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Kontterstag, 14. Aitgu« 1913

Georg Friedrich Kinkel!». Im Alter von 78 Jahren starb nach langer Krankheit Prof. Dr. Georg Friedrich K iii ke li g, früher Lehrer an^ der Elisabethenschule, ein be­kannter Mitarbeiter und Dozent der Senckenberaeschen Natur­forschenden Gesellschaft. Er hat namentlich beachtenswerte Arbeiten über die Geologie Frankfurts veröffentlichte Wir werden auf das Wirken Kinkelins noch an anderer Stelle zu- 'ckkommen.

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gttffes Morgerrvtatt der gfrattSf nttet Deikrrrra I reikaa. 15. Augugf 1913

Heorg Ariedrich Kinkelin f.

3 ? ' Ein Nachruf.

Von Dr. Fritz Dreverman» (Frankfurt).

JSin rastloses Leben schließt hier ab; aber der Tod war ij^fein Zerstörer, er kam als Erlöser. Seit vor Jahresfrist dr^Urau im Tode vorangegangen war, erlosch sichtlich die be­wundernswerte Standkraft, die trotz aller Leiden des Alters den zähen Körper erfüllte und ein müder Greis sehnte sich nach Ruhe. Er hat sein Leben lang nicht allzuviel davon ge­noffen!

Seit Kmkelin im Jahre 1873 nach Frankfurt kam, aus

der schweizerischen Heimat als Lehrer an die Elisabethschule berufen, hat er treu sein Amt versehen, obwohl es ihm nicht den ersehnten Beruf darbot. Diesen fand er vielmehr in den Stunden, die der Dienst des Tages ihm übrig ließ und er hat ihn mit aller Kraft ausgefüllt. Und hier ist auch die tiefe Dankesschuld abzutragen, die die Sencken belgische Naturforschende Gesellschaft und ihr Museum, damit aber zugleich ganz Frankfurt dem Verstorbenen zollen muß. Schon bald nach seiner Ankunst trat er der Gesellschaft als Mitglied bei, 1873 wurde er arbeitendes Mitglied nomen est omen in diesem Falle! und dann bekleidete er nicht weniger als zehn Jahre lang die Stelle des ersten Schrift­führers. Niemand außer ihm hat diesen Posten so lange Zeit mit Treue und Unermüdlichkeit versehen; aber es kennzeichnet Kinkelin vollständig, daß er außerdem Zeit fand, in der Biblio­theks-Deputation, in der Redaktion des Jahresberichts, der Ord­nung des Archivs fleißig mitzuarbeiten und sich trotzdem mit voller Kraft auf die Geologie der neuen Heimat zu werfen. Seine innige Freundschaft mit Karl Koch, dem frühverstorbe-

« n Landesgeologen und hervorragenden Forscher hat ihn wohl Mieses Fach begeistert und fast alle seine zahlreichen Publi- nonen im Bericht und in den Abhandlungen der Sencken- bergischen Gesellschaft dienen der geologischen Erforschung der Frankfurter Umgegend. Sie ist nicht zuletzt durch Kinkelin zu einer der bestbekanntesten Gegenden Deutschlands geworden. Aber wie hat er auch gesucht und geforscht! Keine Straßen- grabung, keine Ausschachtung für einen Hausbau wurde Jahr­zehnte lang geschaffen, ohne daß er sie gesehen hätte; entstan­den nun gar größere Aufschlüffe, wie sie z. B. für d,e Frank­furter Hafenbauten notwendig wurden, so war er täglich in Wind und Wetter draußen und schleppte alle Funde getreulich ins Museum. Seine Arbeiten sind eine wahre Fundgrube für wissenschaftliche Beobachtungen; wo heute lange Straßenzuae die Erdschichten verhüllen, da hat er noch gesammelt und so ist die Lokalsammlung aus der näheren und weiteren Umgebung, sein ureigenstes Werk, eine Zusammenstellung von bedeut­samen Dokumenten geworden, die heute nirgends mehr erreich­bar sind. 1884 wurde er mit seinem Freunde Oskar B o e t t- g e r Sektionär der geologisch-paläontologischen Abteilung, und sofort beginnen alljährlich im Bericht ausführliche Mitteilun­gen über die Vermehrung »seiner Sektion" zu erscheinen. Ueberall in der Sammlung ist seine saubere klare Handschrift zu sehen und keine der zahlreichen Gruppen ist unvermehrt geblieben, obwohl die Mittel zu Anschaffungen damals noch knapper waren als in der Gegenwart. Zwei Abteilungen aber waren seine Lieblinge, einmal die diluvialen Wirbeltiere von Mosbach bei Wiesbaden und dann die reichen fossilen Floren des Mainzer Beckens. Besonders die letztge­nannte Gruppe hat ihm Freude und Genugtuung bereitet und hat den größten Anteilen der wissenschaftlichen Bedeutung sei- ncr Arbeiten. Die reichen Pliozän-Floren, die er zuerst in

der Niederräder - Schleusenkammer nachwies und mit unend­licher Mühe, von zahlreichen Freunden unterstützt, aus dem zähen schmutzigen Letten gewann, sind ein einzigartiger Besitz des Senckenbergischen Museums geworden und Kinkelins wissenschaftliche Arbeiten darüber, die wahrhaft erschöpfend diese Fragen behandeln, haben den Wert der Sammlung unge­mein erhöht. Niemand wird über das Pliozän der weiteren

Umgebung ja von ganz Westeuropa überhaupt arbeiten kön­nen, ohne seine Arbeiten darüber zu studieren.

Wie hat er sich gefreut, 1883 zuerst Vorlesungen über die Geologie der Heimat halten zu können und wie hat er Jahr für Jahr sich bemüht, seine Begeisterung für die Wissenschaft anderen einzuflößen l Und als er endlich im Jahre 1888 einige Räume zur Aufstellung einer geologisch-paläontologischen Schausammlung bekam, mit welcher selbstlosen Zähigkeit und welcher schier unbegreiflichen Arbeitskraft hat er jede freie Minute seiner Sektion gewidmet! In den unterirdischen Räu­men am Eschenheimer Tor hauste er, umgeben von Kisten und Kasten, von Schlämmproben und fossilen Knochen, stets be­reit, seine Sammlungen zu zeigen und immer bedacht auf ihre Vergrößerung. Mit dickem Mantel und schweren Filz­schuhen bekleidet, hat er im Winter in den ungeheizten Sälen gearbeitet und sich oft sein Mittagessen ins Museum schicken lassen, nur um vorwärtszukommen. Kein Wunder, daß ihm seine Sammlung ans Herz gewachsen war und daß es ihm schwer gefallen ist, sich mit den vielen neuen Ideen abzufinden, die nach der Verlegung des Museums an die Viktoria-Allee kamen und kommen mußten. Er hielt zäh an dem einmal für recht Erkannten fest; war er aber einmal nach langem Ringen überzeugt, daß das Neue auch wirklich besser war, dann gab cs kein Zögern und kein mißmutiges Beiseitestehen, sondern dan war er der erste, der mit Feuereifer die Arbeit begann. Er hat das Aufblühen seiner Sektion bis zuletzt verfolgt. Gern zeigte er bis in die letzten Monate seines Lebens hinein Freunden und Kollegen die Sammlungen und noch in den Ostertagen dieses Jahres hat er sich trotz aller Schwäche ins Museum bringen lassen, um die Süddeutschen Geologen noch einmal zu begrüßen und mit ihnen einen Händedruck zu tauschen.

So hat er die Grundlagen der geologischen Sammlung in Frankfurt in rastloser Tätigkeit geschaffen, so ist sein Leben eine Kette von Mühe und Arbeit für sein Ideal gewesen. Sein Weg zu seinem Ziel führte ihn geradeaus, und dabei ist er gar manchmal mit seinem rücksichtslosen Draufgehen, mit seinem Haß gegen jede Diplomatie hart angestoßen. Aber er hat nie etwas nachgetragen und immer wieder hat er den Gegner bezwungen, durch seine Energie, die alle Kraft seinem Museum widmete und die vor allem keine Rücksicht gegen sich selbst kannte. Es ist ihm mit seiner Eigenheit im Leben nicht leicht geworden, und mancher, der ihn nicht kannte, hat nur die rauhe Außenseite kennengelernt. Aber wer ihm nähertrat, der erkannte den absolut zuverlässigen warmher­zigen Mann, der treu gegen andere war, der aber auch treu seiner Ueberzeugung folgte und dem jede Aeußerlichkeit fremd war. Sein Leben galt dem Dienst der Wissenschaft und der selbstlosen Arbeit zu ihrem Nutzen: so wird die Wissenschaft ihm durch ein warmes Gedenken über das Grab hinaus dank­bar sein. Seine zweite Heimat Frankfurt aber darf seinen Namen neben den ihrer besten Söhne eintragen!