Jahresfeier der Senckenbergifchen Naturforfchenderr Gesellschaft.

Sonntag, den 25. Mai 1902.

Im festlich geschmückten Vogelsaale des Museums begrüßte zunächst der erste Direktor, Oberlehrer I. B l u m. die Erschienenen mst folgender Ansprache:

Hochansehnliche Versammlung!

Zu der Jahresversammlung der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft heiße ich Sie herzlich willkommen und danke Ihnen für Ihr Erscheinen. Die Anwesenhest so zahlreicher Freunde und Gönner unserer Gesellschaft verleiht dem Feste eine besondere Weihe.

Beim Rückblick aus das vergangene Jahr habe ich ' vor Allem des schmerzlichen Verlustes zu gedenken, den auch unsere Gesellschaft durch den Heimgang Ihrer Majestät der Kaiserin Friedrich erlitten hat. Noch vor zwei Jahren hatten wir die Ehre und die Freude, sie in rüstiger Gesundheit, ja fast in jugendlicher Frische bei unserer Jahres­versammlung begrüßen zu dürfen. Mit lebhaftem Interesse, aber auch mit ungewöhnlichem Verständnisse verfolgte Ihre Majestät die Bestrebungen unserer Ge­sellschaft. Noch kurz vor ihrer Erkrankung hatte sie den Wunsch geäußert, die Pläne für den Neubau unseres Museums vorgelegt zu sehen. Dieser Wunsch konnte leider nicht mehr erfüllt werden. Das An­denken an die hohe Frau wird in unfern Herzen voller Dankbarkeit und Verehrung sortleben und stets gesegnet sein!

Das verflossene Jahr stand wiederuni im Zeichen des Neubaues. Dank dem wohlwollenden Entgegen­kommen der Administr ation der Dr. Sencken- bergischen Stiftung war es uns möglich, alle Vorbereitungen zu treffen, um im gegebenen Momente sofort niit den Bauarbeiten zu beginnen. Wir hofften zuversichtlich, daß die schwebenden Verhandlungen, von deren Erledigung die Stiftungs-Administration ihre Genehmigung zum Baue abhängig machte, zu einem befriedigenden Abschlüsse gelangen würden. Diese Er­wartung hat sich leider nicht erfüllt. Es ist dies um so mehr zu beklagen, als wir dadurch eines Kapitals von 60,000 Mark verlustig gehen, das uns unter der Bedingung zugesagt wurde, daß der Bau am 1. Juni' d. Js. begonnen sei. Das Schlimmste aber ist, daß. wir in Beziehung auf unsere Räume und Einrichtungen in einen geradezu unhaltbaren Zustand gerathen, aus ' dein zu entkommen eine Lebensfrage für unsere Ge­sellschaft ist. Wir geben indesien der Hoffnung Raum, daß sich bald Mittel und Wege finden, die zu einem erwünschten Ziele führen "werden.

Wir haben mit der Ansammlung von naturhistori­schen Gegenständen für das neue Museum. deren An­fertigung viel Zeit erfordert, wie die Herrichtung von Thiergruppen nach geographischen Gesichtspunkten, die Ergänzung der biologischen und vergleichenden ana­tomischen Präparate, begonnen und werden damit fortsahren. Eine wesentliche Hülfe hierzu ist uns geworden durch das herrliche Material an afrikanischen Süugethieren, die Freiherr Carlo v. Erlanger von seiner letzten Forschungsreise mitgebracht hat, so- wie durch die prächtigen Säugethiere, die Her r

! Schillings ebenfalls in Afrika erbeutet hak und uns von Herrn Geheimem Kommerzienrats v. G u a i t a übergeben worden sind. Seit Rüppellsj Zeften sind uns keine ähnlichen werthvollen Schenk­ungen an Naturalien zugegangen. Nicht unerwähnt will ich lassen eine ausnehmend schöne Sammlung vom Kieselschwämmen, die unter Anderem das karre- spondirende Mitglied Herr Br. med. Gerlach aus China, wo er seit 1869 weilte, in alter Anhänglichkeit an seine Vatefttadt und insbesondere an unsere Ge-i sellschaft mitgebracht hat mrd die ebenfalls zu den! besonderen Sehenswürdigkeiten unseres neuen Mir»! seums zählen wird.

Um die neuen Aufgaben, die wir uns gestellt haben,! nicht bis zur Vollendung des Baues zu verschieben/ haben wir neben den Vorlesungen und dem botanisch-! mikroskopischen Uebungskursus jetzt schon auch eilt zoologisches Praktikum unter Leitung unseres Kustoden! Herrn Dr. Römer eingerichtet. Der Kursus hat be-, reits im verflossenen Monat mit 14 Theilnehmern bei gönnen. Er ist uns ermöglicht worden durch die Hoch­herzigkeit des leider viel zu früh verstorbenen Herrn!

Georg Speyer, durch den uns aus der von ihm unch seiner edlen Gattin ins Leben gerufenen Georg und! Franziska Speyer'schen Studienstiftung die erfordere lichen Mittel zur.Verfügung gestellt worden sind.

Hochansehnliche Versammlung! Wer Einsicht in das! Leben und Weben unserer Gesellschaft zu gewinnen! sich die Mühe nimmt und unsere Sektionäre sieht, die jahraus, jahrein unverdrossen und selbstlos ihre Zeit! und ihre Kraft der Förderung unserer Bestrebungen) widmen, wer die Vorlesungen unserer Dozenten der-! folgt, wer die Männer und Frauen betrachtet, die' stundenlang mit unermüdlichem Eifer an den Arbeits»! tischen bei den praktischen Kursen ausharren, der wird! sich sagen müssen: Hier herrscht ernste, hingebende! Pflege der Wissenschaft. Möchte diese Erkenntniß in alle Kreise der Bevölkerung dringen und die Sencken-! bergische Naturforschende Gesellschaft, wie seit fünf-'

undachtzig Jahren, auch in den kommenden Zeiten ein!

! Denkmal des Gemeinsinns der Frankfurter Bürger-!

| schaft und deren Werthschätzung wissenschaftlicher' Forschung sein! Mt diesem Wunsche rufe ich Ihnen! nochmals ein herzliches Willkommen zu!

Hierauf hielt Stabsarzt Dr. E. Marx, Mitglied) des Königlichen Instituts für experimentelle Therapie,! den Festvorttag:

Ileker WaHrrrngsmittekgifte.

Der Vorttagende erläutert den Begriff der Nähr-,' ungSmtttelgifte dahin, daß solche stets auf biologische! Ursachen zu beziehen wären. Entweder stellt ein mit! einem Nahrungsmittel eingeführtes schädigendes Lebe-' wesen oder ein durch biologische Vorgänge, entstan-« denes organisches Gift die Noxe dar. Vortragender! geht dann zur Besprechung der vorzüglichsten Gifte der! einzelnen Nahrungsmittelgruppen über.

Die erste Ursache einer Giftbildung im Fleisch und! anderen Nahrungsmitteln gibt die Fäulniß ab. Diese! ist ein streng biologischer, an die Thätigkeit von! Mikroben geknüpfter Vorgang. Bei der Fäulniß ent­stehen zahlreiche Gifte Fäulnißtoxine wie Methyl-! guauidin, Neurin, Cadaverin, Muscarin u. a.

DieWurstvergiftungen" sind nicht auf Fäulniß-, gifte, sondern auf ein spezifisches Gift, welches eilt; Sekrctionsprodukt des Bacillus botulinus ist, zu be­ziehen.

Sehr viele Massenvergiftungen nach Fleischgenuß! sind nicht primäre, sondern sekundäre Vergiftungen,! da nicht ein fertiges Gift, sondern ein schädigender! Mikrobe übermittelt wird. Es handelt sich hier um! Uebertragung von Jnfekttonskrankheiten der Thiere' auf den Menschen. Bei diesen belebten Giften spielt! der Bacillus enteritidis eine Hauptrolle.

.Die Fischgifte schließen sich im Ganzen den Fleisch­giften an. Es gibt dann aber noch Fischgifte, welche normal physiologische Produkte des Fisches'sind. Hier- her gehört u. A. das Gift des Rogens des Fugu und! der Barbe.

Von anderen in Thieren (Garnele, Krebs, Hummer, Muschel) vorkommenden Nahrungsmittelgiften sind' nur vereinzelte von Interesse, wie z. B. das Mieß- muschelgift. Auch die Uebertragung des Typhus durch. Austern, die Typhusbazillen enthalten, sindet hier Erwähnung.

Bei Besprechung der Mlch-, Butter- und Käsegifte wird hervorgehoben, daß sowohl Krankheitskeime, wie auch fertige Gifte mit der Milch ausgeschieden werden und so diese Nahrungsmittel giftige Eigenschaften an- nebmen können. Honig kann dann giftig werden, wenn die Bienen fast ausschließlich von Giftpflanzen (z. V. Aconitum) gesammelt haben.

Was die Gifte der pflanzlichen Nahrungsmittel an­belangt, so wird die Giftwirkung von Pilzen erwähnt, dann die Vergiftungen, die durch den Genuß von mit Mutterkorn verunreinigtem Getreide lErgotismus) und durch den von verdorbenem Mais (Pellagra) hervorgerufen werden, besprochen.

Vorttagender schließt mit einem Hinweis auf die Geisel Ostasiens und der Südsee, die Beri-Beri, die höchstwahrscheinlich durch ein im Reis unter Umständen enthaüenes Gift verursacht wttd.

Zum Schlüsse erstattete der II. Direktor, vr. med. E. Noediger, den Jahresbericht.

Nachmittags vereinigten sich in gewohnter Weise zahlreiche Mtglieder und Freunde der Gesellschaft mit ihren Danien zu einem fröhlichen Festmahle im Zoologischen Garten.