,La diplomatie Venitienne; les Princes de lEurope au XVI. Siegle

ist der Titel eines.Werkes, das Armand Böschet als Frucht langjähriger, im Aufträge der französischen Negierung in den venetianischen Archiven ange- stelller Studien (Paris, bei Plon)*veröffentlicht. Venedig war seit dem Ende des 15. Jahrhunderts die große politische Schule Enropa's. Seine Gesandten hatten einen Ruf errungen, den die Fürsten und Staatsmänner der Zeit ihnen vielleicht nur mit einigem Neide zugestanden. Karl V. und Franz I. erklärten sie für die geschicktesten politischen Unterhändler der Welt. Die vene­tianischen Diplomaten besaßen im höchsten Grade die Wissenschaft der Be­obachtung und der charakteristischen Schilderung der Beobachteten. Ihre Staats­schriften bildeten daher eine außerordentlich reichhaltige Fundgrube für die Kenntnisse der Dinge und der Menschen, aber unglücklicher Weise verschloß die Regierung der Republik gerade diese Depeschen undRelazioni mit be­sonderer Eifersucht in ihrer geheimen Kanzlei. Die Depeschen enthielten ein­zelne Reuigeiten, berichteten über eine Unterredung mit einem Minister u. s. w. Die Relazioni aber betrafen die allgemeinen Verhältnisse des Lan­des, bei wechem der Gesandte accreditirt war; vor Allem aber enthielten sie bis ins Emlelne gehende Portraits der Fürsten und der sie umgebenden Staats­männer. Dize Relazioni berichteten über den physischen und moralischen Zu­stand des Königs, über den Charakter der Minister, ihre Gewohnheiten, Schwächen, Triebe und Leidenschaften, und enthielten somit auch ein gutes Stück Odroni<jus scandaleuse. Kein Wunder, daß im 16. Jahrhundert diese Relazioni sich schnell in Europa Respect verschafften und die Neugierde der gesammten politischen Welt in höchste Spannung setzten. Die auswärti­gen Gesandten, in Venedig gaben sich alle erdenkliche Mühe, Kenntniß von diesen geheimen Actenstücken zu erhalten, und gelangten auch in der That sehr häufig, trotz der strengen Gesetze, mit Hülfe ihrer guten Zecchinen in den Besitz der verbotenen Frucht. Für die großen Herren, welche sich mit der Sammlung diplomatischer Actenstücke beschäftigten, wurden die Relazioni der gesuchteste Modeartikel. Bloße Neugierde war sicher nicht der Grund aller dieser Bemühungen um den Besitz authentischer Copieen der venetiani­schen Rapporte. Vielmehr stand die Staatsweisheit Venedigs damals in einem so hohen Ansehen, daß es für Fürsten Und Staatsmänner auch ein höheres Interesse hatte, zu wissen, wie jene Elite-Regierung ihre Denk- und Hand­lungsweise beurtheile. So ist es denn gekommen, daß eine sehr bedeutende Menge Copieen der Relazioni nicht geheim geblieben, namentlich waren die werthvollen raovolts di codici vieler römischer Cardinäle aus dem 16. und 17. Jahrhundert reich an solchen Cabinetsstücken. Die große Zahl der circu- lirenden Copieen hat Manchen auf den Gedanken gebracht, der venetianische Senat habe die Verbreitung derselben stillschweigend gestattet und die Relazioni seien nur dem Namen nach geheime Documente gewesen. Herr Böschet hält diese Meinung mit Recht für vollkommen irrig. Die Relazioni wurden so geheim gehalten, wie die Dispacci, aber die ersteren waren für die speculiren- den Liebhaber leichter zugänglich, weil den Gesandten 14 Tage, zur Vorberei­tung ihres Vortrages eingeräumt waren. Jetzt ist der Zugang zu den Ge­heimnissen der alten Republik geöffnet, aber die reiche Fundgrube ist darum doch noch lange nicht erschöpft. Auch das vorliegende Werk umfaßt nur das 16. Jahrhundert, und berücksichtigt in diesem Zeiträume vorzugsweise die Beziehungen der venetianischen Diplomatie zum französischen Hofe, wie das denn auch dem Zwecke der wissenschaftlichen Sendung, die dem Verfaffer vom Unterrichts- und Staats-Ministerium zu Theil geworden, entsprach. Jedoch gehen auch die übrigen Staaten nicht leer aus: neben Franz I. und Katha­rina von Medicis finden wir die Portraits Heinrich's VIII., Wolsey's, der Königinnen Marie und Elisabeth, der Päpste Alexander VI., Julius II., Leo X., Si^us V. u. s. w., alle entworfen von der Meisterhand der repu- blicanischen Staatsmänner und vom Verfasser möglichst treu reproducirt. Besondere Hervorhebung verdient die Schilderung der dramatischen Indivi­dualität Philipp's II., über den zehn auf einander folgende Gesandte ihre scharfen Beobachtungen in den Archiven der Republik medergelegt haben.

Die Ausführung des Werkes verdient alles Lob; sie zeigt, daß der Ver­fasser seiner Aufgabe, die eisernen Fleiß und Ausdauer erheischte, gewachsen war. Die Ausstattung ist ebenfalls vortrefflich; die zahlreichen Facsimile's, unter denen ein Document mit Randauckerkungen von Philipp II. besondere Erwähnung verdient, bilden eine werthvolle Zugabe. Wir schließen mit dem Wunsche, daß die archivalischen Studien, die der Verfasser seit dem Jahre 1855 begonnen, auch fernerhin so reich an Resultaten für die Wissenschä