München, d. 15. Junius 1820

Pein glücklicher Sohn!

Wer kann sich des seltenen Glückes, welches Dir, in Deiner Dich v.egen deines Geistes hochachtenden und wegen deiner sonstigen Persönlichkeit herslichst liebenden, eben­so guten als schonen Gattinn zu Theil geworden, mehr freuen, als ich, dein Vater?

Aber wer muss nicht auch zugleich in höherem Grade erkennen, welche schweren Pflichten du dich zu unter­ziehen hast, wer kann ernstlicher wünschen und sehnlichster hoffen, dass du sie auch, veröientermassen, gewissenhaft glücklich machen mögest?

Bis dahin hattest du ausser gegen dich Selbst, gegen Niemand, als gegen einen vielleicht zu nachsichtigen Vater Verantwortlichkeit. Ausser dem ruhigen Selbstbe- wusstseyn, war dessen Zufriedenheit dein grösster Lohn.

Allein, Nun, kann die bisherige Anstrengung die bisherige dem ärztlichen Studium und Nachdenken gewidmete Zeit, die Insul torische, y^lanlose Lecture nicht mehr hin- reichen.

Entwerfe Dir, je eher je besser, einen deinen dermaligen Umständen angemessenen neuen förmlichen Lebens- Plan. An Einsicht und Verstand dazu fehlt es Dir nicht, aber zur Treuen und beharrlichen Ausführung desselben, erflehe Dir von der Höheren fcacht die nothigen Kräfte.

Kenn auch die crassen, anthropomorrhischen Vor­stellungen von einem Künftigen Richter, von Belohnung und Strafen uns nicht bewegen sollen, beständig-Gott vor Augen und im Herzen zu haben, so ist doch soviel sicher und gewiss, dass jeden Nenschen, ein inneres Bewusstseyn bald fühlen lässt, und euch vollkommen überzeugt, nicht nur dsss ein nach Tugend Ringender schon während des Erdenlebens in seinem Innern, nach Höherem strebenden glücklicher ist, kein Erschrecken über eine Nemesis zu besorgen hat, sondern such dass sein Unzerstörbares, übrigbleibenäes. sich einst anders, als das eines weniger sich bemüht habenden verhalten

muss. - Folge demnach, ehrfurchtsvoll, der Leitung und

dem Beyspiele, deines wackeren, thätigen. möglichst viel in der kürzesten Zeit beschickenden, aus reinster Liebe zu seiner Tochter Tag und Nacht sich den Geschäften auf­opfernden, Dich sc hochstellenden, zu deinem Wohlbefinden alles Ersinnliche eifrigst beytragenden Schwiegervaters. Seine Ehre ist Deine Ehre! Eeachte aufs freundlichste und heiligste, die verständigen, liebreichen Winke des Dir verliehenen, erweckenden, anfeurenden, unterstützenden,

Sorge und &ühe erleichternden SchutzGeistes! Hüte Dich, ihn, bey seiner grossen Langmuth, Geneigtheit Dich zu entschuldigen, ja Deine Fehler geduldig und gern auf sich zu nehmen, durch Fahrlässigkeit, zu oft- oder zu arg zu