«m

<jrruiuu||uuy

Derivative Getties.

T)CPEs gibt, sagt La Bruyere in dem ersten Capitel seinerCharaktere", wenn man es so nennen darf unter­geordnete subalterne Geister, die nur dazu vorhanden scheinen, um allen Produktionen eigentlich schaffender Köpfe zum Sammelplatz, zum Register, zum Magazin zu dienen. Es sind Plagiatoren, Uebersetzer, Compilatoren. Sie denken nicht und sprechen unr das aus, was Schriftsteller bereits gedacht haben. Da die Erfindungsgabe in der Wahl der Gedanken besteht, muß man von ihnen sagen daß sie eine schlechte und schiefe besitzen, durch welche sie eher befähigt werden Vieles als Gutes zu sagen. Sie haben nichts Origi­nales und Eigenthümliches und alles was sie wißen, haben sie erlernt". Menage hieß der Mann an den zu Lebzeiten La Bruyere's diese Complimente gerichtet waren lebte der Verfasser der Charaktere um die Mitte des 19. Jahrhunderts, so hätte das Original zu der treffenden Zeichnung nur der Reichstagsabgeordnete für Wiesbaden Dr. Carl Braun sein kön­nen. Jedesmal, wenn wir die Schilderung des franz. Philosophen lasen, stieg unwillkürlich das Bild jenes vielberufenen Schrift­stellers vor uns aus und das um so schärfer als La Bruyere rm weiteren Verlauf der obenzitirten Stelle anführt, daß grade solche untergeordnete Geister von den Großen und dem Hausen für wirkliche Gelehrte gehalten zu werden pflegten. Im einzelnen indeß nachzuweisen, daß Braun nur ein derartigesDerivatives Genie" sei, konnte uns schon um deßwillen nicht beikommen, weil bis vor Kurzem wenigstens, von unseren Lesern sich Niemand genugsam für den würdigen Mann interessirte, um neugierig darauf zu sein, wo dieser ehrliche Barthel seinen literarischen Most annektire. Seit­dem indeß Herr Braun durch die in der bekannten Brochure niedergelegten Versuche sich die Herzen unserer Mitbürger zu er­obern, hierorts zum allgemeinen Liebling geworden ist, hat sich die Sache geändert, und man darf sich jetzt einer gewissen Ange- legentlichkeit versehen, wenn man dem Meister Braun einmal das Fuchsrecht angedeihen läßt.

Die ausführliche Besprechung der BrochureFrankfurts Schmerzensschrei und Verwandtes" hatte es schon nothwendig erscheinen lassen auf die Art und Weise hinzudeuten wie das

Pamphlet aus den verschiedensten Bestandtheilen compilirt sei; in der Zwischenzeit ist uns von einem verehrten Partei­freunde aus Mainz, dem wir dafür unseren besten Dank aussprechen, treffliches Material beschafft worden, um den geistigen Zeugungsprozeß Braun'scher Werke noch genauer ins Licht zu setzen. Daß Herr Braun ein mehr oder minder geschickter Compilator sei, wußten wir seit. geraumer Zelt, wir vermutheten auch, daß er in seinen Schriften gewissenlos annektire heute liegt uns der Beweis dafür in optima forma vor.

Diejenigen, welche das Braun'sche Pamphlet der Lecture gewürdigt haben, werden sich aus dem dritten Capitel des­selben:Von Frankfurts Macht und Größe", einer Ver­gleichung zwischen den Städten im neunzehnten und im zwölften Jahrhundere erinnern, die angestellt wird, um in gehässigster Weis? zu insinuiren, Frankfurt sei so sehr hinter dem Entwickelungsgange des übrigen Deutschland zurückge­blieben, daß es sich heute noch in jenen unvollkommenen Zu­ständen befinde wie damals. Die Gegeneinanderstellung der communalen Zustände des 19. und 12. Jahrhunderts ge­hörte in der Braun'schen Schrift zu dem Besten und stach vor dem Anderen so sehr hervor, daß es jedem ausmersamen Leser sofort auffallen mußte und, wie wir zu constatiren Gelegenheit hatten, vielen in Wirklichkeit ausgefallen ist. Nun wohl! von dieser ganzen Ausführung gehört nicht ein einziger Gedanke dem Herrn Braun an, sie ist fast Satz für Satz der Guizot'schen Schrift:Histoire de la Civilisation en Europe, und zwar in einer Weise entlehnt, die man als direktes Plagiat bezeichnen muß. Nicht allein der allgemeine Gedanken gang gehört lediglich und allein dem französischen Schriftsteller, auch die ein­zelnen Sätze sind in derselben Form, wie sie in dem französischen Originale stehen, in die deutsche Copie über­tragen und unehrlicher Weise von Herrn Braun zu seinem Eigenthum umgestempelt worden. Es handelt sich hier nämlich nicht etwa um eine Entlehnung, wie sie in literari­schen Kreisen üblich und erlaubt, eschandelt sich nicht um eine gei­stigeEigenthums-Erwerbung durch Spezifikation," Hr. Braun hat den Guizot'schen Gedanken nicht dadurch zu dem seinigen gemacht, daß er ihm seine Form aufgedrückt, es handelt

ßch um ein Entlehnen, wie es immer und zu allen Zeiten in i der literarischen Welt als illoyal und tadelnswerth gegolten hat. Für Diejenigen, welchen dieGeschichte der Civilisation m Europa" von Guizot zur Hand ist, bemerken wir, daß die Ausführungen, welche sich in der Braun'schen Brochure Frankfurts Schmerzensschrei und Verwandtes" Seite 42 bis 45 von den Worten:Soll ich d e Differenz u. s. w." bis zu dem Absätze:Vor hundert Jahren wimmelte u. s. w." sinden, bis auf d e kleinsten Einzelnheiten dem genannten Werke Guizot's und zwar der septiörne Le^on desselben ent­nommen sind. Nach der bei Didier in Paris 1843 erschie­nenen Ausgabe der »Histoire de 1a Civilisation en Europe« ßnden sich die betreffenden Stellen auf Seite 199202. Der Raum gestattet uns nicht, die beiden Auslassungen ihrer ganzen Ausdehnung nach nebeneinander zu stellen, wir müssen uns daher mit nachstehenden Proben begnügen, die indeß vollkommen hinreichen werden, unsere Behauptungen zu be­weisen. Bei Braun heißt es Seite 44, erste Zeile:

-; der damalige Staat kennt keinen Bürgerstand;

die Bürger haben keinen Antheil an den Geschäften des Staates; ihr Wille kömmt nicht in Betracht; und wenn wir nachforschen, wie denn die Bürger selbst darüber denken und reden, wie sie ihr Verhältniß zur obersten politischen Gewalt des Landes auffassen, so finden wir bei ihnen die Sprache schüchternster Unterwürfigkeit; und ihre ehemaligen Herren, von welchen sie sich halbwegs emanzipirt haben, sprechen zu ihnen mit einer verächtlichen Geringschätzung und mit einem schnöden Stolze, worüber wir heut zu Tage erstaunen, worüber aber damals die Bürger sich weder gewundert noch geärgert zu haben scheinen." Bei Guizot finden wir Seite 201, sechste Zeile nach der oben citirten Ausgabe Folgendes:Messieurs, retournons ä notre tour dans le Xlle siede, nous bour­geois du XIXe; Toutes les fois que nous re- garderons aux affaires generales, ä lEtat, au gouvernement du pays, ä lensemble de la societe, nous ne verront point de bourgeois, nous nen entendrons pas parier; ils ne se mdent de rien, ils nönt aucune importance. Et non- seulement ils nont dans lEtat aucune importance, mai si nous voulons savoir ce quils en pensent eux-mßmes, com- ment ils en parlent, quelle est, ä leurs propres yeux, leur

Situation dans leurs rapports avec le gouvernement de la France di general, nous trouverons leur langage dune timidite, dune humilitd extraordinaires. Leurs anciens maltres, les seigneurs, auxquels ils ont arrache leurs fran- chises, les traitent, en paroles du moins, avec une hauteur qui nous confond; ils ne sen etonnent, ils ne sen irritent point.«

Dies ist ein Beispiel, wo sich Braun nicht mit dem bloßen Entlehnen des Gedankens zufrieden gab, sondern die voll­ständige Form desselben ohne Weiteres in seine Brochure hinübernahm, ohne eine Andeutung davon zu geben, daß es fremdes Eigenthum sei, was er seinen Lesern vorlege. Eine weitere Probe mag zur Erläuterung eines andern Annexions­verfahrens dienen, bei welchem Braun einzelne Sätze Guizot's herausgreift und anders verknüpft. Das Correspondirende im deutschen und französischen Text lassen wir gesperrt her­vortreten : Seite 42, neunzehnte Zeile der Braun'schen Bro­chure, heißt es:Der Bürger einer deutschen Stadt des zwölften Jahrhunderts würde mit Erstaunen unsere heutigen Städte sehen. Er würde vor Allem fragen: Wo sind die Stadtmauern, wo ist Graben und Wall, wo Festungsthürme und Zug­brücken, wo ist die Stadtmiliz? Wer ver- theidigt die Stadt gegen den äußern Feind?

Und wenn man ihm antwortete:derStaat", so würde er noch mehr staunen. Denn von dem heutigen Staat, der nach Außen für die Unabhängigkeit der Nation und im In­nern für den Rechtsschutz der bürgerlichen Gesellschaft sorgt, weiß der Mann des zwölften Jahrhunderts nichts. Er kennt zwar außerhalb der Stadt politische Gewalten und Herr­schaften. Aber weit entfernt, die Stadt zu schützen, waren sie damals derselben feindselig. Gerade um ihretwegen hat die Stadt ihre Miliz und ihre Festungswerke nöthig.

Der Stadt-Patrizier des zwölften Jahrhunderts würde es für eine haarsträubend-widersinnige Sache halten, daß außer der Stadt eine dritte auswärtige Gewalt existirt, welche auch für die Stadt Gesetze erläßt, ja sogar Steuern in derselben hebt und die jungen Männer der Stadt zu Sol­daten macht und sie in den Krieg sendet."