Wissenschaftliche Sitzung der Senckenbergischen naturforschenden Gesellschaft.

Samstag, den 9.. November 1895.

Der Vorsitzende, Herr Major Dr. L. v. Heyden, begrüßt die zahlreich erschienenen Mitglieder zum Wieder­beginn der wissenschaftlichen Sitzungen und spricht die Zuversicht aus, daß das stets bethätigte Interesse an den Borträgen und Mittheilungen sich aufs Neue wiederum in diesem Winter zeigen werde

Herr Professor Dr. H. Reichenbach ergreift hieraus das Wort zu seinem angekündigten Vor­trage : Bilder aus dem Leben der Ameisen. Nach eigenen Beobachtungen. Seit etwa zwei Jahren beobachtet der Vortragende die Lebens­weise und die Bauten unserer Ameisen und hat darüber Sammlungen angelegt. Heute berichtet er über seine Beobachtungen im Frankfurter Wald, im Taunus und in Tirol und legt die betr. Ameisen theils unter dem Mikroskop, theils ausgesteckt und theils in Spiritus präparirt mit Eiern, Larven, Puppen, Gästen u. A. der Versammlung vor.

Zunächst werden die umfangreichen Nester und Holz­bauten der Riesenameisen (6amponot,us) auf den Abhängen unseres Taunus beschrieben. Gewöhnlich be­findet sich ein Hauptbau in einem alten Baumstrunk im Gestrüpp verborgen, von welchem unterirdische Gänge nach flachen Steinen ausgehen, die der Sonne ausgesetzt sind. Hier liegen in den Nachmittagsstunden die großen Puppen unter den Steinen und werden von den emsigen Arbeitern bewacht; hebt man einen solchen Stein auf, so verschwin­den die Arbeiter mit ihrer kostbaren Last in den unter­irdischen Gängen und bald ist nichts mehr zu sehen. Von diesen Steinen aus führen auch die Straßen durch den Wald oft viele Meter weit nach Pflanzen, auf welchen Blatt­läuse leben, denn die Ausscheidungen dieser Thiere bilden die Hauptnahrung der Riesenameisen. Eier, jüngere und ältere Larven befinden sich meist in den zahlreichen Bohr­löchern und Gängen des Baumstrunkes. Stört man eine solche Kolonie, so entsteht ein so heftiges Durcheinander­laufen, daß man ein deutliches Geräusch vernimmt. Dabei schlagen die Thiere mit dem Hinterleib auf den Boden; wahrscheinlich ist dies ein Alarmsignal. Auf denn Stilfer Joch fand der Vortragende unter einem Stein den Anfang einer Kolonie: Eine Riesen» Königin saß in einer kleinen Höhle und hatte ein paar. Eier, einige sehr schlecht genährte Larven und zwei Arbeiterpuppen bei sich; Anfangs verrichtet sie Alles selbst, baut, legt Eier, füttert die Larven und hilft den reisen Ameisen aus der Puppenhüllc. Es entstehen erst nur Arbeiter, die ihr die Last abnehmen, und bald wird die Königin gefüttert und braucht nur noch Eier zu legen. ; Es werden dann noch die Nester der Roßameise, der be­haarten Riesenameisen und ihre Verwandten aus den Alpen, besonders aus der Gegend von Bozen, besprochen. Die Pygmäenameise, 1,3 bis 2,3 mm messend, ist eine unserer kleinsten Ameisen von außerordentlich zier­lichem Körperbau. Ihre Nester wurden in der Umgegend von Bozen gefunden; sie befinden sich unter Steinen, von denen in der Regel mehrere zu einer Kolonie gehören; unterirdische Gänge verbinden die verschiedenen Abthei­lungen. Die Thierchen leben unterirdisch und erziehen Wnrzellänse, von deren Saft sie leben (Stallfütterung). Wichtig ist, daß die Formen der Weibchen und Arbeiter­in einander übergehen. Es folgen nun die Beobachtungen an den Nestern der Amazonenamcise am Grafenbruch, von denen hier nur eine erwähnt sei. Am 18. August d. I., um 4 Uhr 20 Min., wurde eine Expedition dieser Sklavenhalter nach einem Nest der grauschwarzen Ameise beobachtet, die ungefähr io verlief, wie die vor zwei Jahren gesehene; auch diesmal kehrten die Räuber mit Puppen der Sklavenameise beladen im Gänsemarsch zurück. Aber bald kamen die Amazonen wieder aus ihrer Höhle, ordneten sich zu einem neuen Zug, um das Sklavennest noch einmal zu plündern. Jedenfalls war dies aber schon so ausgeraubt, daß die Hälste der Amazonen unverrichteter 'Sache den Heimweg nntreten mußte. Was geschah aber nun? Die Amazonen hielten. vor ihrem * Nest eine Versammlung, liefen in dichten Hausen umeinander herum, berührten sich mit den Fühlern und wie aus ein Kommando schlugen sie plötzlich eine der vorigen ungefähr entgegengesetzte Richtung ein und kamen bald an einem zweiten Nest der grauschwarzen Ameise an, das sie dann nach allen Regeln ihrer Kunst ausplünderten.

Redner erörtert nun im Anschluß hieran die Frage, ob diese Thiere rein nach blinden Instinkten handelten, wie der ausgezeichnete Ameisenforscher Wasmann meint, oder ob Verstand (Intelligenz) ihnen zugeschrieben werden könne. Er stellt sich schließlich aus den Standpunkt Ziegler's in Freiburg (Verh.d. deutsch. Zool. Ges. 1892), der Jnstinkthandlungcn alle Thätigkeiten der Thiere nennt, zu denen die Fähigkeit angeboren ist, Hand­lungen dagegen, bei denen der Verstand betheiligt ist, werden auf Grund von Erfahrungen vollzogen; hierbei sind Sinneseindrücke, Gedächtniß u. A. betheiligt und die Fähigkeiten zu Verstandeshandlungen werden erworben. Der Vortragende bespricht nun die zweite sklavenmachende Art unserer Gegend, die blutrothe Raubameise (Formica sanguinea), die er auch in den Alpen vielfach gesehen, die Nester der grauschwarzen Sklaven-, am eise (F. fusca), der rothbärtigen Ameise (F. runbarbis) und wendet sich dann zu den Knote ri­ll meisen, von denen u. A. die große rothe Ameise (Myrmica rubida), die Rasenameise (Tetramorium icaespitum), die von Herrn A. Weis in Tirol erbeutete seltene Gastameise (Formicoxenus nitidulus) Er­wähnung finden und vorgezeigt werden. Letztere lebt in kleinen Nestchen mitten im Haufen unserer rothen Waldameise und wird geduldet; es sind friedliche Thierchen. deren einziges Dertheidigungsmittel ist. wie lobt umzufallen, wenn eine der großen Nestinhaberinnen ihnen drohend entgegentritt. Bemerkenswerth ist dann noch die Entdeckung der schwer zu findenden Säbel- ameise (Ltrongylognatbns tsstaosus) in den Nestern der Rasenameise am Grasenbruch. Männchen, Weibchen und Arbeiter leben in ziemlicher Anzahl mit Arbeitern und (nach Wasmann) einem befruchteten Weibchen der Rasenameisen in sog. Bundeskolonien. Die Säbelameisen erinnern in dem Bau ihrer Mundtheile an die Amazonen, können aber allein Nahrung aufnehmen, ver­stehen nothdürstig zu bauen und sind auch muthig im Kamps. aber ohne Erfolg; sie werden meist getödtet. Zur Brutpflege sind sie jedoch gänzlich unfähig: dies' besorgen ihnen ihreHilfsameisen", von denen sie sich auch füttern lassen. Sie rauben aber die letzteren nicht, sondern es scheint das Derhältniß auf friedlicher Allianz zu beruhen. Der Vortragende hat einmal eine solche gemischte Kolonie aus einem Auszug oder einem Spaziergang beobachtet: 8001000 Arbeiter der Rasenameise und etwa 60 Arbeiter der Säbelameise trieben sich in einem Wagengeleise herum, wobei viele der letzteren von den ersteren getragen wurden.

Nunmehr erzählt der Vortragende seine Wahrnehmungen an der dem Süden angehörigen Soldaten a m eise (Fbsickole). von der auch eine Kolonie in unserem Palmen­garten sich findet. Eine zweite Arbeitersorm mit furchtbar dicken Köpfen heißtSoldat"; diese betheiligen sich nach seinen Beobachtungen an der Vertheidigung des Ameisen­staates, indem sie nnt ihren Köpfen die Zugänge ver» barrikadiren und drohend ihre Beißzangen dem Feinde entgegenstrecken. Sie sollen auch die Rollen der Metzger übernehmen; wenn nämlich eine Leiche erbeutet oder ent­deckt ist, zerschneiden sie mit ihren Kiefern das Fleisch, das dann von den Arbeitern heim geschleift wird. Endlich wird noch die Diebsameise erwähnt und ihre Keller­wohnungen unter den Nestern anderer Ameisen, denen die Larven und Puppen von unten her gestohlen und gefressen werden.

Zum Schluß führt der Redner aus, daß im Ameisen­leben die Jnstinkthandlungen, zu denen die Thiere die Fähigkeit ererbt haben, zwar die Hauptrolle spielen, daß aber in vielen Fällen Verstandesthätigkeiten in nicht geringem Maße betheiligt sind.

Der Vorsitzende dankt dem Redner im Namen aller Zuhörer für den schönen Vortrag.