Um sich der Botanik voll und ganz widmen zu können, wurde der im Nebenamte als Bibliothekar mit angestellte Herr Professor l)r. Möbius mit dem 1. April 1907 von der letzteren Tätigkeit entbunden und lediglich als Direktor des botanischen Gartens bestätigt. Vorlesungen über Botanik hielt derselbe im Winter­halbjahr 1906/07 überKryptogamen",Algen und Pilze", im Sommerhalbjahr 1907 überPhysiologie und Biologie der Pflanzen", (Wachstum und Bewegung).

Wohl das älteste Naturdenkmal unserer Vaterstadt, die im alten botanischen Garten an der Stiftstraße stehende Eibe (taxus baccata) wurde, um sie vor der drohenden Vernichtung zu bewahren, im Frühjahr 1907 nach dem neuen botanischen Garten an der Miquel-Straße verpflanzt. Das schwierige Unternehmen wurde

durch die Firma Ph. Holz mann & Cie. in Frankfurt a. M. unter Leitung des Herrn Professors Möbius

und des Obergärtners des botanischen Gartens, Herrn Rudolf Günther glücklich durchgeführt, was der deutschen Technik alle Ehre macht. Nachdem Fachleute unter anderem auch eine englische Spezialfirma (Wm. Barren & Son-Derbh) sich für ein glückliches Gelingen der Verpflanzung ausgesprochen hatten, wurde mit den Hebungsarbeiten, des ca. 900 Ztr. schweren Baumes, am 29. April begonnen. Der Wurzel­ballen wurde auf einen Durchmesser von ca. 4 m und in einer Tiefe von etwa 2 m freigelegt, in einen festen Holzkasten aus Pitchpine-Balken und Bohlen sicher gefaßt und mittelst Stockwinden und jedesmaligen kreuz­weisen Unterlegens von Balken aus der Grube herausgehoben. Der Transport durch die Straßen der Stadt zum ca. 3 1 /2 km entfernten neuen Standort geschah auf Rollen aus Eichenholz, welche wieder auf einer Unterlage von Balken und Bohlen zum Schutze der Straßenbefestigung liefen. Die Transport- und Verpflanzungs- Arbeiten erstreckten sich über einen Zeitraum von ca. 6 Wochen. Während dieser langen Zeit hat der Baum

zahlreiche frische Wurzeln getrieben. Die Aussichten auf Erhaltung des Baumes sind z. Z. die besten.

Zu den Verpflanzungskosten hat die Stadtverordneten-Versammlung 2000 M. bewilligt, 4805 M. sind durch freiwillige Spenden aufgebracht. Für Beides sagt die Administration hier nochmals verbindlichsten Dank.

Am 28. Februar 1907 wurde in der neuen Bibliotheca Senckenbergii an der Viktoria-Allee der 200jährige Geburtstag des Stifters, verbunden mit der Einweihung der neuen Bibliothek durch eine akademische Feier festlich begangen. Vorher fand eine kurze Gedächtnisfeier am Grabe des Stifters statt.

Zu der Feier waren die Herren Revisoren aus Gießen, die Spitzen der Behörden, die Ärzte Frankfurts, sowie Freunde und Gönner der Stiftung geladen und zahlreich erschienen.

Die Feier nahm einen würdigen und erhebenden Verlauf. Sie wurde durch ein Hornquartett eröffnet; danach hielt der Vorsitzende eine längere Rede, in welcher er die Verdienste Senckenbergs um die Stadt, die Stiftung und die Förderung der Wissenschaft schilderte. Es folgten sodann Begrüßungen von Seiten Sr. Excellenz des Herrn Oberpräsidenten von Wind heim, des Oberbürgermeisters vr. Adickes, der Dekane der juristischen und medizinischen Fakultät in Gießen, des Komites der Bürgerschaft für eine Senckenberg-Gabe, des Direktors der Anatomie Professors vr. Albrecht, des Neurologischen Instituts, Professors vr. L. Edinger, des I. Direk­tors der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft, Dr. med. Knoblauch, des Vorsitzenden des Physi­kalischen Vereins, Professor G. Hartmann, des Vorsitzenden des Vereins für Geographie und Statistik, Herr Geheimer Justizrat vr. A. von Harnier, des vertretenden Vorsitzenden des Ärztl. Vereins, des stellver­tretenden Vorsitzenden des Frankfurter Kunstvereins, vr. jur. Herr P. Roediger, und des Vorsitzenden des Deutsch-Österreichischen Alpenvereins, Herrn Professor Th. Petersen.

Am Tage der Einweihung der Bibliothek wurde beschlossen und bekannt gegeben, daß nach Eröffnung derselben im neuen Hause, dieselbe als eine öffentliche, der Allgemeinheit dienende Bibliothek zur Förderung der Wissenschaft in der Stadt Frankfurt freigegeben werden soll.

Infolge Ausscheidens des Herrn Professor vr. Möbius als Bibliothekar und durch die im Laufe der Jahre stattgefundene Vermehrung der Bücherbestände stellte sich die Notwendigkeit heraus für die Bibliothek einen eigenen Beamtenkörper anzustellen.

Auf seine Bewerbung hin wurde der bis dahin bei der Universitätsbibliothek in Heidelberg angestellt gewesene vr. pbil. Herr Gustav Wahl mit dem 15. Februar 1907 als Bibliothekar angestellt.

Als Bibliothekssekretär wurde der, seit mehreren Jahren im Buchhandel tätige Herr Theodor Häßler aus Berlin am 1. März 1907 angestellt.

Außerdem hat sich die Anstellung einer Schreibhülfe und eines Bibliothekdieners als notwendig erwiesen.

Die Senckenbergische Bibliothek war geöffnet an 300 Tagen. Die Zahl der Entleiher betrug 1310, der Besucher des Lesezimmers 4311. Entliehen wurden 3318 Bücher, im Lesezimmer benutzt 3520 Bücher. Die Gesamtzahl der Besucher der Bibliothek beläuft sich auf 5621, die der benutzten Bücher auf 6838.