Frankfurt a. M., im November 1906.
Die Neubauten der Dr. Senckenbergischen Stiftung nahen sich ihrer Vollendung und können voraussichtlich im Laufe des kommenden Jahres bezogen werden.
Dann verlässt die Stiftung mit den ihr befreundeten Instituten die Stätte, die ihr der Edelsinn des Stifters vor mehr als hundert und vierzig Jahren geschaffen hat.
Das jetzige Stiftungsgrundstück wird mit allen Gebäuden in den Besitz der Stadt übergehen und nicht in dem alten Umfang erhalten bleiben. Der Vergrösserung des Platzes am Eschenheimer Turm und der Erweiterung der Stiftstrasse werden die dort stehenden Gebäude zum Opfer fallen müssen.
Die Bebauung des botanischen Gartens wird nicht lange ausbleiben. Von der Zerstörung des Gartens werden zwei alte Zeugen längst vergangener Zeiten betroffen: das Grab Senckenbergs und der nahe dabei befindliche Eibenbaum.
Das Grab des Stifters wird die Stiftung in ihrer Obhut behalten und nach einem Platz in der Nähe der Kapelle des neuen Bürgerhospitals verbringen.
Sollte es nicht möglich sein, auch den Eibenbaum vor dem Untergang zu bewahren und seine Verpflanzung nach einem der neuen Stiftungsgrundstücke zu bewirken?
Der Eibenbaum (taxus baccata) hat ein überaus hohes Alter erreicht. Nach einer Schätzung ist er etwa 600 Jahre, nach einer anderen sogar fast 1000 Jahre alt.
Trotz seines hohen Alters ist der Baum noch so lebensfähig, dass er eine Verpflanzung aushalten kann. Eine Befragung ausgezeichneter Fachgelehrter hat ergeben, dass die Verpflanzung aller Wahrscheinlichkeit nach von Erfolg begleitet sein wird, wenn die Wurzeln des Baumes rechtzeitig vorbereitet werden. Dies ist seit zwei Jahren durch allmähliches Abschneiden der Hauptwurzeln geschehen. Der Baum hat die Operation gut überstanden, hat sehr reichliche junge Wurzeln getrieben und in seinem Aussehen nicht gelitten.
Ein ähnlicher Versuch ist im Garten des preussischen Herrenhauses an zwei etwas jüngeren Eibenbäumen mit Erfolg ausgeführt worden. Freilich ist das Gelingen nicht unbedingt sicher. Die Zähigkeit der Eibenbäume berechtigt aber zu der Hoffnung, dass auch der jetzige Versuch von Erfolg begleitet sein werde.
Die Verpflanzung des Baumes, welcher mit einem geräumigen Ballen ausgehoben werden müsste, erfordert besondere technische Einrichtungen und verursacht bedeutende Kosten, die auf 7—8000 Mk. veranschlagt sind.