiten über Magen- und Darmkrankheiien sehr bekannte Kopenhagener Kliniker Professor Knud Faber gestern abend über „Thomas Sydenham, der englische Hippokrates. und die Medizin der Renaissance". Der Portrag ging von den Ansichten über Krankheiten in der Zeit vor Sydenham aus. Der Arzt der Renaissance fragte nicht wie heute: welche Krankheit liegt hier vor, sondern: welche Störung in der Blutmischung ist eingetreten? Die große Rolle der Aderlässe in jener Zeit wurde betont; so weiß man, daß Ludwig XIII. in einem Jahr 17 Aderlässen sich unterzog.
Sydenhams großes Verdienst ist es, zmn erstenmal auf die Spezifizität der Krankheiten aufmerksam gemacht zu haben. Die Entdeckung der Ehinarinde und ihrer Heilwirkung in jener Zeit ließ ihn die spezifische Wirkung dieses Mittels beim Wcchselfieber (Malaria) erkennen. Er will die genaue Beschreibung jeder einzelnen Krankheit, und weiter eine genaue Behandlung für jede erkannte Krankheit. Wenn Sydenham auch als spezifisches Heilmittel zunächst nur die Chinarinde kannte, so hegte er doch keinen Zweifel, daß es noch zahlreiche spezifische Mittel in der Natur geben müsse. Diese Auffassungen, die schon ganz im Sinne der späteren Ehrlichschen Chemotherapie waren, bedeute in jener Zeit etwas Revolutionäres. Faber behandelte weiter das Schicksal der Sy- denhamschen Ideen in den folgenden Jahrhunderten bis zur Zeit der großen bakteriologischen Entdeckungen, die erst jene Rätsel lösten, vor denen Sydenham und seine Zeitgenossen grübelnden Kopfes standen. Der von Faber in vortrefflicher deutscher Sprache gehaltene wissensreiche Vortrag fand den aufrichtigen Beifall einer im wesentlichen spezialhistorisch interessierten Hörerschaft. Dr. W. Sch.
Heute nachmittag 18.15 Uhr findet im Hörsaal der II. medizinischen Klinik ein zweiter, nur für Aerzte bestimmter Vortrag Fabers über „Gastritis und Anämie" statt.
„Sein oder Nichtsein, Vorträge zur Wirt, schaftskrise". Unter diesem Titel wird Prof. Dr. E. Horneffer von der Universität Gießen einen Zyklus von drei Vorträgen halten. Sic finden nn Saal des Bayerischen Hofes statt am Donnerstag, 26. November, Donnerstag, 3.. und Donnerstag, 10. Dezember, jeweils 20 Uhr. Die Einzelthemas lauten: 1. „Privatwirtschaft oder Sozialismus?", 2. „Diktarur oder Parlament?", 3. „Der Umbau des Reiches". Au den dritten Vortrag schließt sich eine Diskussion über den Zyklus an. Karteil bei Otto Bauer. Maximilianstraße 5, Alfr. Schund Nachf., Nesidenzstraße 7, Otto Merkt, Promenadeplatz 16, und Amtliches Bayerisches Reisebtiro, Promcuadcplatz 16, sowie an der Abendkasse.
Konzertderein München. Das I. Abonnements-Konzert des Konzertvereins mit dem Orchester der Münch- ner Philharmoniker unter Leitung von Gchconrat Prof. Dr. v. Hausegger, findet Montag, 23. November, 19<4 Uhr, in der Tonhalle statt.
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